Sportpolitik Der Sportplatz als politische Bühne

Der Sportplatz als politische Bühne (Foto)
Der Sportplatz als politische Bühne Bild: dpa

Berlin - Sei es zur Imageverbesserung autoritärer Regime oder für Proteste gegen Menschenverletzungen - Sportveranstaltungen sind immer wieder zur politischen Bühne geworden.

Die Wirkung war sehr unterschiedlich.

Nazi-Diktator Adolf Hitler missbrauchte die Olympischen Spiele 1936 zu Propagandazwecken, das südafrikanische Apartheid-Regime wurde über den Ausschluss von Sportveranstaltungen isoliert und im Kalten Krieg geriet der Sport zwischen die Fronten des Ost-West-Konflikts. 2008 wurde Olympia in Peking zur Plattform für Proteste gegen die Menschenrechtslage und jetzt lenkt die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den Umgang der Regierung mit Oppositionellen, allen voran Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko.

«Sport ist die wahrscheinlich größte Kommunikationsplattform der Welt», sagt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach. Das ist aber nicht erst so, seitdem Fußball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele von Milliarden Fernsehzuschauern weltweit verfolgt werden. Schon bei den «Olympischen Zwischenspielen» 1906 schwenkte der Weitspringer Peter O'Connor die irische Flagge, um für die Unabhängigkeit seines Landes von Großbritannien zu demonstrieren. Und 1908 in London weigerte sich das finnische Team, hinter der Fahne Russlands zu marschieren, zu dem das damalige autonome Großfürstentum zu dieser Zeit gehörte.

Mit der rasanten Verbreitung von Radio und Fernsehen stiegen auch die Möglichkeiten, mit Protestaktionen Wirkung zu erreichen. 1968 nutzte die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung die Olympischen Spiele in Mexiko, um gegen Rassendiskriminierung zu demonstrieren. Die farbigen 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos, die Gold und Bronze gewannen, reckten auf dem Podest ihre in schwarze Handschuhe gehüllten Fäuste in die Luft - das Symbol der «Black Power»-Bewegung.

«Die Wirksamkeit solcher Aktionen war unterschiedlich, ist aber insgesamt als beträchtlich bis stark zu werten», sagt der Kölner Sportpolitik-Professor Jürgen Mittag. Kaum zu unterschätzen sei beispielsweise der Ausschluss Südafrikas von internationalen Sportveranstaltungen während des Apartheid-Regimes. «Es ist dadurch bisweilen mehr Druck auf Südafrika ausgeübt worden als durch sämtliche Wirtschaftssanktionen und Wirtschaftsboykotte.» 1976 waren zahlreiche afrikanische Staaten aus Protest gegen ein Spiel der neuseeländischen Rugbymannschaft in dem Apartheidstaat der Sommerolympiade im kanadischen Montréal ferngeblieben.

Als Flop wertet Mittag die zahlreichen Olympia-Boykotte zu Zeiten des Kalten Krieges. Zwischen 1958 und 1980 verzichtete China auf eine Teilnahme, weil Taiwan dabei war. 1956 blieben die Niederlande, Spanien und die Schweiz den Spielen in Melbourne wegen der Niederschlagung des Volksaufstands in Ungarn fern. Ägypten, der Irak, Kambodscha und der Libanon boykottierten dieselben Spiele aus Protest gegen die israelische Besetzung der Sinai-Halbinsel.

Der Höhepunkt der Boykott-Welle folgte in den 80er Jahren. 1980 verzichteten die USA und in ihrem Gefolge rund 40 weitere westliche Staaten auf die Teilnahme an den Spielen in Moskau. Anlass war der sowjetische Einmarsch in Afghanistan. Die Sowjetunion und 13 Bruder-Staaten revanchierten sich 1984 mit dem Boykott der Spiele in Los Angeles.

«Das sind eher Beispiele für den Weg in die Sackgasse», sagt Mittag. Niemand sei damit glücklich geworden. Politisch blieben die Aktionen wirkungslos und bei den Sportlern riefen die Boykotte erhebliche Frustrationen hervor. Im aktuellen Fall der EM in der Ukraine wird ein Boykott wohl auch wegen der Erfahrungen in den 80er Jahren gar nicht erst diskutiert. Stattdessen distanziert sich die Politik von der Regierung um Präsident Viktor Janukowitsch, indem sie mit dem Verzicht auf einen Besuch in den EM-Stadien droht. «Genau mit dieser kritischen Wahrung von Distanz vermag man es, Veränderungsprozesse in die Wege zu leiten», sagt Mittag.

Der Sport beobachtet Vereinnahmungsversuche der Politik skeptisch. «Der Sport darf nicht zum Knüppel der Politik werden», sagt DOSB-Präsident Bach. «Wenn der Sport in politischen und Menschenrechts-Fragen nachhaltig positiv wirken will, muss er politisch neutral, aber nicht apolitisch handeln.» Die aktuelle Debatte über die Inhaftierung der Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko und deren Gesundheitszustand begrüßt Bach in diesem Sinne. Man dürfe den Sport aber nicht überfordern, betont er. «Der Sport ist nicht in der Lage, für die Einhaltung und Umsetzung der Charta der Vereinten Nationen zu sorgen. Dies ist Aufgabe der Politik.»

Jürgen Mittag im Internet

news.de/dpa

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