Franz Müntefering «Wir brauchen eine Ausbildung für Politiker» 

Franz Müntefering (Foto)
Will eine bessere Nachwuchsförderung: Franz Müntefering (SPD). Bild: ap

Von news-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Mal gut, mal schlecht: Politiker entscheiden über das Schicksal von 81 Millionen Deutschen. Um nichts dem Zufall zu überlassen, fordert Franz Müntefering jetzt eine bessere Nachwuchsförderung an Akademien. Ob der Ex-Vizekanzler damit auf Gehör stößt? 

Erst Griechenland, dann Irland, bald vielleicht auch noch Portugal? In immer kürzeren Abständen müssen Parlamentarier heutzutage richtungsweisende Entscheidungen treffen. Zum Beispiel stimmt der Bundestag darüber ab, ob weitere Milliardenbeträge zur Euro-Rettung aufgewendet werden sollen. Das Votum war für Ende September geplant, wurde nun jedoch verschoben. Ob einige Wochen später Einigkeit und Klarheit über das Thema gegeben sind, ist ungewiss. Auch wenn es kaum einer der Abgeordneten zugeben würde: Längst fühlen sich nicht alle kompetent genug, um ihre Entscheidung zu überblicken. Ihr Hauptproblem: Mangelnde Zeit, um sich in die weit verzweigte Thematik einzuarbeiten.

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Angesichts der zunehmenden Schnelligkeit, mit der politische Abstimmungen vorbereitet werden, sieht Franz Müntefering (SPD) jetzt einen dringenden Handlungsbedarf. Um für die zukünftigen Herausforderungen gewappnet zu sein, fordert der Ex-Vizekanzler eine bessere Nachwuchsförderung. «Wir brauchen gute Leute in der Politik, die Bescheid wissen, die was können und die sich durchsetzen. Auch in den Ministerien», sagte er im Gespräch mit news.de. Seiner Partei riet er deshalb dazu, ein Personalentwicklungskonzept zu erstellen, wie das «jeder normale Betrieb hat, mit dem wir viele, gerade auch junge Leute gezielt für spätere Führungsaufgaben fördern», so Müntefering.

Ob er damit in der SPD auf Gehör stößt, bleibt abzuwarten. Zwar arbeiten die Sozialdemokraten seit der verlorenen Bundestagswahl 2009 an einer Parteireform. Doch zurzeit richtet sich der Fokus dabei vor allem auf organisatorische Fragen. So will Parteichef Sigmar Gabriel vorrangig eine doppelte Führungsstruktur abschaffen, indem das Präsidium und der Vorstand zu einem kleinen, schlagkräftigen Gremium vereint werden sollen. Zudem gibt es innerhalb der Sozialdemokraten eine lebhafte Debatte darüber, ob Abstimmungen in den Parteigremien auch für Nicht-Mitglieder ermöglicht werden sollen. Die SPD ist in dieser Frage tief gespalten.

Ist der gute Wille zu wenig?

Nach Ansicht von Franz Müntefering sollte sich der Blick der Partei aber nicht nur auf diese zwei Strukturfragen verengen. So müsse die SPD auch stärker dafür sorgen, dass die Mitglieder mit Kompetenzen ausgestattet würden. «Wir Politiker sind zuständig für 81 Millionen Menschen und glauben, wenn jemand ein anständiger Typ ist, dann kann er die Interessen richtig vertreten. Aber das ist nicht so leicht, denn die Interessenunterschiede sind groß», sagte Müntefering. Die einen würden bessere Mobilität wollen, die anderen Entschleunigung. Er habe Respekt vor jedem, der mit großer Leidenschaft für eine bessere Welt kämpfe, aber allein die Gesinnungsethik reiche bei der Bewältigung der Probleme nicht mehr aus. Es gelte neben dem Sozialen auch die Ökonomie und die Ökologie mitzubedenken. «Das muss man lernen», sagte Müntefering.

Der ehemalige Vizekanzler und Bundesarbeitsminister schlägt deshalb vor, vor allem junge und interessierte Politiker an Akademien gezielter zu fördern. Ganz neu ist der Vorstoß nicht. So betreibt die SPD bereits eine Art Kaderschmiede. In einem Programm treffen sich junge Nachwuchspolitiker in regelmäßigen Abständen mit etablierten Führungskräften zum Erfahrungs- und Gedankenaustausch. Für Müntefering ist dieses Mentorenprogramm ein guter Ansatz. «Das sollten wir vor allem im kommunalen Bereich ausbauen», so der ehemalige Parteichef.

Bei der Umsetzung seiner Idee könnte Müntefering mit Andrea Nahles vielleicht eine wichtige Mitstreiterin finden. Indirekt zeigte sich die Generalsekretärin offen für derartige Vorschläge. Bereits im Sommer signalisierte sie bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Potsdam mit jungen Parteimitgliedern, dass sie über ähnliche Ansätze nachdenkt. «Der Austausch zwischen Neueinsteigern und erfahrenen Politikern ist wichtig», sagte sie. Als Karl Lauterbach, der heutige Gesundheitsexperte der SPD, frisch in den Bundestag gekommen sei, habe sie über Monate mit ihm zusammengearbeitet und ihn «quasi an die Hand genommen», sagte Nahles und fügte hinzu: «Diese Form muss man unbedingt ausbauen.»

Ist es eine Frage des Alters?

Doch die gezielte Nachwuchsförderung hat nicht nur Fans. Es gibt immer wieder kritische Stimmen. So führen viele Bedenkenträger gerne ins Feld, dass es ohnehin nicht gut ist, wenn junge Politiker zu früh und zu schnell in verantwortungsvolle Positionen gelangen. Statt auf einer Akademie sollten sich Jungspunde lieber erst im richtigen Berufsleben austoben und dort ihre Erfahrungen sammeln. Diese Meinung vertritt auch der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen, Bernhard Vogel (CDU). Im news.de-Interview sagte er: «Jedem, der in die Politik geht, sollte man raten, nicht vom Hörsaal in den Plenarsaal zu wechseln. Zunächst sollte man sich eine verlässliche berufliche Grundlage schaffen. Nur die macht unabhängig und stellt sicher, bei der nächsten Nominierung nicht mit den Wölfen heulen zu müssen.»

Franz Müntefering kennt die Bedenken. Ganz wegwischen will er sie nicht. Doch er plädiert dafür, in dieser Frage keine Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben. Ob jung oder alt - im Berufspolitikertum sei eine gute Mischung ideal. Denn: «Aalglatt ist keine Generationenfrage.»

bjm/news.de

Leserkommentare (51) Jetzt Artikel kommentieren
  • hector
  • Kommentar 51
  • 18.11.2011 21:13

Die von der SPD brauchen auf alle Fälle intensivste Schulung, sonst können die bald einpacken. Mittelmaß ist in manchen Bereichen einfach eine vernichtende Kritik. Aus der SPD ist doch seit Jahrzehnten nichts mehr bemerkenswertes herausgekommen. Der letzte fähige SPD Politiker war Helmut Schmidt und das ist lange her. Die Regierung Schröder war eine einzige Katastrophe. Da tut Bildung Not. Aber ob es eine Hochschule für Politiker tut, das bezweifle ich. Politiker treffen häufig schlechte Entscheidungen, weil sie populär bleiben müssen, um wiedergewählt zu werden.

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  • rainbowe
  • Kommentar 50
  • 22.09.2011 17:52

100 % Recht hat Herr Müntefering.Es kann nicht sein, das jeder xbeliebige Politiker austauschbar ist in den verschiedenen Ressorts. Z.B. Rössler, erst Gesundheitsminister jetzt Wirtschaftsminister. Bei allem Respekt, der kann ja nun keine Ahnung haben. Obwohl Politiker ja immer schon austauschbar sind; es fällt eh nicht auf bei der Qualität die diese Menschen liefern. Das Volk hat leider das Nachsehen

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 49
  • 19.09.2011 08:16

Wenn sich loddel auf Stammtischerfahrungen beruft, dann ist schon fraglich, an welchem Stammtisch er zugelassen ist. Und seine Nachfolger, die Liebhaber der sozialdemokratischen Selbstbefriedigung, machen dem politischen Hohlkörper – der Linken – ernsthafte Konkurrenz. Sie berufen sich im Nachplappern auf die Mehrheit. Als ob die Zahl der Irren die Psychiatrie zu einem Born der Genialität machen könnte. R sagt begrenzte Euphorie voraus: Denn binnen kurzer Zeit wird es heißen: „Sozialstaat Deutschland oder Griechenland, aber nicht beides!“ Niedrigleister zu sein lohnt sich hier nicht mehr!

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