Anti-Euro-Buch Thilo Sarrazin zündelt wieder

Grobmaul Thilo Sarrazin
Seine markigsten Sprüche

Von news.de-Redakteur Martin Walter
Europa braucht den Euro nicht: Thilo Sarrazin kritisiert in seinem Anti-Euro-Buch die Kanzlerin und instrumentalisiert den Holocaust für seine Zwecke. Eine zweifelhafte Verkaufsstrategie, die aber voll aufgeht.

Thilo Sarrazin kann es einfach nicht lassen. Der streitbare Politiker zündelt gerne öffentlich, verbrennt sich dabei die Finger und zündelt dann doch wieder. Allerdings wird er für das Spiel mit dem Feuer auch fürstlich entlohnt. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich sein neues Werk Europa braucht den Euro nicht an der Spitze der Bestsellerlisten auszumalen.

Die erklecklichen Absatzzahlen seiner Bücher liegen zum einen darin begründet, dass sich die Mehrheit fürchterlich aufregt, wenn Sarrazin zündelt. Das macht ihn interessant. Zum anderen finden es offenkundig viele Deutsche gut, wenn einer den Mut aufbringt, gegen die öffentliche Meinung zu zündeln.

Politik und Medien tun ihm den Gefallen, mit breiter Entrüstung auf seine provokanten Thesen einzusteigen. Der Name Sarrazin bürgt für Aufmerksamkeit. Bereits zwei Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart von Europa braucht den Euro nicht bot Günther Jauch dem Autor eine prominente Plattform, im Rededuell mit Peer Steinbrück sein Buch zu bewerben. Dem Mitglied der SPD-Troika kam die Ehre zu, Sarrazins Thesen als erster öffentlich zu zerreißen («größter Bullshit»).

Es folgten, in loser Reihenfolge, Politiker wie Jürgen Trittin, Volker Beck (beide Grüne) oder Linke-Fraktionsvize Dietmar Bartsch («Sarrazin schafft sich ab - endgültig»). Und um die Riege der notorisch Empörten zu komplettieren, ergriff auch der Zentralrat der Juden das Wort. «In seiner Gier nach größtmöglicher Aufmerksamkeit schreckt er auch nicht davor zurück, den Holocaust für seine Zwecke zu instrumentalisieren und zu missbrauchen», kritisierte Zentralratspräsident Dieter Graumann im Tagesspiegel.

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Die Empörungswelle rollt also. Doch ist die Aufregung um Sarrazins neues Buch überhaupt gerechtfertigt? 

Griechenland aus dem Euro schmeißen

In erster Linie handelt es sich bei Sarrazins Werk - der Buchtitel ist Programm - um eine Abrechnung mit dem Euro. Die zentrale These: Der Euro hat Europa und Deutschland bisher überwiegend Nachteile gebracht. Diese durchaus gesellschaftsfähige Ansicht untermalt das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank mit finanzpolitischem Fachwissen.

Bail-Out, Sovereign Debt, keynesianische Lehre: Der erste Teil von Europa braucht den Euro nicht kommt einer ökonomischen Abhandlung gleich. Was in der Aufregung um Sarrazins Holocaust-Vergleiche gerne vergessen wird: Der 67-Jährige ist unbestritten ein Finanzexperte. Sarrazin umreißt im Schnelldurchlauf Zustandekommen und Entwicklung der Europäischen Gemeinschaftswährung, analysiert die aktuelle finanzpolitische Situation in Europa und liefert Zahlen. Viele Zahlen.

Wer eine fundierte und hintergründige Einschätzung über die europäische Finanzkrise lesen möchte, liegt mit Sarrazins Buch richtig. Konkret wird er bei der Forderung eines Austritt Griechenlands aus dem Euro. Bei allen negativen Auswirkungen sieht er die Gemeinschaftswährung dennoch nicht als gescheitert an, Fehler seien vielmehr bei der Konstruktion gemacht worden. So wirft er Ex-Kanzler Helmut Kohl vor, mit dem Euro eine «unklare Wette auf Kosten deutscher Interessen» eingegangen zu sein. 

«Die deutsche Flucht nach Europa»

Wer dagegen der sensationslüsternen Presse folgend ein Skandalbuch wittert, sollte direkt mit dem letzten Kapitel einsteigen. Aus den Rückschlüssen, die Thilo Sarrazin dort zieht, speist sich die öffentliche Kritik. «Die deutsche Flucht nach Europa» ist ein Absatz übertitelt, in dem er per Rückgriff auf den Holocaust die deutsche Rolle in Europa auslegt. 

Die deutsche Begeisterung für Europa sei nicht zu erklären, «ohne die moralische Last der Nazizeit», heißt es da. Und weiter: Die Befürworter europäischer Staatsanleihen seien «getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben».

Kanzlerin Angela Merkel bekommt als «Gefangene jenes deutschen Nachkriegs-Denkstils, wonach nur ein letztendliches Aufgehen Deutschlands in Europa Deutschland vor sich selbst und die Welt vor Deutschland retten könnte», ebenfalls ihr Fett weg. Immerhin habe sie durch den Euro an Popularität gewonnen, ätzt Sarrazin.

Was man von dem streitbaren Politiker auch immer halten möchte: Die Verkaufsstrategie von Sarrazin und seinem Verlag ist erneut aufgegangen. 200.000 von 350.000 Exemplaren der Startauflage sind schon vorbestellt. Eine sensationelle Zahl für ein finanzwissenschaftliches Fachbuch.

zij/news.de

Leserkommentare (48) Jetzt Artikel kommentieren
  • Doc Orgas
  • Kommentar 48
  • 28.02.2014 12:49

Selbstverständlich werde ich das Buch kaufen und Sarrazin spricht das aus was ohnehin schon mind. 40% der Deutschen wissen und denken!! Traurig aber wahr, Jene die nicht mit dem Mainstream konform gehen, werden auf in- famster Weise diffamiert und radikalisiert. Und man braucht kein Hellseher zu sein um zu erkennen, dass die Global- Player in WhiteHouse sich anschicken die absolute Welt- Herrschaft zu gewinnen aaaber die Sonne ist immer schon im Osten aufgegangen u dort wird sie bald für längere Zeit verweilen.

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  • Pazifiko
  • Kommentar 47
  • 25.01.2014 17:13

Ohne diesem Mann etwas "Böses" antun zu wollen, so kann man doch nur sehr erstaunt sein, dass er bei soviel "Nächstenliebe", die von ihm ausgeht, immer noch unter den Lebenden weilt. Allerdings ist dies auch besser so, denn sonst hätten wir einen neuen Märtyrer mit vielleicht ungeahnten Folgen.

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  • Iason
  • Kommentar 46
  • 10.12.2013 18:00

Wenn ich heut zu tage die Hetzjagd der Medien so sehe und höre, ob es nun gegen Sarrazin oder Ukraine und Russland sind, komme ich mir 70- 80 Jahre zurückversetzt, also genau dahin, wo Sarrazin angesiedelt wird.

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