Presse zum Präsidenten «Dieses Amt ist für Wulff zu groß»

«Von allen guten Geistern verlassen» ist der Bundespräsident nach Ansicht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, eine «Mischung aus Naivität und Dreistigkeit» macht die Süddeutsche aus. Die Presse meint: Der Präsident ist nicht mehr zu retten.

Debatte um Wulff (Foto)
Soll er gehen oder soll er bleiben? Bild: dapd

Was da am ersten Arbeitstag des neuen Jahres über unseren Bundespräsidenten ans Licht gekommen ist, hat viele Bürger sprachlos gemacht. Nicht so sprachlos allerdings wie den Präsidenten selbst, der sich weiterhin nicht zu seinen peinlichen Anrufen bei der Bild-Chefetage äußert. Waren noch vor Weihnachten 70 Prozent der Deutschen gegen einen Rücktritt Christian Wulffs, wendet sich nun das Blatt. Zumindest die news.de-Leser sind sich einig: 78 Prozent finden, der Bundespräsident muss zurücktreten.

Auch die Presse kennt nach Wulffs Attacke auf die Pressefreiheit keine Gnade mehr mit dem Inhaber des Ehrenamtes. Heute findet sich kaum ein Kommentar, aus dem sich nicht die Rücktrittsforderung herauslesen lässt. Lediglich die Kollegen aus seiner Heimat Niedersachsen zeigen noch ein gewisses menschliches Verständnis für den Präsidenten.

Die Wulff-Affäre : Alles begann mit einem Privatkredit

Von allen guten Geistern verlassen

«Jeder Lokaljournalist weiß, dass Abgeordnete oder Bürgermeister gerne anrufen oder anrufen lassen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Doch die Mischung aus Naivität und Dreistigkeit, mit der Wulff agiert hat, bestürzt», kommentiert die Süddeutsche Zeitung. «Er ist nicht der Landrat von Osnabrück, sondern das Oberhaupt des Staates. Dieses Amt aber ist für Wulff offenbar zu groß. Die Sicherungen, die bei einem Präsidenten im Falle einer - politischen wie privaten - Krise funktionieren sollten, funktionieren bei ihm nicht.»

Ausgereizt hat Wulff sein Spiel mit der Öffentlichkeit auch nach Meinung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: «Auch für Bundespräsident Wulff stellt die Pressefreiheit ein so ‹hohes Gut› dar, dass er in den vergangenen drei Wochen dreimal davon sprach. Das erste Mal tat er es in Qatar; zum zweiten Mal, als er kurz vor Weihnachten eine Erklärung in eigener Sache abgab; zuletzt gestern, nachdem Berichte über eine ausführliche Nachricht erschienen waren, die Wulff auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs Diekmann hinterlassen hat. Was über Wulffs Äußerungen in diesem Anruf kursiert, passt zu den öffentlichen Bekenntnissen freilich so wenig wie die Finanzierung eines Hauskaufs mittels eines rollierenden Geldmarktdarlehens zur schwäbischen Hausfrau. Es passte nur zu einem Staatsoberhaupt, das von allen guten Geistern verlassen worden ist.»

Der Bundespräsident funktioniert nicht

Die Kollegen der Frankfurter Rundschau würden dem Präsidenten die Dummheit, seine Drohungen auf die Mailbox des Bild-Chefs zu sprechen, sogar noch verzeihen. «Aber die Drohungen selbst, sein Versuch, die Arbeit einer Zeitung durch Druck auf die Führung des Hauses zu unterbinden, ist unentschuldbar. Rechtlichkeit meint Redlichkeit. Von der aber versteht Wulff nichts», lautet das Urteil.

Für die Berliner Morgenpost hat Christian Wulff schlicht jeden Kredit verspielt und seine Handlungsfähigkeit verloren. «Ein Bundespräsident, der bei jedem Wort, jedem Lächeln, bei jeder Unterschrift den Eindruck zerstreuen muss, es handele sich um Gefälligkeit, der ist kein autonom handelndes Staatsoberhaupt, sondern ein Getriebener, der sich von jeder Recherche offenbar aus der Fassung bringen lässt. Deutschlands Mediendemokratie funktioniert in der Wulff-Krise überzeugend. Der Bundespräsident nicht.»

Das Amt muss vor seinem Inhaber geschützt werden

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung hat den Respekt vor der Person Wulff verloren: «Es ist eine gute Tradition in Deutschland, das oberste Staatsamt und dessen Amtsinhaber mit Respekt zu behandeln. Im Fall Christian Wulffs muss man allerdings einen Unterschied machen zwischen Amt und Amtsinhaber. Inzwischen muss man sogar fragen, ob nicht der Amtsinhaber das ihm anvertraute Amt beschädigt. Dann wäre das Amt vor dessen Inhaber zu schützen», kommentiert die WAZ und zieht daraus die Konsequenz: «Es wurde gewarnt, der Rücktritt des zweiten Bundespräsidenten in Folge käme einer Staatskrise gleich. Das ist falsch. Unsere Demokratie hat sich bislang gerade dann bewährt, wenn sie ihre Institutionen schützen musste. Darauf kann man bauen.»

