Konflikte Mehr als 70 Tote: Terror kehrt nach Bagdad zurück

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Mehr als 70 Tote: Terror kehrt nach Bagdad zurück Bild: dpa

Mit schönen Worten verabschiedete US-Präsident Obama seine Truppen aus dem Irak. Jetzt offenbart sich das ganze Dilemma. Der Irak ist tief gespalten, Politiker kämpfen offen um die Macht. Terroristen füllen das Vakuum - und richten ein Blutbad an.

Bagdad (dpa) - Mit schönen Worten verabschiedete US-Präsident Obama seine Truppen aus dem Irak. Jetzt offenbart sich das ganze Dilemma. Der Irak ist tief gespalten, Politiker kämpfen offen um die Macht. Terroristen füllen das Vakuum - und richten ein Blutbad an.

Bei der schwersten Anschlagsserie im Irak seit August starben in der Hauptstadt Bagdad mehr als 70 Menschen. Polizisten und Krankenhausärzte sprachen von mehr als 180 Verletzten. Die politischen Führer der Schiiten und Sunniten schoben sich gegenseitig die Verantwortung für das Blutbad zu. Sie liefern sich seit dem Abzug der US-Truppen vor wenigen Tagen einen offenen Machtkampf. Auf dem Spiel stehen sowohl die nationale Aussöhnung als auch der Wiederaufbau des Landes in den vergangenen Jahren.

Die Bomben explodierten am Donnerstag in Stadtvierteln, in denen sowohl Schiiten und Sunniten als auch Christen leben. Die Polizei meldete, die Sicherheitskräfte hätten fünf weitere Autobomben rechtzeitig entdeckt und entschärft.

Die Sprengsätze, die zum Teil von Selbstmordattentätern gezündet wurden, detonierten in den Stadtvierteln Karrada, Al-Wasirija, Al-Bajaa, Abu Daschir, Al-Harithija, Al-Schaab und Al-Alwija. Die folgenreichste Explosion ereignete sich im Innenstadt-Viertel Karrada, 15 Menschen starben. Erst explodierte dort eine Autobombe explodierte. Dann zündete ein Selbstmordattentäter einen Sprengstoffgürtel.

Zwei Sprengsätze detonierten nach Angaben aus Sicherheitskreisen in Al-Alwija in der Nähe eines Kinos. Augenzeugen berichteten von aufsteigenden Rauchsäulen in mehreren Stadtvierteln. Zerstörte Autos lagen übereinander. Viele Beamte flohen in Panik aus ihren Büros in der Innenstadt. In der nördlichen Stadt Mossul kamen durch einen Anschlag nach Polizeiangaben zwei Zivilisten ums Leben.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) rief die irakischen Politiker aller Glaubensrichtungen zu Ausgleich und Dialog auf. Sie dürften das bisher Erreichte nicht leichtfertig auf's Spiel setzen, sondern sollten zum Wohle des Landes zusammenarbeiten.

Parlamentspräsident Osama al-Nudschaifi rief die Abgeordneten für Freitag zu einer Krisensitzung zusammen. Das meldete die Nachrichtenagentur Aswat al-Irak. Bei dem Treffen soll es auch um die aktuelle Vertrauenskrise zwischen sunnitischen und schiitischen Politikern der Regierungskoalition von Ministerpräsident Nuri al-Maliki gehen.

Der Konflikt hatte in den vergangenen Tagen die Arbeit des Parlaments und der Regierung lahmgelegt. Al-Maliki hatte damit gedroht, Minister aus den Reihen der Al-Irakija-Liste, die seine Kabinettssitzungen boykottiert hatten, durch Minister seiner Wahl zu ersetzen.

Al-Maliki hatte diese Woche erst seinen sunnitischen Stellvertreter Salih al-Mutlak aus dem Amt gedrängt. Dann hatte ein Gericht in Bagdad einen Haftbefehl wegen angeblicher Terroraktivitäten gegen den sunnitischen Vizepräsidenten Tarik al-Haschimi ausgestellt. Der Politiker floh daraufhin in das von den Kurden kontrollierte Autonomiegebiet im Norden des Irak. Drei seiner Leibwächter wurden verhaftet. Am Donnerstag berichtete Sumaria News, in der nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Dudschail sei ein weiterer Leibwächter von Al-Haschimi verhaftet worden, gemeinsam mit zwei Verwandten.

Al-Maliki rief die Sicherheitskräfte am Donnerstag zu mehr Wachsamkeit auf. Gleichzeitig bezichtigte er laut Medienberichten indirekt seine politischen Gegner, hinter den Attacken zu stecken. Der Provinzrat von Kirkuk erklärte dagegen: «Die Explosionen von Bagdad sind die Folge des Konfliktes der politischen Fraktionen und der einzige Verlierer ist das irakische Volk.»

news.de/dpa

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