Syrien Assad lässt Syrer über Verfassung abstimmen

Syrien (Foto)
Eine Demonstration gegen das syrische Regime in Paris. Bild: dapd

Von Weedah Hamzah
Zwischen Tod und Trümmern lässt Präsident Assad die Syrer über eine neue Verfassung abstimmen. Reine Augenwischerei, sagt die Opposition. Sie will keine andere Verfassung, sie will einen anderen Präsidenten.

Syrien hat gerade ganz andere Sorgen als seine Verfassung: Das Land versinkt immer tiefer in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die Städte Homs und Hama, Hochburgen der Opposition, lagen auch am Wochenende unter Beschuss der Regierungstruppen. Landesweit starben mehr als 130 Menschen. Die Verfassungsreform, über die Präsident Baschar al-Assad die Syrer am Sonntag abstimmen ließ, ist da nach Einschätzung von Experten kaum geeignet, die seit fast einem Jahr andauernde Krise zu lösen.

Nach dem Entwurf für die neue Verfassung soll die bisherige Monopolstellung der seit Jahrzehnten regierenden Baath-Partei fallen. Auch der Sozialismus wird aufgegeben. Aber politische Aktivitäten auf Basis der Religion oder der Stammeszugehörigkeit sind untersagt. Gleichzeitig wird betont: «Die islamische Jurisprudenz ist die Hauptquelle der Gesetzgebung». Auch darf nur ein Muslim Präsident werden. Viele Kritiker sehen in diesen Festlegungen einen Widerspruch.

Syrien-Konflikt
Assads brutaler Krieg
Regierungstruppen starten am 28. Juli 2012 eine Großoffensive gegen die Rebellen in der Metropole Aleppo. (Foto) Zur Fotostrecke

SMS mit Aufrufen zu «Loyalitätsmärschen»

Stimmberechtigt waren nach Angaben der Regierung 14,6 Millionen registrierte Wähler. Viele bekamen in der vergangenen Woche Nachrichten auf ihr Mobiltelefon, in denen sie aufgefordert wurden, an «Loyalitätsmärschen» teilzunehmen.

Doch letztlich nahmen an dem Referendum vor allem Bürger im Zentrum von Damaskus teil. Außerhalb der Hauptstadt sowie in den Krisenregionen blieben die Bürger nach Berichten von Augenzeugen den Wahlurnen eher fern. Die Opposition hat den Verfassungsentwurf zuvor als Augenwischerei zurückgewiesen und erklärt, dass sie nichts anderes akzeptieren will als den Rücktritt Assads, dessen Familie das Land seit 42 Jahren regiert.

Der Verfassungsentwurf ebne zwar erstmals den Weg zu einem politischen Pluralismus in Syrien, räumen Aktivisten und Experten ein. Gleichzeitig zementiere er aber die weitreichenden Vollmachten des Präsidenten - darunter auch die Befugnis zur Auflösung des Parlaments, der Zustimmung zu Gesetzen und der Berufung der Regierung. Im Internet zeigten Oppositionelle Videos aus den umkämpften Regionen Idlib und Homs, wo Regimegegner in eigens errichteten Wahllokalen «Assads Verfassung» in als Wahlurnen zurechtgemachte Mülleimer warfen.

Neue Verfassung bewahrt die Macht des Präsidenten

«Die neue Verfassung bewahrt dem Präsidenten die absolute Macht», sagt Mohammed Faour vom Carnegie Middle East Research Centre in Beirut. Und er fragt: «Wie kann dieses Referendum erfolgreich sein, wenn ein Teil des Volkes im Aufstand gegen das Regime ist?»

Die Opposition geht davon aus, dass unter der neuen Verfassung nur solche Parteien vom Assad-Regime zugelassen werden, die loyal zur Baath-Partei stehen. Sie verweisen auf Artikel 3, wonach ein Präsidentschaftskandidat schon mindestens zehn Jahre in Syrien leben muss und nur mit einem Syrer verheiratet sein darf. Damit wären politische Gegner Assads ausgeschaltet, die seit Jahren im Exil leben und oft mit Ausländern verheiratet sind.