Der Weser-Kurier legt der Kanzlerin nah, Wulff zum Rücktritt zu raten: «Diese Schmierenkomödie mögen nun auch jene nicht mehr sehen, welche die Bild-Zeitung hassen und Wulff zugestehen, wenigstens zu Integration und Religion ein paar kluge Sätze gesagt zu haben. Zu anderen Großthemen kam ja nicht mehr viel, doch das ist jetzt auch egal: Wer mag dem Mann noch zuhören, wer will ihn noch ernst nehmen? Irgendwann wird auch die Kanzlerin kühl kalkulieren, dass sein Verbleiben im Amt ihr und dem Land mehr schadet als ein zweiter Präsidentenrücktritt.»

Niedersächsische Presse zeigt sich etwas sanfter

Interessant ist auch, wie sich die niedersächsische Presse über ihren ehemaligen Ministerpräsidenten äußert. Die Neue Osnabrücker Zeitung zeigt immerhin menschliches Verständnis: «Egal, wie man zu Wulff steht: Seine Nehmerqualitäten sind beachtlich. Gemeint ist hier das Stehvermögen, das der Bundespräsident bislang an den Tag legt, obwohl er seit dem 13. Dezember 2011 einen medialen Nackenschlag nach dem anderen kassiert. Aber beim Staatsoberhaupt liegen die Nerven blank. Vom oft gehegten Sonnyboy zum Prügelknaben des meinungsmachenden Boulevard-Blatts, das ist menschlich schwer verkraftbar. Es rechtfertigt aber nichts.» Aber auch die Kollegen aus Osnabrück lassen keine Milde walten: «Wulff offenbart ein Macht-, Selbst- und Politikverständnis, das ihn und sein Amt weiter beschädigt. Es wird Zeit, dass Wulff vom Getriebenen wieder zum Handelnden wird. Der zehnte Bundespräsident hat alle Optionen.»

Die Kollegen von der Braunschweiger Zeitung nehmen den Präsidenten geradezu in Schutz: «Sein empörter Anruf war ein Fehler; Wulff hat sich zu Recht entschuldigt. Den Kontrollverlust büßt er nun öffentlich, weil, wundersamer Lauf der Dinge, die Botschaft den Weg in andere Redaktionen fand. So trifft schlechter Stil des Absenders auf schlechten Stil des Adressaten.»

Ungeheuerlichkeit, Unding und Unbedarftheit

Der Boulevard in München und Hamburg hingegen ist schonungslos: «Am gefährlichsten für das Amt des Staatsoberhaupts ist vor allem Wulff selbst. Denn der Präsident hat offenkundig nicht verstanden, was er verteidigen soll: die Grundwerte unseres Staates», schreibt die tz.

«Es ist schlichtweg eine Ungeheuerlichkeit, wenn ein Staatsoberhaupt bei einem Chefredakteur eine missliebige Berichterstattung verhindern will. Dass er dabei noch Drohungen in den Raum stellt und gar strafrechtliche Konsequenzen für den verantwortlichen Redakteur in Aussicht stellt, ist ein Unding. Dies auch noch auf eine Mailbox zu sprechen ist eine bizarre Unbedarftheit. Längst ist die Grenze überschritten, wo Wulff nicht nur sich als Politiker schadet, sondern auch dem höchsten Amt der Bundesrepublik», urteilt die Hamburger Morgenpost.

iwi/news.de/dpa

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Leserkommentare (52) Jetzt Artikel kommentieren
  • Augustbebel
  • Kommentar 52
  • 08.01.2012 15:38

Es erinnert irgendwie an Berloskonie , er sollte überhaupt kein Politiker sein und dann noch Deutschland rapräsentieren, sind wir schon eine Bananenrepublik ? Falls Deutschland überhaupt noch ein nennenwertes Ansehen hatte dürfte es gegen "nicht mehr" tendieren . Denkt die Regierung überhaupt noch an die Bürger ? Wie wollen Die das zB. einem Harz 4 Empfänger vermitteln , so mit Geld und Beziehungen rumzuaasen und dem harz4 Empfänger unter grossem Protest 5 € zuzugestehen und dann 100derte Milliarden an unseriöse verlogene Regierungen auf Kosten des Steuerzahlers rauszuschmeissen .

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  • K.Wobser
  • Kommentar 51
  • 07.01.2012 19:58
Antwort auf Kommentar 49

Der Steuerzahler ist der Dumme.Gruß

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  • Karolus
  • Kommentar 50
  • 06.01.2012 18:55

Es ist nun festgestellt worden, daß die von der Presse aufgebauschte Kreditaffäre des Bundespräsidenten ein großer Irrtum war und deshalb ein Dementi erfolgen sollte. Kredite werden auch weiterhin vergeben und zwar wir sogar gefördert vom IMF. Kredite sind wieder IN!

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