Uwe Böhnhardt Mutter des Terroristen packt aus

Sie schickte ihm Plätzchenrezepte in den Untergrund und umarmte ihren Sohn, als er schon vier Menschen getötet hatte. Die Mutter des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt hat in der ARD-Sendung Panorama ausgepackt. Und erzählt, dass sich das Trio im Jahr 2000 fast gestellt hätte.

Uwe Böhnhardt stammt genau wie sein Kumpan Uwe Mundlos aus einem Akademikerhaushalt. (Foto)
Der mutmaßliche NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt (links) stammt genau wie sein Kumpan Uwe Mundlos aus einem Akademikerhaushalt. Bild: dpa

«Wir sind die Familie des Täters.» Uwe Böhnhardts Mutter steht zu ihrer Verantwortung. Sie, selbst Lehrerin von Beruf, erzog einen der drei Neonazis, die als Zwickauer Terrorzelle mit zehn Morden eine Blutspur durch Deutschland gezogen haben sollen. Am Donnerstagabend konnten die Fernsehzuschauer die in Jena lebenden Eltern in der ARD-Sendung Panorama erleben. Sehr offen sprechen sie über ihr Scheitern bei Uwes Erziehung. Beide Böhnhardts sind Akademiker, Mutter Lehrerin, Vater Ingenieur.

«Unsere Schuld wird es sein, dass wir diese kleinen Anzeichen wahrscheinlich nicht richtig gedeutet haben oder ihre Schwere nicht erkannt haben. Dass wir immer noch gedacht haben, das wird wieder», sagt Brigitte Böhnhardt.

Das Schuldeingeständnis der Eltern ist ein tiefes persönliches Bekenntnis. Auf politischer Ebene hat nun Ex-Innenminister Otto Schily (SPD) Schuld für Ermittlungsfehler zur Anschlagserie der rechtsradikalen Terroristen auf sich genommen: «Dafür, dass wir der NSU-Terrorgruppe nicht früher auf die Spur gekommen sind, tragen ich und die Länderinnenminister die politische Verantwortung», sagte Schily dem in Berliner Tagesspiegel. Es sei falsch gewesen, am Tag nach dem Nagelbombenanschlag des NSU im Juni 2004 in Köln zu sagen, ersten Ermittlungen zufolge gebe es keinen terroristischen Hintergrund für die Tat.

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Mutter traf ihren Sohn, als er schon im Untergrund lebte

Ein fateler Irrtum. Vielschichtiger ist die Schuldfrage, mit der Uwe Böhnhardts Eltern sich ganz öffentlich auseinandersetzen. In dem Panorama-Beitrag erzählen sie von einem Uwe, der Schulprobleme hatte, zum Kleinkriminellen wurde und dann unter ihren Augen in die rechtsextremistische Szene abglitt.

«Er war unser Jüngster, Kleinster, das Nesthäkchen», sagt die Mutter, die über geheime Treffen mit ihrem Sohn berichtet, als das Trio längst im Untergrund lebte und ihm Ermittler auf den Fersen waren. Sie erzählt dabei skurrile Details. Beim letzten Treffen in einem Park im Frühjahr 2002 habe sie auf Wunsch von Beate Zschäpe, der Dritten im mörderischen Bund, Rezepte der Lieblingsplätzchen ihres Sohnes mitgebracht.

Genau wie ihr Sohn Uwe stammt auch Uwe Mundlos, der als intellektueller Kopf des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) galt, aus einem Akademiker-Haushalt. Mundlos, der sich zusammen mit seinem Kumpan im November 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach erschoss, hat einen Informatik-Professor als Vater. Jena, eine Universitätsstadt mit florierender Optik- und Software-Industrie ist eines der wirtschaftlichen Aushängeschilder in Ostdeutschland.

Die gute Kinderstube der Rechtsradikalen war in Jena bekannt

Laut Süddeutscher Zeitung soll Beate Zschäpe gesagt haben, es sei unverständlich, dass sich die beiden Uwes so entwickelt hätten, sie hätten schließlich ein «behütetes Elternhaus gehabt». In Jena galt es als offenes Geheimnis, dass die Rechtsextremisten, die in den beiden Plattenbaugebieten Winzerla und Lobeda aufgewachsen sind, aus «guten Elternhäusern» stammen.

