Eurokrise «Griechenland ist im freien Fall»

15 Milliarden Euro fehlen im Hilfspaket für Griechenland. Athen droht schon wieder die Pleite, wenn es keine Schulden erlassen bekommt. Finanzexperte Guntram Wolff sieht Deutschland in der Pflicht - sonst droht Euro-Chaos.

Reicht der geplante Schuldenerlass von Privatbanken und Fonds, um Athen zu retten?

Guntram Wolff: Nein. Die Lage ist zu dramatisch. Die Wirtschaft ist im freien Fall, es ist unmöglich, dass Griechenland seinen Schuldenstand auch nur annähernd bedienen kann - selbst bei einem Verzicht des Privatsektors von 100 Milliarden Euro. Die Europäische Zentralbank muss sich wie die privaten Banken beteiligen. Sonst hätte das eine verheerende Wirkung für die anderen Länder, von denen die EZB Anleihen hält.

Und die Euroländer, allen voran Deutschland, müssen auf die Rückzahlung ihrer Notkredite verzichten?

Wolff: Anders geht es nicht. Griechenland ist mit mehr als 100 Prozent extern verschuldet. Aus der Geschichte wissen wir, dass es in einem Währungsverbund unmöglich ist, das jemals zurückzuzahlen. Die Wirtschaft wird stranguliert - da können sich die Griechen noch so sehr auf die Hinterbeine stellen. Das muss man verstehen: Wenn es keinen Verzicht des öffentlichen Sektors gibt, provoziert man eine menschliche, eine wirtschaftliche und letztlich eine politische Katastrophe. Und es ist nicht in unserem Interesse, dass Griechenland im Chaos versinkt.

Ohne Moos nix los
Die größten Staatspleiten

Wie teuer würde es?

Wolff: 50 bis 100 Milliarden Euro müssten wohl von staatlicher Seite abgeschrieben werden. Das würde im Euroraum verteilt. Für Deutschland also bis zu 27 Milliarden Euro Verlust. Aber wenn man ehrlich ist, muss man sich eingestehen: Die 27 Milliarden sind jetzt schon verloren. Denn Athen wird 2020 nicht solvent sein und deswegen nicht selbst wieder Geld aufnehmen können.

Wie sollte die Kanzlerin in Berlin weitere Opfer für Athen verkaufen, wenn die Griechen daheim ihre Aufgaben nicht erfüllen?

Wolff: Die Strategie muss so aussehen: Man entschuldet das Land und beendet zugleich jede weitere Finanzierung. Wenn die Regierung kein Primärdefizit anhäuft, kann sie ja ohne weitere Hilfe von außen operieren.

Ist der Ausstieg Athens aus dem Euro nicht der leichtere Weg?

Wolff: Das wäre fatal für die Ansteckung in die anderen Länder. Wenn man das machen möchte, müsste man extrem gut vorbereitet sein. Dann müsste man den Rest der Eurozone mit Euro-Bonds versehen, die Schulden gemeinsam bedienen. Sonst bricht das Währungssystem zusammen.

Während die Not für die Hellenen immer größer wird, hat sich die Lage für Italien und Spanien entspannt. Die Zinsen sind deutlich gesunken. Warum?

Wolff: Die EZB hat großen Anteil, weil sie die Banken mit Liquidität versorgt. Das hilft auf dem Staatsanleihenmarkt. Zudem sind in Italien und Spanien Regierungen an der Macht, die reformwillig sind und denen Erfolge zugetraut werden. Und es gibt inzwischen Ermüdungserscheinungen bei internationalen Investoren: Sie sehen schon, dass mehr und mehr Mittel zur Kriseneindämmung zur Verfügung gestellt werden, und dass mehr und mehr Entscheidungshoheit über die Haushalte abgegeben wird. Wir gehen langsam Richtung Lösung. Das wird schon wahrgenommen.

Welche Bedeutung hat dabei der Fiskalpakt, den Berlin durchgeboxt hat?

Wolff: Der Pakt ist eine politische Willenserklärung, die klar macht: Wir nehmen es ernst, unsere Hausaufgaben durchzuführen. Inhaltlich ist vieles schon in den EU-Regulierungen enthalten. Aber das Signal ist wichtig, Haushaltssouveränität abzugeben oder zu teilen.

Nach den Sparbeschlüssen soll der EU-Gipfel morgen die Weichen für mehr Wachstum stellen. Nur woher soll es kommen?

Wolff: Wir haben nur sehr wenige Instrumente auf EU-Niveau, die eine drohende Rezession abwenden können. Das ist eines der großen Probleme des Euroraums. Wir haben nur eine gemeinsame Geldpolitik, und die EZB wird die Zinsen weiter senken müssen. Die Strukturfonds der EU sind relativ klein. Es wäre ein starkes Signal, wenn der Gipfel ein großes Infrastrukturprojekt für die Energiewende auflegte. Ein europäisches Programm zum Beispiel zur Stromerzeugung durch Solar- und Windkraft, zur Infrastruktur für Elektroautos. Dafür müsste der EU-Haushalt neue Mittel erhalten. Oder Brüssel müsste Kredite aufnehmen dürfen.

Deutschland ist wegen seines großen Leistungsbilanzüberschusses in der Kritik. Erstickt die Bundesrepublik die Eurozone durch ihre Wettbewerbsstärke?

Wolff: Wenn wir die niedrigste Arbeitslosigkeit seit zwanzig Jahren haben und jetzt Lohnverhandlungen anstehen, dann sollte die Politik sich konsequent zurückhalten. Bisher kamen stets Kommentare wie «bloß nicht zu viel». Inzwischen haben wir eine Knappheit an Fachkräften in vielen Bereichen. Das heißt nichts anderes, als dass die Löhne zu niedrig sind. Aber das Wettbewerbsproblem des Südens ist vor allem im Süden zu lösen; durch niedrigere Löhne und durch eine Verbesserung der langfristigen Produktivität. Dazu gehören auch bessere Ausbildungssysteme.

Guntram B. Wolff ist Wirtschaftswissenschaftler und stellvertretender Direktor des Think-Tanks Bruegel in Brüssel. Die 2005 gegründete Organisation will Impulse für die Wirtschaftspolitik geben. Zuvor war Wolff für die EU-Kommission tätig.

mik/bas/news.de/dapd

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Nichtwähler
  • Kommentar 2
  • 30.01.2012 13:57

Wissen sie denn wirklich, ob sie dem Land noch helfen können? Was wir nicht brauchen ist eine EUDSSR, die uns mit vorgaben überhäuft und uns Probleme anbindet, die wir ohne sie gar nicht hätten. Als erstes sollte Griechenland raus aus der EU, wir wurden veraten von den Sozialdemokraten wird es heissen. Europa zupft nur noch am Deutschen Geldsäckel und Interessensgruppen bringen starrsinige Gesetze in unser Land und umgehen die Meinungsbildung. EUDSSR, Nein Danke! Es kann ohne Linksgrünes Meinungskartell nur besser werden.

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  • hector
  • Kommentar 1
  • 30.01.2012 12:03

Das ganze Land entschulden und jede weitere Finanzierung beenden ist auch aus meiner Sicht die beste Lösung, sonst eiern wir noch zehn Jahre um dieses Problem herum. denn die Zinsen, die Griechenland bezahlen muss sind einfach zu hoch. Die Griechen werden dann selbst versuchen müssen, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Die EU muss sich vorsehen, dass so etwas nicht wieder passiert. Auf mittelfristige Sicht wird es auch zu einer politischen Einigung kommen müssen, d.h. wir brauchen auf absehbare Zeit eine demokratisch gewählte europäische Regierung.

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