EM in der Ukraine Stille Diplomatie oder lauter Boykott

Die Debatte um die Fußball-EM in der Ukraine und die inhaftierte Oppositionelle Julia Timoschenko will nicht verstummen. Während sich deutsche Politiker über einen Boykott der Spiele streiten, soll ein Charité-Arzt die Gefangene in der kommenden Woche behandeln. Ob damit Ruhe einkehrt, bleibt jedoch fraglich.

Solidarität mit Timoschenko unweit der  EURO 2012-Fanmeile (Foto)
Rund 100 Timoschenko-Unterstützer sind in der Ukraine aus Solidarität mit ihr in den Hungerstreik getreten. Bild: Alexey Furman/dapd

Die Bundesregierung verschärft ihren Ton gegenüber der Ukraine. Es gehe nicht nur um die Lösung des Falles der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko, sondern «um eine Normalisierung des Umgangs mit der Opposition in der Ukraine insgesamt», sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU). Zugleich lobte er die Boykott-Drohungen gegen die Fußball-Europameisterschaft in dem Land.

Friedrich sagte der Zeitung Bild am Sonntag: «Unsere Erwartungen an die Ukraine sind klar: Die Menschenrechte müssen im Umgang mit Inhaftierten gewahrt bleiben.» Die Debatte um einen Boykott der Spiele begrüßte der CSU-Politiker. «Die ukrainische Führung weiß, Europa schaut auf sie und insofern ist die aktuelle Debatte im Sinne unseres Anliegens durchaus hilfreich.» Wenn sich ein Land um ein internationales Sportereignis wie die EM bewerbe, dann auch, um in einem positiven Licht zu erscheinen.

Boxer Klitschko kritisiert Boykottdrohungen

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier lehnte dagegen solche Schritte entschieden ab.S teinmeier findet laut Zeitungen der WAZ-Mediengruppe: «Die sportlichen Wettbewerbe sollten nicht in den Dienst der Politik gestellt werden.» Die Europameisterschaft sollte auch in der Ukraine stattfinden. Damit würde auch den deutschen Spielern die Möglichkeit gegeben werden, «offen die Meinung zu sagen».

Boxweltmeister Vitali Klitschko forderte die westlichen Politiker auf, Appelle zum Boykott nicht zu befolgen und als Zuschauer in die Stadien zu kommen. «Ihr Missfallen an der Verletzung der Menschenrechte» könnten sie dann an Ort und Stelle «direkt gegenüber den ukrainischen Machthabern äußern», sagte Klitschko dem Focus. So werde die Weltöffentlichkeit auf die Missstände in dem Land aufmerksam.

Auch der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, hat den Umgang der deutschen Politik mit dem Fall Timoschenko verurteilt. «Deutschland könnte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg die Ukraine verklagen. Dieser Weg wird wahrscheinlich deshalb nicht beschritten, weil er nicht als medienwirksam genug angesehen wird», sagte Papier der Welt am Sonntag. «Stattdessen werden auch von deutschen Politikern abwegige Forderungen nach einem Boykott der Fußball-Europameisterschaft erhoben.»

Eine mögliche Klage gegen den Umgang der ukrainischen Regierung mit Oppositionspolitikern hat für Außenminister Guido Westerwelle (FDP) jedoch keine Priorität. «Für mich ist jetzt das Wichtigste, dass wir eine Lösung für eine angemessene medizinische Behandlung von Frau Timoschenko finden», sagte Westerwelle der Welt am Sonntag.

Kauder setzt auf «stille Diplomatie»

Der CDU-Politiker Kauder hält «stille Diplomatie» für den besten Weg, um Timoschenko zu helfen. Der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte er, dies sei «oft effektiver als lautes Rufen». Auf diplomatischem Weg müsse alles versucht werden, damit die ukrainische Politikerin in Deutschland medizinisch behandelt werden könne, wie sie es wünsche.

Zur Frage, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine boykottieren solle, sagte er: «Die Bundeskanzlerin weiß selber, was richtig ist.» Er bleibe aber dabei, dass es einen Besuch hochrangiger Politiker in der Ukraine nur geben könne, wenn die Möglichkeit bestehe, mit Timoschenko zu sprechen.

Charité-Arzt soll Timoschenko therapieren

Die in der Haft schwer erkrankte frühere ukrainische Ministerpräsidentin befindet sich weiterin im Hungerstreik, stimmte aber einer Behandlung im staatlichen Eisenbahnerkrankenhaus Charkiw vorläufig zu, wie am Freitag bekannt wurde. Der Chef der Berliner-Charité, Professor Karl Max Einhäupl, war zusammen mit Vertretern des Bundeskanzleramtes zum vierten Mal innerhalb von drei Monaten in die Ostukraine gereist.

In einem Gespräch mit Timoschenko sei vereinbart worden, dass am kommenden Dienstag ein Kollege Einhäupls aus der Charité mit einem Team zur Behandlung der Ex-Regierungschefin nach Charkiw kommen wird. Gemeinsam mit ukrainischen Ärzten soll der Charité-Spezialist die seit Oktober 2011 erkrankte Politikerin therapieren. Wie lange die Behandlung Timoschenkos genau dauern wird, ist derzeit unklar. Als Minimum gelten zwei Monate.

Offenbar steht Timoschenko der jetzigen Lösung noch skeptisch gegenüber. Ihre Tochter Jewgenija sagte der dapd: «Meine Mutter möchte, dass der Charité-Arzt sie behandelt, vor allem auch bei sensiblen Dingen wie der Medikamentengabe, dem Verabreichen von Spritzen und bei körperlichen Untersuchungen. Zu den Medizinern des ukrainischen Gesundheitsministeriums hat sie kein Vertrauen.»

zij/news.de/dapd/dpa

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • putinfanatiker
  • Kommentar 1
  • 06.05.2012 07:54

Die EM soll und muss in der UKRAINE sowohl auch im benachbarten Polen seinen Lauf nehmen ,Fussball bzw. Sport hat mit POLOTIK nichts aber ABSOLUT NICHTS ZU TUN !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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