Horst Seehofer im ZDF «Sie können das alles senden!»

ZDF heute journal
Horst Seehofer lässt Dampf ab
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Juliane ZiegengeistVon news.de-Redakteurin
Die Nachgespräche offizieller Interviews sind doch am schönsten. Ungefiltert und ehrlich - so wie sich die wenigsten Politiker vor der Kamera geben. Horst Seehofer war nach einem Interview im heute journal scheinbar alles schnuppe. Er ließ angesichts der CDU-Schlappe in NRW Dampf ab und das ZDF sendete es.

Jetzt kommt ein «außergewöhnliches Interview». So leitete heute journal-Moderator Claus Kleber am Montag ein Gespräch mit Horst Seehofer ein, das nun hohe Wellen schlägt. Nach einem offiziellen Interview mit dem CSU-Chef lief die Kamera weiter - und auch die Unterhaltung. Nur eben etwas lockerer, ungezwungener, ehrlicher.

Darin ließ Seehofer seinem Frust über das Wahldebakel der CDU in Nordrhein-Westfalen freien Lauf. Er glaube fest an das Potenzial der Union, Deutschland regieren zu können, nur komme das bei den Bürgern nicht an. Die Schlappe in NRW sei ganz klar CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen anzulasten. Er habe mit seinem Hintertürchen nach Berlin einen großen Fehler gemacht. Alle guten Ratschläge seien an ihm abgeprallt und seine Wahlchancen «wie ein Eisbecher in der Sonne geschmolzen».

«Machen Sie 'ne Sondersendung»

Röttgen habe in Umfragen mit 37 Prozent gegenüber 34 Prozent von Hannelore Kraft (SPD) begonnen und in nur sechs Wochen massiv verloren. Nicht weil er davon-, sondern gar nicht erst hingelaufen sei. «Ich habe ihm gesagt, das ist nicht Ihre Privatentscheidung, ob Sie nach NRW gehen oder nicht. Das trifft die ganze Union. Wenn Sie das nicht korrigieren, dann wird es uns hart treffen und genauso ist es gekommen», erklärte Seehofer, auch wenn er lieber nicht Recht behalten hätte. Die Verärgerung darüber war ihm deutlich anzumerken.

Und als ob er hinter das Gesagte noch ein Ausrufezeichen setzen wollte, versicherte er zum Ende des inoffiziellen Nachgesprächs: «Sie können das alles senden! Machen Sie 'ne Sondersendung.» Das heute journal nahm ihn beim Wort. Sein Ziel, nicht so zu tun, als sei nichts passiert, hat der bayerische Ministerpräsident damit erreicht.

Schon im offiziellen Interview mit Claus Kleber hatte er betont, nun nicht einfach so weitermachen zu können. Als ein «Desaster» bezeichnete Seehofer das Wahlergebnis in NRW. Daraus müsse man Konsequenzen auch für die Arbeit der Union in Berlin ziehen. Gegenüber Wahlverlierer zeigte er sich da noch etwas versöhnlicher: Röttgen sei trotz aller Kritik kein Bundesumweltminister auf Bewährung, betonte Seehofer. Es sei ein gemeinsamer Fehler gewesen, an dem man nun arbeiten müsse, etwa bei einem Treffen der drei Parteivorsitzenden von CDU, CSU und FDP.

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Liberale fordern Seehofer zur Disziplin auf

Die Liberalen zeigten sich alles andere als begeistert von Seehofers Verhalten. Vor allem seine Drohung, an keinem weiteren Koalitionsausschuss teilnehmen zu wollen, bevor nicht alte Beschlüsse realisiert worden seien, stößt auf Verärgerung. «Horst Seehofer verhält sich wie im Kindergarten. Er spielt mit dem Erfolg der Koalition und sollte daher schnell aus der Schmollecke kommen», sagte der Chef der Jungliberalen, Lasse Becker, der Bild-Zeitung. Kollegin Katja Suding riet Seehofer, «die Mätzchen zu lassen».

Der ist mit seiner offenen Kritik an Röttgen nicht allein. Wolfgang Kubicki, der in Schleswig-Holstein für die FDP abräumte, legte Röttgen sogar den Rücktritt als Bundesminister nahe. «Ich würde mir überlegen, ob ich meine Funktion noch ordentlich ausüben könnte», sagte er der Leipziger Volkszeitung. Er gehe davon aus, dass Röttgen «eine mentale Pause braucht von ein, zwei, drei, vier Jahren, bevor er im politischen Betrieb wieder reüssieren kann». Diese Erkenntnis werde auch bei ihm selbst in der Sommerpause heranreifen.

wam/news.de/dpa

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