Als haarstäubend bezeichneten es Beobachter, dass Assad die Volksabstimmung stattfinden ließ, während so viele Städte von Regierungstruppen belagert sind. So liegen die Viertel der sunnitischen Muslime in Homs schon seit 20 Tagen unter Granatenbeschuss. «Ein Referendum sollte es erst dann geben, wenn die Regierung die vorgeschlagene Verfassung mit der Opposition diskutiert und alle Gewalt eingestellt hat», sagt der libanesische Analyst Amin Kammourieh.

Der prominente libanesische Politiker Walid Dschumblatt, einst ein Verbündeter Syriens, hat das Referendum als «Ketzerei» bezeichnet. «Der Verfassungsentwurf stinkt nach dem Leichengeruch und den Trümmern in Homs und anderen Orten in Syrien», schrieb Dschumblatt in der Zeitung «Al Anbaa».

Mehr als 7500 Menschen getötet

Seit Beginn der Protestbewegung im März 2011 sind nach einer Schätzung der Organisation Syrian Observatory for Human Rights mit Sitz in London mehr als 7500 Menschen getötet worden. Der Konflikt nimmt immer mehr die Züge eines Bürgerkriegs an, sunnitische Rebellen der Freien Syrischen Armee kämpfen gegen Regierungstruppen, deren Kommandeure wie Assad der schiitischen Religionsgemeinschaft der Alawiten oder Nusairer angehören.

«Die neue Verfassung enthält massive Widersprüche», sagt der libanesische Analyst Saad Kiwan. «Einerseits verbietet sie die Bildung politischer Parteien oder politische Aktivitäten auf der Basis der Religion, der Volks- oder Stammeszugehörigkeit. Andererseits bestimmt sie eindeutig, dass der Präsident ein Muslim sein muss und dass das Recht der islamischen Scharia die Grundlage der Gesetzgebung sein soll.» Kiwan fügt hinzu: «Anstelle dieses Referendums hätte das Regime erkennen sollen, dass es Leute im Land gibt, von denen es nicht mehr akzeptiert wird.»

iwe/wam/news.de/dpa

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • hagal
  • Kommentar 3
  • 29.02.2012 07:59

Zur Erweiterung des Horizonts der armen einseitig Informierten über die "bösen Syrer"! http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/redaktion/syrien-wer-steckt-in-wahrheit-hinter-den-kriegsvorbereitungen-.html

Kommentar melden
  • HabeWasVerpasst
  • Kommentar 2
  • 28.02.2012 10:21
Antwort auf Kommentar 1

Natürlich und der Islam ist wiedereinmal Frieden, Gell? Aber wenn Assad in Syrien geht, dann kommt ein anderer Islamshamane und das Morden geht weiter. Das alles tut dieser Shamane nur für den Frieden, so wie man auch dort die Opposition nur für den Frieden ermordet. Wichtig ist mal wieder das Gerücht zu verbreiten, dass Israel und die USA die Finger im Spiel hätten. Hauptsache ein Kufar steckt dahinter. Denn Morden ist erlaubt, wenn mann die einzig wahre Religion inne hat. Noch was vergessen? http://www.islam-deutschland.info/forum/viewtopic.php?t=603

Kommentar melden
  • kelevra
  • Kommentar 1
  • 26.02.2012 15:05

Man muß die Doku"Schachmatt"gesehen haben damit man versteht wie es in Syrien versucht wird:"http://www.youtube.com/watch?v=m7BEenUr6ZQ"!Der einzige Unterschied ist jetzt,daß Putin sich diesmal nicht über den Tisch ziehen ließ sondern Assad nicht fallen läßt.Mutwillige Tötung unbeteiligter Zivilisten und Gefangener,Folter, geheime Gefängnisse,rechtlose Gefangene,Strafen ohne Verfahren,jahrzehntelange Verschleppung und Anhaltung ohne Verfahren,Ermordung politischer Gegner etc.das betrifft nur USA und Israel!Dazu sind diese unterwanderten "Menschenrechtler" sowas von still als gäbe es sie nicht!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig