Pflege 140 000 Heimbewohner werden zwangsweise festgehalten

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140 000 Heimbewohner werden zwangsweise festgehalten Bild: dpa

Berlin - Trotz Verbesserungen leiden hunderttausende deutsche Pflegeheim-Bewohner unter oft eklatanten Missständen. Von rund 140 000 Menschen, die mit Gittern oder Gurten festgehalten werden, fehlt nach Recherchen der Krankenkassen bei jedem zehnten die vorgeschriebene Anordnung eines Gerichts.134 000 Menschen mit erhöhtem Risiko zum Wundliegen bekommen nicht genug Schutz dagegen.

Die Krankenkassen forderten die Heime bei der Präsentation ihrer Prüfergebnisse am Dienstag in Berlin eindringlich auf, die Zustände abzustellen.

«Die gute Nachricht ist, dass sich die Qualität der Pflege positiv weiterentwickelt hat», sagte Kassenverbands-Vorstand Gernot Kiefer. «Aber es gibt noch viel zu tun.» Im Vergleich zum Pflege-Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes der Kassen 2007 gab es zum Beispiel Verbesserungen bei der Unterstützung beim Essen und Trinken für Menschen, die dement sind oder Schluckbeschwerden haben. Doch immer noch halfen die Pflegekräfte in 97 000 Fällen dabei zu wenig.

Ein Riesenproblem ist die Zuwendung für Demenzkranke - sie machen bereits 61 Prozent der rund 700 000 Heimbewohner aus. In den nächsten 50 Jahren soll sich die Zahl der Demenzkranken in Deutschland auf 2,5 Millionen mehr als verdoppeln. Zentral für diese Menschen sind den Kassen zufolge Angebote zur Bewegung, zur Wahrnehmung und insgesamt die Beschäftigung mit ihnen. Doch trotz Verbesserungen auch in diesem Bereich bekämen rund 100 000 von gut 420 000 Heimbewohnern mit Bedarf an solcher Zuwendung zu wenig davon. Nicht mal bei zwei von drei Demenzkranken achten die Pfleger ausreichend auf deren Wohlbefinden.

Diese bisher größte Untersuchung zu dem Thema zeigt das Ausmaß des Leidens der Pflegeheimbewohner. So litten 31 Prozent an chronischen Schmerzen - bei vielen bemüht sich das Heim aber nicht um eine systematische Einschätzung dazu. Zwei von drei Bewohnern sind inkontinent.

«Die Qualität der Pflege in Deutschland ist überwiegend gut», sagte der Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes, Peter Pick. «Jedoch wird in zentralen Versorgungsbereichen - Beispiel Ernährung, Dekubitus (Wundliegen) - eine relevante Gruppe von 20 bis 40 Prozent der Pflegebedürftigen nicht entsprechend den anerkannten Standards einer guten Pflege gepflegt.» Pick kritisierte zudem, «dass zu viele ruhigstellende Mittel in Pflegeeinrichtungen verordnen werden». Vielen Einrichtungen attestierte Pick akuten Handlungsbedarf.

Kurz vor der ersten Beratung der von Verbänden und Opposition als völlig unzulänglich kritisierten Pflegereform im Bundestag an diesem Donnerstag forderte Kassenmanager Kiefer die Parlamentarier zu schnellerer Hilfe für Demente auf. «Es gibt viele sachliche Gründe, die Leistungen für dementiell Erkrankte vorzuziehen.» Laut Entwurf von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) soll erst 2013 mehr Geld für sie fließen.

Eindringlich riefen Pick und Kiefer Heime und Gerichte dazu auf, die Häufigkeit von Freiheitseinschränkungen in Heimen sehr deutlich zu reduzieren. Heime müssten dafür auf erforderliche Genehmigungen achten.

Auch bei den derzeit rund 1,7 Millionen Menschen, die ambulant betreut werden, gibt es deutliche Versäumnisse. So unterbleiben bei rund 23 Prozent der Menschen, denen die Pfleger beim Gehen helfen sollen, nachweisbare Mobilitätsleistungen. Nur zwei Fünftel der daheim gepflegten Menschen mit Risiko zum Wundliegen erhalten eine entsprechende Beratung. Insgesamt verschlechterte sich die Lage bei den ambulant betreuten Dementen im Vergleich zu 2007.

Die Verbesserungen seit 2007 führten die Kassen auch auf ihre Prüfungen zurück. «Die seit 2009 jährlich stattfindenden Qualitätsprüfungen fördern eine Qualitätsdiskussion in den Einrichtungen», sagte Kiefer. Die im Internet abrufbaren Pflegenoten für die einzelnen Heime müssten aber noch aussagekräftiger werden.

Auch der Deutsche Ethikrat forderte eindringlich einen menschlicheren Umgang mit den immer zahlreicheren Demenzkranken. Mehr Geld und mehr Freiräume für die Betroffenen forderten Deutschlands führende Regierungsberater in ihrer neuen Stellungnahme.

Die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung wertete den Prüfbericht und die Stellungnahme der Ethiker als Doppelschlag gegen Bahr. Die Stiftung warf ihm Untätigkeit vor. «Wir kritisieren seit Jahren, dass das Fälschen und Frisieren von Pflege-Dokumentationen nicht bestraft wird», sagte Brysch zudem der Nachrichtenagentur dpa.

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news.de/dpa

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