Verbraucherschutz Der Kampf gegen die Lebensmittellügen

Lebensmittellüge (Foto)
Jetzt geht es den Schummlern an den Kragen: Unwahre Angaben auf Verpackungen können jetzt auf www.lebensmittelklarheit.de gemeldet werden. Bild: iStock

Von news.de-Volontär Ronny Janke
Neben großen Skandalen wie BSE, Gammelfleisch und Ehec werden die Konsumenten auch an anderen Stellen hinters Licht geführt. Viel zu oft wird geschummelt und gelogen. Eine Internetseite sagt der Lebensmittelindustrie jetzt den Kampf an.

Auch wenn unsere Körper dabei keinerlei gefährlichen Viren ausgesetzt werden: Vollkommen spurlos geht es am Verbraucher nicht vorbei, wenn er feststellt, dass in seiner Lieblingsleberwurst gar keine Zwiebeln, sondern nur Geschmacksverstärker enthalten sind oder die auf der Verpackung angegebene Menge weit über der tatsächlichen liegt. Konsumenten fühlen sich zu Recht belogen. Eine Internetseite kämpft seit etwa 100 Tagen dafür, diese Lügen öffentlich zu machen.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) und die Verbraucherzentrale Hessen haben die Umsetzung von www.lebensmittelklarheit.de in Angriff genommen. «Wir haben den Nerv der Verbraucher getroffen», sagt VZBV-Vorstand Gerd Billen. 20 Meldungen und Anfragen werden täglich an die Internetseite gerichtet. Um den großen Ansturm überhaupt zu bewältigen, hat das Bundesverbraucherministerium das Förderbudget um 200.000 Euro erhöht. Damit wurden die Serverkapazitäten verbessert und mehr Personal für eine schnellere Bearbeitung eingestellt.

Auch die Organisation Foodwatch kämpft gegen die groß angelegten Lebensmittellügen der Hersteller, allerdings schon seit 2002. «Zum ersten Mal erkennt Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner an, dass der von Foodwatch kritisierte legale Etikettenschwindel tatsächlich ein Problem ist und geht auf Konfrontationskurs mit der Industrie», sagt Foodwatch-Sprecherin Christiane Groß zu news.de.

FDP und Industrie sind gegen das «Meckerportal»

Lebensmittelskandale
Der arme Verbraucher

Seit Ende Juli gibt es die Internetseite. Sie ist eine Anlaufstelle für genervte Verbraucher, die sich von den Zutatenlisten oder Mengenangaben auf Verpackungen nicht ausreichend informiert oder sogar hinters Licht geführt fühlen. Die bisherige Bilanz kann sich sehen lassen: Etwa 3800 Meldungen hat die Initiative gesammelt, 920 davon sind schon bearbeitet und zum Teil auf der Seite gelistet. Mittlerweile sollen 27 Lebensmittelhersteller angekündigt haben, ihre Kennzeichnungen auf den Verpackungen oder gar die Rezepturen der Produkte zu verbessern. Auch fehlerhafte Mengenangaben machen Konsumenten wütend.

Ausgerechnet von der Industrie gab es anfangs ordentlich Gegenwind. So kritisierte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, dass es den Verbrauchern nach dem Zufallsprinzip überlassen wird, willkürlich Lebensmittel zu beurteilen. Die Ernährungsexpertin der FDP, Christel Happach-Kasan, forderte sogar, für das «Meckerportal» kein weiteres Steuergeld zur Verfügung zu stellen. Die Industrie hat Angst und fürchtet um ihren Ruf, schließlich ist lebensmittelklarheit.de nichts anderes als ein großes schwarzes Brett, von dem jede Menge Macht ausgeht. Es ist diese Beliebigkeit, die auch der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) kritisiert. Deshalb mahnte der BLL zu mehr Sachlichkeit und Objektivität in der Darstellung der Kritik. Doch ganz so einfach ist es nicht, Lebensmittelmarken öffentlich zu kritisieren.

Denn die Befürchtungen, lebensmittelklarheit.de könnte benutzt werden, um Produkte zu diffamieren und ganze Marken zu schädigen, sind unbegründet. Die Betreiber der Seite überprüfen ohnehin vorerst jede Beanstandung, befragen die Hersteller zu den Vorwürfen und lassen diese zu Wort kommen. Sogar eine juristische Einordnung wird vorgenommmen. Danach landet das kritisierte Produkt inklusive Reaktionen von Verbraucherzentrale und Hersteller auf dem Portal.

Foodwatch fordert Gesetzesänderungen

Reagiert der Hersteller auf die Kritik und korrigiert zum Beispiel fehlerhafte Angaben auf der Verpackung oder verbessert die Rezeptur der Speise, dann wird das bei dem entsprechenden Eintrag vermerkt. Auch die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner (CSU), ist von dem Projekt überzeugt: «Wenn Beschwerden sich als Massenärgernis erweisen und nicht nur Einzelmeinungen sind, müssen auch Änderungen von Vorschriften geprüft werden.» Solche Änderungen wünscht sich auch Foodwatch. «Es wäre ja geradezu absurd, wenn die Politik es dauerhaft zulässt, dass die Hersteller ihren Kunden auf den Etiketten das Blaue vom Himmel erzählen dürfen und diesen Etikettenschwindel dann auf einer Internetseite erklärt», sagt Groß.

Lebensmittel
Mehr Informationen auf der Milchtüte

Die meisten Beschwerden betreffen übrigens tatsächlich Zutaten und Zusatzstoffe. Konsumenten kritisieren den Aufdruck «ohne den Zusatz von Geschmacksverstärkern», der prominent auf der Vorderseite zahlreicher Verpackungen prangt. Meist taucht die Zutat Hefeextrakt in den Zutatenlisten auf - und ist nur eine von vielen Geschmacksverstärkern. Als besondere Täuschung fällt aktuell ein als «Apfel-Bio-Getränk» beworbenes Produkt auf, das jedoch laut Inhaltsstoffangaben keinen einzigen echten Apfel, dafür aber jede Menge natürliche Aromen enthält. Von echtem Bio also keine Spur. Auch die Schriftgrößen auf den Verpackungen empfinden viele Verbraucher als zu klein. Nach entsprechenden Beschwerden haben Firmen dies geändert.

Gesundes Essen
Die zehn Top-Lebensmittel

Damit das Motto Lebensmittelklarheit aber nicht nur «für einige Produkte im Internet, sondern für alle im Supermarkt» gilt, müssen die Gesetze geändert werden. Foodwatch-Sprecherin Groß weist darauf hin, dass es nicht Ziel des Portals sein darf, die Konsumenten zu «Lebensmitteldetektiven» zu machen, die man «in die Supermärkte schickt, um Täuschungen aufzudecken».

Gesundes Essen
Die zehn Flop-Lebensmittel

beu/news.de/dapd

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Mario
  • Kommentar 1
  • 10.11.2011 23:16

Bisher haben die lebensmittelhersteller eigentlich immer vor gericht gewonnen. Es dürfen vorne sachen draufgeschrieben werden, die garnicht drin sind und nur durch ein "natürliches aroma" ähnlich schmecken. Der klassiker ist die verhandlung über eine sauce hollandaise, die so gar nichts mit dem klassischen rezept zu tun hatte. Die firma gewann, weil sich laut richter der verbraucher ja über die zutaten informieren kann. Aber wer sich über die formulierungen nicht selbst schlau macht versteht diese liste nicht. Warum gibt es keine angabe über gehärtete fette? Wirkliches gift für den körper!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Anzeige
news.de auf Facebook
Follow us on Facebook!
News.de auf Twitter
Follow us on Twitter!
Anzeige