Ein Kenner der Szene in Jena sagt: «Die passen nicht in das Klischee, dass Rechte aus dumpfen, dörflichen Milieus kommen.» Dass es eine recht aktive rechte Szene in Jena gab und gibt, wird nicht verschwiegen. Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD), der kürzlich einen Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus erhielt, glaubt, dass das Problem in den 1990er Jahren nicht ernst genug genommen wurde. «Es ist tragisch für uns, dass die Neonazis, die die schlimmsten Verbrechen seit 1945 in Deutschland verübt haben, aus Jena stammen.» Die Erwartung von Böhnhardts Mutter, Schulamt oder Polizei hätten ihrem Sohn schon frühzeitig einen «Schuss vor den Bug» geben müssen, hatte sich nicht erfüllt.

Mutter: Im Jahr 2000 wollten sich Böhnhardt und Zschäpe stellen

Sie offenbart in dem Interview einiges, was sie zuvor den Ermittlern gesagt hat. Bereits vor Wochen war die Rede davon, dass die Eltern vom Zeitpunkt des Untertauchens des Trios Ende 1998 bis 2002 Verbindungen zu ihrem Sohn und seinen beiden Komplizen gehabt hätten. In diesem Zeitraum hatte das Morden bereits begonnen: Am 9. September 2000 sollen die Neonazis in Nürnberg gemordet haben, im Jahr 2001 werden ihnen drei Morde angelastet. Nach 2002 brach die Verbindung nach Angaben der Mutter ab.

Wie viele Kontakte es letztlich gab, bleibt offen. Über ein Treffen 2000 sagt Brigitte Böhnhardt: «Unser Sohn und Beate Zschäpe haben gesagt, sie würden sich stellen. Aber der Uwe Mundlos war nicht bereit.» Von den Morden wussten die Eltern nach eigenen Angaben nichts. «Ich denke jeden Tag an die Opfer, immer», sagt die Mutter.

Über das letzte Mal, als sie ihr «Nesthäkchen», sah, sagt Brigitte Böhnhardt: «Dass Sie uns umarmen können und haben schon vier Menschen getötet. Das kann ich bis heute nicht fassen.» Die Eltern könnten die Angehörigen der Opfer nicht um Verzeihung bitten. «Man kann das nicht verzeihen.»

iwi/jag/news.de/dpa

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kelleraßlar
  • Kommentar 3
  • 21.04.2012 11:14

Bei der Fragestellung, ob die Eltern ihren Sohn verraten müssen kommt mir eine ganz andere Frage in den Sinn: Haben Eltern ihre Söhne nach Jugoslawien und Afghanistan gefragt: Hast Du Menschen getötet? Nicht wieviele sondern überhauot. Ich kenne diese Situation und keiner hat diese Frage gestellt. Weil jeder wußte: Soldaten sind Mörder? Nein, das war nicht der Schweigegrund. Einigei nehmen dich in die Arme, drücken dich; du sollst merken das er da ist wenn du ihn brauchst. Den Zeitpunkt bestimmst du. Ich verstehe die Mutter die ihren Sohn umarmt,wer sonst wenn nicht die Familie.

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  • hagal
  • Kommentar 2
  • 20.04.2012 22:29
Antwort auf Kommentar 1

Da ist jedes Wort wohlgefällig. Warum nicht immer so?

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 1
  • 20.04.2012 13:57

Lehrers Kinder / Müllers Vieh - geraten selten oder nie. Die Dame soll ihrem Schuldeingeständnis Taten folgen und Wiedergutmachung leisten. Dumme Sprüche im Fernsehen klopfen, kann nicht den Anforderungen politisch korrekter Lebensführung genügen. Lebenslängliche Unterhaltszahlungen an die Opfer der Blutspur ist die angemessene Reaktion auf die Erziehungsfehler, deren sich die Dame als Mutter und Lehrerin schuldig gemacht hat. Hoffentlich bekommt sie für ihre öffentliche Rede viel Geld. Der deutsche Dubbel sehnt sich nach Geständnissen dieser Art.

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