So., 19.05.13

Papstbesuch Benedikt fordert ein «hörendes Herz»

Der Papst besucht Deutschland (Foto)
Durchblick: Papst Benedikt XVI. rückt seine Sehhilfe zurecht. Gleich wird er vor dem Deutschen Bundestag sprechen. Bild: dapd

Von Kristina Dunz und Ruppert Mayr
Es wird vielleicht Jahrhunderte dauern, bis wieder ein deutscher Papst im Bundestag spricht. Die Erwartungen an den so umstrittenen Auftritt waren hoch. Am Ende bekommt er auch von Kritikern Beifall. Nur der Grünen-Abgeordnete Ströbele verlässt den Saal während der Papstrede.

Es hört sich wie ein frommer, wie ein leicht zu erfüllender Wunsch an, den der Papst äußert. Doch so einfach macht er es den Bundestagsabgeordneten nicht. Sein Anliegen durchzieht die 22 Minuten seiner Rede am Donnerstag im Parlament wie ein roter Faden. Er wünscht sich - und den Politikern - ein «hörendes Herz». So wie der junge König Salomon bei seiner Thronbesteigung Gott um diese Fähigkeit gebeten habe, damit er sein Volk zu regieren verstehe.

Etliche Abgeordnete der Opposition - bei den Linken bleiben ganze Reihen leer - erreicht er damit nicht. Sie erscheinen nicht, weil ein Auftritt des Oberhauptes der katholischen Kirche im Bundestag ihrer Ansicht nach die Trennung von Kirche und Staat missachtet.

Die große Mehrheit aber, ob katholisch, anderen Glaubens oder konfessionslos, verfolgt mit Respekt und Konzentration die anspruchsvolle Rede des 84-Jährigen auf dem Niveau einer rechtsphilosophischen Vorlesung. Selten war es während einer Rede in diesem Parlament so still.

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Für Heiterkeit und Entspannung sorgt ganz am Anfang ein Versehen des Papstes. Er geht am Rednerpult vorbei und auf den erhöhten Platz des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) zu. Lammert bringt ihn zurück, dann kurzes Innenhalten: Der Papst kann nicht weiter, Lammert steht auf dessen weißen Gewand.

Der als konservativ geltende Papst Benedikt XVI. will bei dieser von so hohen Erwartungen begleiteten und im Vorfeld so umstrittenen Rede ganz offensichtlich nicht provozieren. Doch wer ihm zuhört, erkennt kritische Botschaften an die Politik, auch wenn er die Themen nicht beim Namen nennt. So warnt er vor der Manipulation des Menschen, ohne Stammzellenforschung oder Präimplantationsdiagnostik (PID) zu nennen: «Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.» Im Juli hat die Mehrheit des Bundestags über die Parteigrenzen hinweg ein Gesetz zur PID verabschiedet.

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Papst fordert Glauben an eine höhere Wahrheit ein

Eine Botschaft liegt Papst Benedikt XVI. besonders am Herzen. Er spricht von einer «dramatischen Situation» und der «wesentlichen Absicht dieser Rede». Er warnt davor, die Welt auf ein rein naturwissenschaftliches Vernunftdenken zu reduzieren. Ohne Glauben an eine höhere Wahrheit seien Recht, Moral und Menschlichkeit gefährdet.

Die Bundeskanzlerin und Physikerin Angela Merkel (CDU) ist bekannt für ihre nüchterne Herangehensweise an schwierige Themen. Am Vorabend des Papstbesuches forderte sie die katholische Kirche indirekt zu Reformen auf. Das Verhältnis des Papstes und der Kanzlerin ist auch geprägt von Merkels Tabubruch 2009. Sie kritisierte damals den Papst öffentlich für sein Zugehen auf die erzkonservativen Pius-Brüder mit dem HolocaustDurch systematische Verfolgung haben die Nationalsozialisten in fast ganz Europa bis 1945 etwa sechs Millionen Menschen umgebracht. Heute ist Holocaust (abgeleitet vom griechischen Wort «holokaustos» für «völlig verbrannt», «Brandopfer») der Begriff für diesen in der Geschichte einzigartigen Völkermord. Die meisten Opfer waren Juden. -Leugner Richard Williamson.

Doch die liberalen Kräfte in der Kirche, die zu inhaltlicher und struktureller Modernisierung in der Lage wären, sind spätestens mit diesem Papst ins Hintertreffen geraten. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, der liberale Gegenspieler des konservativen Kurienkardinals Joseph Ratzingers in den 90er Jahren, hat sich aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen. Und unter dem ebenfalls liberal zu nennenden Amtsnachfolger bei der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, haben offenbar konservative Kirchenfürsten wieder Oberhand bekommen.

Vieles hat der Papst in dieser Rede nicht gesagt. Kein Wort zu Homosexuellen, kein Wort zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Kirche, kein Wort zu Geschiedenen und Wiederverheirateten. Danach müsste nämlich der katholische Bundespräsident Christian Wulff - in zweiter Ehe verheiratet - von der Kommunion ausgeschlossen werden. Auch die Protestantin Merkel ist in zweiter Ehe verheiratet. Katholiken erwarten aber, dass ihr geistliches Oberhaupt heikle Kirchenthemen während seines Deutschlandbesuches noch ansprechen wird - direkt, nach innen an die Kirche gerichtet, nicht vor Politikern.

Der Papst ist kein normaler Staatschef

Es ist zwar offiziell ein Staatsbesuch «als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft», wie der Papst im Bundestag hervorhebt. Aber er ist eben kein normaler Staatschef. Er erhebt mit seinen Kirchen-Dogmen einen universellen Anspruch - auch in den Staaten, die er besucht. «Die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt», betont er. Damit ist Widerstand programmiert, gerade in Deutschland, das dem Vatikan ohnehin als Hort des Widerspruchs gilt.

So fordert Lammert, dass im Pontifikat eines deutschen Papstes - des ersten nach der Reformation vor 500 Jahren - «nicht nur ein weiteres Bekenntnis zur Ökumene, sondern ein unübersehbarer Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung stattfindet».

Der Papst schließt seine Rede, wie er sie begonnen hat. Mit König Salomon. Auch die Gesetzgeber von heute könnten sich «letztlich nichts anderes wünschen» als ein hörendes Herz. Jene Grüne, die der Rede fernblieben, konnten nicht hören, wie der Papst den «Schrei nach frischer Luft» würdigte, der von der «ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren» ausging und bis heute seine Wirkung habe. Der Papst versichert verschmitzt, das sei keine Propaganda für eine bestimmte Partei. Das ist der Moment, in dem das gesamte Parlament lachen kann.

cvd/news.de/dpa

Leserkommentare (3) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Schlaues Bruederchen
  • Kommentar 3
  • 26.09.2011 22:55
 

Waere wahrscheinlich auch in guter Banker geworden, wenn er das in Wirklichkeit nicht auch ist......Er nimmt das Geld und laesst dann den barmherzigen Gott zurueck. . Der Typ hat den Bogen raus.

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  • junk
  • Kommentar 2
  • 25.09.2011 20:26
 

Lachhaft, warum hat er nicht über die Misshandlungen gesprochen, warum hat er nichts gesagt das die Täter die sich hinter der Kirche verstecken gerichtet und Verurteilt werden, warum sagte er nichts über die Schandtaten der Kirche, von Hexenverbrennungen bis hin zum Baby Mord, warum sagte er nicht das Kirche und Statt getrennt werden sollen, warum er sagte nichts über die lächerliche Abfindung die wir die Steuerzahler für die Verbrecher in Kutte bezahlen sollen, diese Kuttenträger denken doch wirklich das Bürger 21.Jahrhunderts sich noch immer verarsch.. lassen, geht Arbeiten ihr Abzocker

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  • Ramaha
  • Kommentar 1
  • 23.09.2011 12:06
 

Das war keine rechtsphilosophische Vorlesung über die Ursprünge des Rechts, das war eine im Mantel einer philosophischen Vorlesung versteckte, äußerst scharfe Kritik an der Entscheidung des Deutschen Bundestages über die Präimplantationsdiagnostik. Er hat hier nicht laut losgepolter, was sich vermutlich einige der Abgeordneten gewünscht haben, nein, er hat ganz still und leise den Keim des Zweifels gesetzt. Nicht schlecht, für einen 84-jährigen. Man mag zur PID stehen wie man will, aber das war hochpolitisch.

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