Konflikte Karsai will früheren Nato-Abzug: zurückhaltende Reaktionen

Kabul/Washington/Brüssel/Berlin - Der afghanische Präsident Hamid Karsai will nach dem Amoklauf eines US-Soldaten den Abzug der Nato-Kampftruppen um ein ganzes Jahr vorziehen.

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Karsai will früheren Nato-Abzug: zurückhaltende Reaktionen Bild: dpa

«Beide Seiten müssen dabei zusammenarbeiten, den Übergabeprozess von den internationalen Truppen an die afghanischen Kräfte 2013 statt 2014 abzuschließen», teilte Karsai am Donnerstag in Kabul mit.

In Deutschland und den USA wie auch bei der Nato stieß er damit allerdings auf zurückhaltende Reaktionen. Washington wolle wie vorgesehen erst 2014 die gesamte Verantwortung für die Sicherheit in die Hände afghanischer Truppen legen, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney. Das sei die Strategie von Präsident Barack Obama, «und daran wird sich gehalten». 2013 solle das US-Militär jedoch auf eine «unterstützende Rolle» am Hindukusch umschwenken.

Das Bundesverteidigungsministerium bekräftigte indes den Zeitplan der Nato, der einen Abzug bis zum Jahr 2014 vorsieht. «Wir haben eine Vereinbarung innerhalb des Bündnisses, und die steht», sagte ein Sprecher in Berlin. Für Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sei klar, «dass sich Deutschland bezüglich der Übergabe der Sicherheitsverantwortung synchron mit den internationalen und afghanischen Partnern verhält», sagte ein Sprecher.

Eine Nato-Sprecherin erklärte, die Entscheidung über die Übergabe der Sicherheitsverantwortung in ganz Afghanistan an Armee und Polizei des Landes wird vom Nato-Gipfel Ende Mai in Chicago getroffen. Der Übergang von der Zuständigkeit der Nato-geführten internationalen Schutztruppe Isaf an die Afghanen laufe und mache Fortschritte, erläuterte Oana Lungescu weiter.

In der Mitteilung Karsais nach einem Treffen mit US-Verteidigungsminister Leon Panetta hieß es: «Wir sind bereit, alle Sicherheitsverantwortung für das Land zu übernehmen.» Nach dem Massaker an 16 Zivilisten forderte Karsai außerdem einen Rückzug aller internationalen Soldaten aus den Dörfern in ihre Stützpunkte. Nach seinem Willen sollen ausländische Soldaten außerdem nicht mehr in Häuser von Afghanen eindringen dürfen. Karsai zielt damit auf ein Ende der nächtlichen Operationen gegen die Taliban ab.

Die Taliban setzen nach eigenen Angaben ihre Gespräche mit der US-Regierung im Golf-Emirat Katar aus. Die Beratungen hätten sich als «Zeitverschwendung» erwiesen, teilten die radikalen Islamisten im Internet mit. Die USA zeigten keinen Willen, Abmachungen zu erfüllen. Ihr «wackliger, sprunghafter und vager Standpunkt» sei verantwortlich für die Aussetzung.

US-Regierungssprecher Carney erklärte lediglich, Washington unterstütze «den von Afghanen geführten Prozess». Die Bedingungen seien klar: Wer sich aussöhnen wolle, müsse die Waffen niederlegen, sich von Al-Kaida lossagen und sich zur Verfassung bekennen.

Die USA hätten sich zunächst bereiterklärt, Gefangene auszutauschen, hieß es in der Taliban-Mitteilung weiter. Mit der Zeit seien sie aber von ihren «Versprechen» abgerückt.

Die USA und die Taliban hatten über einen Austausch von Gefangenen als eine Art vertrauensbildende Maßnahme für mögliche weitergehende Friedensgespräche verhandelt. Aus den USA hatte es Widerstand gegen die Freilassung von fünf Taliban-Funktionären aus dem Gefangenenlager Guantanamo gegeben. Die Taliban haben seit längerem einen US-Soldaten in ihrer Gewalt, den sie zum Tausch angeboten hatten.

Nach dem Massaker eines US-Soldaten wurde der mutmaßliche Amokschütze außer Landes gebracht. Der Soldat sei zu einer «geeigneten Arresteinrichtung» außerhalb Afghanistans geflogen worden, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby dem US-Sender Fox News. Nach Informationen des Senders CNN befindet sich der mutmaßliche Täter in einer US-Militärbasis in Kuwait.

Bei dem Massaker in der Provinz Kandahar waren nach afghanischen Regierungsangaben 16 Menschen getötet worden, darunter neun Kinder. Der Amoklauf hatte auch zu Spekulationen über einen beschleunigten Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan geführt.

Die Gewalt in Afghanistan dauert indes an. Bei einem Anschlag in der südafghanischen Provinz Urusgan wurden am Donnerstag neun Kinder und vier Frauen getötet. Zwei Männer seien verletzt worden, als ein Fahrzeug mit Zivilisten in eine Sprengfalle geraten sei, sagte der Sprecher der Provinzregierung, Farid Ayel.

Taliban-Statement

news.de/dpa

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