NPD-Dorf Allein gegen den Nazi-Dreck

National befreite Zone (Foto)
Sieht so das Nazi-Musterdorf aus? Jamel gilt als national befreite Zone und bietet vor allem eines: Tristesse. Bild: ap

Von news.de-Redakteuren Björn Menzel und Jens Kiffmeier, Jamel
Ratten im Briefkasten, Misthaufen in der Einfahrt: Seit Jahren werden Birgit und Horst Lohmeyer in Jamel terrorisiert. Ihr Dorf ist fast komplett in Neonazi-Hand. Trotzdem geben sie nicht auf - und zerren die braune Tristesse ans Tageslicht.

Jamel liegt wie eine Trutzburg in der mecklenburgischen Landschaft. Komplett umgeben von Wald, nur eine einzige schmale Straße führt zum Dorf. Sackgasse. Hier ist die Welt zu Ende. Und fast so sieht es auch aus. An einem Hauseingang pappen Klebeschildchen. «Für Familie, Volk und Heimat» steht da drauf. Der nächste Blick fällt auf einen Haufen Schrott. In Runenschrift wirbt der Schrotthändler, der inmitten des vermeintlichen Vorzeigedorfs der Neonazis seinen Müll sammelt, für Demontagen. Das passt zum Dorfbild (Sehen Sie dazu auch unsere Fotostrecke über diesem Text). Der Inhaber ist der Rechtsextreme Sven K.

Er saß nicht nur des Öfteren im Knast, sondern erwarb auch nach und nach die Häuser und Grundstücke in Jamel. Darin wohnen nun seine Gleichgesinnten und prahlen in der Szene mit ihrer national befreiten Zone. In den Vorgärten warten Kampfhunde. Es weht eine schwarze Fahne, in der Bushaltestelle haben die rechten Kameraden eine aufgehende Sonne aufgemalt. Nazis hatten mit diesem Symbol schon in den 1930er Jahren zeigen wollen, dass sie neues Licht und Hoffnung nach Deutschland bringen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Eine Scheune ist kurz vor dem Zusammenbruch, davor treffen sich die Rechten, sitzen um ein Lagerfeuer und singen besoffen Lieder. «Sieg Heil»-Rufe schallen nicht selten durch das nächtliche Jamel.

Jamel
National befreite Zone

40 Einwohner hat das Dorf. Mehr als 60 Prozent von ihnen sind Rechtsextreme. Und es sollen noch mehr werden. «Die Nazis produzieren viele Kinder, seit sie hier wohnen», klagt Birgit Lohmeyer. «Vorher gab es hier nur zwei Jugendliche.» Die Schriftstellerin lebt mit ihrem Mann Horst mitten in der Nazi-Hochburg. Seit Jahren stemmen sie sich gegen die braune Übernahme. Seit Jahren sind sie die einzigen Aufrechten im Dorf.

Herr und Frau Lohmeyer, wie lebt es sich mitten unter den Nazis?

Birgit Lohmeyer: Wenn man nicht rechtsextrem ist, dann lebt man hier eher angefeindet. Als Außenseiter.

Wie äußert sich das konkret?

Horst Lohmeyer: Das äußert sich in Behinderungen im Straßenverkehr.
Birgit Lohmeyer: Oder wir bekommen den typischen Gruß in den Briefkasten, mit einer toten Ratte. Ein Misthaufen ist uns in der Nacht auch schon in die Einfahrt gelegt worden. Und unser Rock-Festival, das wir jedes Jahr im August gegen Rechtsextremismus veranstalten, wird für gewöhnlich mit Sabotageakten überzogen. Mit Anzeigen, Beschwerden bei der Verwaltung, die nutzen alle Kanäle.

Stehen Sie mit Ihrem Kampf gegen Rechts wirklich alleine da oder gibt es noch den ein oder anderen Nachbarn, der Ihnen beisteht?

Birgit Lohmeyer: Am Anfang hatten wir vereinzelt noch Kontakt zu einigen Nachbarn. Aber inzwischen sind die meisten übergelaufen und haben sich mit den Rechten solidarisiert. Da findet mittlerweile mehr als nur ein Gespräch über den Gartenzaun statt. Sie führen jetzt zusammen Hunde aus.

Rechtsextremismus
Die braune Gefahr

Eigentlich kommen Sie aus Hamburg. Warum haben Sie sich überhaupt in Jamel ein Haus gekauft?

Birgit Lohmeyer: Man muss die Vorgeschichte kennen: Als wir das Haus gekauft haben, lebte Herr K. hier alleine. Die Situation, dass mehr als 60 Prozent der Dorfbewohner rechtsextrem sind, war damals anders. Er hat erst später Häuser hinzugekauft. Sonst denkt man ja: Sind die Lohmeyers doof? Wieso kaufen sie dort ein Haus? Das war damals nicht so. Die Entwicklung war für uns nicht einschätzbar.

Aber wieso gehen Sie jetzt nicht einfach weg?

Birgit Lohmeyer: Wir haben hier unser Zuhause. Wir haben Freunde und Bekannte, zwar nicht im Dorf selber. Aber im Umkreis leben sehr viele nette Menschen.

Haben Sie denn keine Angst?

Birgit Lohmeyer: Es wäre unklug, keine Angst zu haben. Also sind wir sehr wachsam. Wegen der vielen Mobbingaktionen denkt man schon jedes Mal darüber nach, wenn man zum Briefkasten geht: Was ist jetzt wieder los? Welchen Zettel muss ich jetzt abreißen? Ein Grundunwohlsein hat man, wenn man hier lebt.
Horst Lohmeyer: Es hat sich auf der anderen Seite aber auch ein Pool gebildet mit Leuten, die uns hier unterstützen. Das gibt uns natürlich auch Kraft.


Kraft braucht das Ehepaar. Mit vielen Aktionen haben sie auf die rechten Untriebe in Jamel bundesweit aufmerksam gemacht. Um gegen die Neonazis mobil zu machen, organisieren die beiden seit 2007 auf ihrem Gehöft das Festival «Jamel rockt den Förster». Dabei bekommen sie mittlerweile Unterstützung aus der benachbarten Gemeinde. Die Landrätin hilft mit Genehmigungen, der Bürgermeister von Gägelow lässt seine Mitarbeiter die Rasenflächen mähen. Mit Erfolg: Bis zu 200 Besucher lockt das Festival bereits an. Die Lohmeyers sind zufrieden, auch wenn der richtige Kultcharakter noch auf sich warten lässt. «So etwas dauert acht, neun Jahre», sagen sie.

Was genau bedeutet das Festival für Ihren Kampf gegen Rechts? Ist es eher als Provokation für die Rechten gemeint oder als eine Art eine Lebensversicherung für Sie?

Birgit Lohmeyer: Es ist für uns das beste Mittel, unser Dorf nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Das ist unser Ziel. Wir wollen Menschen nach Jamel locken. Alle sollen sehen, wie es in dem Dorf aussieht, in dem Sven K. und seine Leute das Ruder vermeintlich herumgerissen haben. Wie sieht denn das nationalistische Dorfleben aus, wie sie sich das wünschen und vorstellen?

Angesicht der Schrotthaufen und der verfallenden Häuser ahnt man nichts Gutes.

Birgit Lohmeyer: Das Dorf spricht für sich. Jeder, der hineinfährt, sieht sofort, dass Jamel kein Musterdorf ist. Wenn das ein Musterdorf für nationalsozialistische Untriebe sein soll, dann wird sich wahrscheinlich niemand wünschen, hier freiwillig zu leben. Dafür wollen wir die Aufmerksamkeit wecken. Das ist die größte Schwierigkeit. Denn wir stellen fest, dass hier in der Bevölkerung eine große Grundträgheit herrscht, sich einzumischen. Auch aus Angst vor dem NPD-Terror natürlich.


Scheinbar mühelos hat sich die NPD in Mecklenburg-Vorpommern verankert. Sie unterwandert Kinderkrippen und Jugendfeuerwehren. Finanziert wird der braune Spuk zum Teil durch die Gelder der Landtagsfraktion. Bereits zum zweiten Mal hintereinander sitzen braune Kameraden im Schweriner Landtag. Bei der vergangenen Landtagswahl konnte die NPD ihre Hochburgen verteidigen. Allein in der Gemeinde Koblentz holte die rechtsextreme Partei 33 Prozent der Stimmen. Angesichts solcher Ergebnisse reagieren die Politiker der demokratischen Parteien zunehmend ratlos.

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Leserkommentare (88) Jetzt Artikel kommentieren
  • Siggi
  • Kommentar 88
  • 02.01.2013 21:08

Diese immer noch vorhandenen NAZI Keimlinge sollte man einfach weiter gen Osten transportieren.

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  • mattenb
  • Kommentar 87
  • 02.11.2011 21:16
Antwort auf Kommentar 86

RAGNAROEKR und HPKLIMBIM sind doch nur noch zu bestaunen für ihre unglaublich wirren Äußerungen. Ihnen geht es offensichtlich auf dieser Plattform nur noch um Rechthaben und Meinungsführerschaft. Bin für ein klares: "Schluss der Debatte"!

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  • Frauke Claas
  • Kommentar 86
  • 17.10.2011 10:14

Klim-bim-bam-bum. Ich glaube,das sich dieser "arme Kerl"erst richtig freut,wenn niemend mehr antwortet.

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