Kirchen Papstbesuch lässt viele Fragen offen

Papstbesuch lässt viele Fragen offen (Foto)
Papstbesuch lässt viele Fragen offen Bild: dpa

Papst Benedikt XVI. hat Deutschland nach seinem Besuch mit vielen offenen Fragen zurückgelassen. Die Kritiker sahen sich nach der Absage an innerkirchliche Reformen und mehr Ökumene sowie dem Wunsch Benedikts nach einer von materiellen und politischen Lasten befreiten Kirche bestätigt.

Berlin (dpa) - Papst Benedikt XVI. hat Deutschland nach seinem Besuch mit vielen offenen Fragen zurückgelassen. Die Kritiker sahen sich nach der Absage an innerkirchliche Reformen und mehr Ökumene sowie dem Wunsch Benedikts nach einer von materiellen und politischen Lasten befreiten Kirche bestätigt.

Die Bischöfe sehen zumindest Gesprächsbedarf bei ihrer Herbst-Vollversammlung vom 4. bis 7. Oktober in Fulda. Die christlichen Parteien hielten sich mit Äußerungen zurück. Kirchenkritiker äußerten sich ebenso enttäuscht wie Vertreter der evangelischen Kirche. Nach den Worten von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zeigte sich Benedikt XVI. bei seiner viertägigen Deutschlandreise unnachgiebig. «Innerkirchliche Kritik wird zu schnell als illoyal und ungehorsam hingestellt, statt zu sehen, dass sie aus Sorge erfolgt», sagte der engagierte Katholik der «Welt» (Montag). Auf «argumentativen Gegenprotest» gehe die katholische Kirche zu wenig ein.

Konkrete Lösungsvorschläge für die aktuellen Probleme lieferte der Papst nicht. Vielmehr öffnete er mit seiner Anregung, die Kirche soll auf ihre staatliche Privilegien verzichten, noch ein weiteres Diskussionsfeld. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, wertete die Forderung nach einer Entweltlichung der Kirche als Signal zum Innehalten. Dem Papst gehe es nicht um die Abschaffung der Kirchensteuer oder des Religionsunterrichts.

Diese Auffassung vertritt auch der Religionssoziologe Detlef Pollack vom Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster. Die Äußerungen von Papst Benedikt XVI. «sind Teil eines größeren Programms, dessen Ziel lautet: Verinnerlichung des Glaubens», sagte Pollack der Nachrichtenagentur dpa.

Benedikt hatte am Sonntag in Freiburg zum Abschluss seines viertägigen Deutschland-Besuchs argumentiert: «Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben.»

Welche staatlichen Vorrechte der Papst meinte, sagte er nicht. Zu den Privilegien gehören in Deutschland die staatliche Einziehung der Kirchensteuer, die finanziellen Staatsleistungen an die Kirchen, der Religionsunterricht an staatlichen Schulen und die theologischen Fakultäten an den Universitäten. Solche Privilegien binden die Kirche bis zu einem gewissen Grad natürlich auch ein und können so als Last empfunden werden.

Zollitsch räumte ein, dass das Kirchenoberhaupt die deutschen Katholiken vor Herausforderungen gestellt habe. Darüber müsse die Bischofskonferenz auf ihrer Vollversammlung in Fulda reden. Der Papst habe die konkreten Probleme nicht angesprochen, weil es ihm um die grundsätzliche Frage des Glaubens gehe, sagte Zollitsch. Gleichwohl sprach er von einem wichtigen Anstoß.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick warnte in einem dpa-Gespräch vor zu schnellen Rückschlüssen und voreiliger Kritik am Papst. Der Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, nahm das Kirchenoberhaupt ebenfalls in Schutz. Benedikt habe ganz im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils gesprochen, betonte Hanke.

Der FDP-Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften, Stefan Ruppert, sagte, die Liberalen würden sich «einer gerechten Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen» nicht verschließen. Sie sollte aber im Einvernehmen mit den Kirchen erfolgen. «Auf Landesebene, etwa in Hessen, gibt es kompromissfähige Lösungen.»

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, sagte mit Verweis auf den Zuspruch bei den Papstmessen: «Die Behauptung, dass die deutschen Katholiken Rom und dem Papst kritisch gegenüberstehen, ist nun wirklich widerlegt.» Bei der Ökumene bestehe die Chance, dass beide Kirchen das Reformationsjubiläum 2017 gemeinsam gestalten können», sagte Glück der «Passauer Neuen Presse».

Der Tübinger Theologe und ausgewiesene Papst-Kritiker Hans Küng schrieb in der «Freien Presse» (Montag), Benedikt habe mit versteinertem Herz auf die Reformanliegen der meisten deutschen Christen reagiert und sei zudem ein Haupthindernis für die ökumenische Verständigung mit der evangelischen Kirche.

Der frühere EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock kritisierte im «Kölner Stadt-Anzeiger» (Montag) den Papstbesuch als «Demonstration des römischen Zentralismus». Der Vorsitzende der Linken, Klaus Ernst, zog am Montag ebenfalls eine kritische Bilanz. Wer sich erhofft habe, dass der Papst Orientierungshilfen für das normale Leben geben würde, sei enttäuscht worden. «Die großen Fragen hat er ausgeklammert», sagte Ernst in Berlin.

Alles zum Papstbesuch

news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Reinhard Moysich
  • Kommentar 1
  • 27.09.2011 05:41

Papst sollte wirklich alle Privilegien streichen! Bei seiner Bundestagsrede betonte der Papst, wie sehr wichtig es sei, gerecht zu sein. Nun hat er selbst seine Aufforderung befolgt und spricht sich sehr erfreulicherweise gegen die Privilegien seiner eigenen Kirche in Deutschland aus. Denn sie sind alle extrem ungerecht, da sie krass sowohl den Menschenrechten wie der christlichen Nächstenliebe widersprechen, welche jegliche Bevorzugung oder Benachteiligung als sozial schädlich verbieten.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig