Neonazi-Opfer Merkel entschuldigt sich bei Angehörigen

Merkel bittet Angehörige um Verzeihung (Foto)
Staatsakt: Bundeskanzlerin Angela Merkel entschuldigt sich. Bild: dpa

Als Semiya Simseks Vater ermordet wurde, stand zunächst seine eigene Familie unter Verdacht. Bundeskanzlerin Angela Merkel bat nun beim Gedenkakt in Berlin um Verzeihung für falsche Anschuldigungen. Im ganzen Land haben Menschen geschwiegen und der Opfer des rechten Terrors gedacht.

Semiya Simsek warf der Polizei schwere Versäumnisse im Umgang mit ihrer Familie vor. «Elf Jahre lang durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein», sagte Simsek in ihrer Ansprache. Semiyas Vater Enver Simsek war Blumenhändler in Nürnberg und wurde am 9. September 2000 erschossen.

Nach dem Mord, so berichtete Semiya Simsek, habe ihre Mutter unter Verdacht gestanden, ihren Ehemann ermordet zu haben. Auch sei ihr Vater verdächtigt worden, ein krimineller Drogenhändler gewesen zu sein. «Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert», forderte Simsek in ihrer Ansprache.

Die Bundeskanzlerin hatte zuvor die Angehörigen der Terroropfer um Entschuldigung für die falschen Anschuldigungen während der Ermittlungen gebeten. Es sei besonders beklemmend, dass Angehörige zu Unrecht unter Verdacht gestanden hätten, sagte Angela Merkel. «Dafür bitte ich Sie um Verzeihung.» Die Kanzlerin vertritt bei der Gedenkfeier für die neun ermordeten Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft sowie für eine deutsche Polizeibeamtin den Bundespräsidenten. Ursprünglich sollte Christian Wulff die Rede halten, nach seinem Rücktritt sprang die Kanzlerin ein.

NSU
Die Geschichte einer beispiellosen Terrorserie

Vater wünscht sich, dass Straße nach seinem Sohn benannt wird

Ismail Yozgats Sohn Halid wurde am 6. April 2006 in einem Internetcafé erschossen, von Mitgliedern der rechtsextremen Terrorzelle. Bei der Gedenkfeier für seinen Sohn und die neun weiteren Opfer Mordserie schilderte er, wie Halid in seinen Armen starb. Er bedankte sich für das Angebot finanzieller Unterstützung, lehnte sie aber ab: «Meine Familie möchte seelischen Beistand, keine materielle Entschädigung», sagte Yozgat.

Er äußerte in seiner Ansprache drei Wünsche: Dass die Mörder gefasst und die Helfershelfer und die Hintermänner aufgedeckt werden. Dass die Holländische Straße, in der Halid Yozgat geboren und umgebracht wurde nach ihm benannt wird: Halid-Straße. Und, dass im Angedenken an die Toten ein Preis ausgelobt wird: «Wir möchten gerne eine Stiftung gründen und sämtliche Einnahmen spenden für Menschen, die krebskrank sind.»

Angela Merkel versicherte den Angehörigen: «Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen.» Es gelte alles zu tun, damit sich so etwas nie wieder wiederholen kann. Erste Weichen für eine bessere Zusammenarbeit der Behörden würden bereits gestellt.

Merkel betonte, überall, wo an den Grundfesten der Menschlichkeit gerüttelt werde, sei Toleranz fehl am Platz. «Die Morde der Thüringer Terrorzelle waren auch ein Anschlag auf unser Land. Sie sind eine Schande für unser Land.»

Fließbänder bei Porsche und Daimler stehen eine Minute lang still

Rund 100 Zwickauer haben mit einer Schweigeminute vor dem Rathaus der Opfer der mutmaßlichen Neonazi-Mordserie gedacht. Hier waren die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bis 2011 untergetaucht.

Zugleich haben in Berlin und vielen anderen deutschen Städten Tausende durch ihr Schweigen den Rechtsextremismus verurteilt. Viele Unternehmen folgten einem Aufruf des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Arbeitgeberverbände und ließen die Arbeit um 12 Uhr kurz ruhen.

In Berlin stoppten Busse und Straßenbahnen an Haltestellen, U- und S-Bahnen verharrten an Bahnsteigen. Auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg unterbrach seine Programme für eine Minute und bei Porsche und Daimler standen die Fließbänder still.

Kenan Kolat vermisst Strategie gegen Alltagsrassismus

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, hatte am Morgen gesagt, er erwarte von dem Gedenkakt ein klares Zeichen der sozialen Einheit. Es müsse sehr deutlich werden, dass die rechtsextremistische Mordserie «ein Anschlag auf unsere freiheitlich demokratische Gesellschaft war, in erster Linie, und nicht auf eine bestimmte Gruppe», sagte Mazyek im Deutschlandfunk. Rassismus sei in der Vergangenheit unterschätzt worden. Niemand könne rückblickend sagen, er sei von den Terroranschlägen überrascht.

Skeptisch sieht der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, die Gedenkfeier. Was Politiker Anfang der 1990er Jahre nach den Morden in Mölln und Solingen gesagt hätten, könne man «heute wortwörtlich übernehmen, da hat sich nichts verändert», sagte er dem Neuen Deutschland. «Es ist wichtig, dass man Rassismus verurteilt, aber das reicht nicht aus.» Er vermisse eine klare Strategie der Bundesregierung gegen den gesellschaftlichen Rassismus.

iwi/mik/news.de/dpa

Leserkommentare (8) Jetzt Artikel kommentieren
  • hagal
  • Kommentar 8
  • 20.04.2012 22:59

Für welches Land?"Unser" Land?Merkels Land?Die BRD gibt es seit der Vereinigung der westlichen Besatzungszonen mit der SBZ nicht mehr auch wenn sich das scheinbar mangels Interesse hiesiger Heloten noch nicht herumgesprochen hat(1991 wurden die BRD und die DDR bei der UNO abgemeldet dafür ein Deutschland angemeldet.Seit damals steht auf den Briefmarken "Deutschland".Nach 21 Jahren wird von Politikern und Medien noch immer der Eindruck aufrecht erhalten es gäbe eine BRD und das Grundgesetz ist Makulatur ohne,daß endlich eine Verfassung geschaffen worden wäre)Deutschland?Das ist was ganz anders!

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  • OnkelOtto
  • Kommentar 7
  • 25.02.2012 11:18

Merkel on tour...

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  • Iason
  • Kommentar 6
  • 24.02.2012 18:11
Antwort auf Kommentar 5

Entschuldigung Ich meine natürlich Kommentar 1 und nicht Nichtwähler.

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