81 Jahre in der SPD «In Berlin wird es immer Lumpen geben» 

 Heinz Hoefer ist seit 81 Jahren in der SPD. (Foto)
Heinz Hoefer ist seit 81 Jahren in der SPD.  Bild: news.de

Von news-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Er wurde in der Kaiserzeit geboren und Willy Brandt aß bei ihm oft zu Abend: Heinz Hoefer ist seit 81 Jahren Mitglied in der Berliner SPD. Was der 95-Jährige über Klaus Wowereit, brennende Autos und politische Macht denkt, hat er news.de verraten. 

Heinz Hoefer erinnert sich noch an die Kuhställe. Als er mit zehn Jahren von seinem Vater zu den Jungsozialisten gebracht wurde, sah es in Berlin-Kreuzberg anders aus als heute. Keine sanierten Altbauten, keine Latte-Macchiato-Kultur, keine Touristen in szenigen Internetcafes. Und auch von den Grünen gab es noch keine Spur zu sehen. 1925 war der Kiez rund um die Pücklerstraße ein klassischer SPD-Arbeiterbezirk. Es wurde malocht, gegessen und geschlafen. Zum Milchholen wurden die Kinder nicht in den Supermarkt geschickt, sondern in den Hinterhof, wo Kühe und Pferde in Quartieren standen.

Heinz Höfer muss lachen, wenn er an diese Zeit denkt. Viel hat sich in seiner Geburt- und Heimatstadt geändert, die zwischenzeitlich von Nazis tyrannisiert und vom Krieg geteilt war. Nur eines ist über all die Jahre gleich geblieben: Der 95-Jährige ist immer noch SPD-Mitglied. Am 1. April 1930 trat er - nach fünfjähriger Eingewöhnungsphase bei den Jusos - in die Mutterpartei ein. In den 81 Jahren erlebte er Bürgermeister wie Ernst Reuter oder Richard von Weizsäcker. Doch die schönste Zeit sei die als «Hottentottenwahl» beschimpfte Amtszeit von Willy Brandt gewesen.

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Nervig oder sinnvoll?
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Demnächst steht der derzeitige Rathauschef zur Wiederwahl an. Doch ob Klaus Wowereit in dieser Ahnengalerie mithalten kann? Zeit für ein Gespräch:

Herr Hoefer, ist Klaus Wowereit ein guter Mann für das Berliner Rathaus?

Heinz Hoefer: Es ist ein Glück für die Berliner SPD, dass sie ihn hat.

Warum? Er galt bereits als amtsmüde.

Hoefer: Ohne ihn würde die SPD ein paar Prozente verlieren. Er spricht die Bevölkerung an mit seiner Art. Ich war so froh, als er im Fernsehen gesagt hat: Ich bin schwul und das ist gut so. Da habe ich zu meiner Frau gesagt: Endlich mal einer, der offen und ehrlich ist. Ich begrüße das.

In regelmäßigen Abständen werden ihm Ambitionen auf der Bundesebene nachgesagt. Würde er sich dabei übernehmen?

Hoefer: Er soll sich ruhig mit der Bundespartei streiten. Jeder der da helfen will und Ideen hat, sollte dort willkommen geheißen werden. Es gibt auch Schweinehunde unter Politikern, aber der Wowereit gehört Gott sei Dank nicht dazu. Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn in der Politik mehr Menschen mit eigener Meinung dastehen würden. Nur dann kann eine Partei etwas werden. Sonst nicht.

Ist Ihnen die heutige Politik im Vergleich zu früher zu stromlinienförmig?

Hoefer: Ja. Denken Sie mal an die Zeit, als es in Deutschland Politiker wie Karl Liebknecht oder Ferdinand Lasalle gab. Die waren alle Außenseiter, aber große Kräfte. Selbst der viel geachtete Willy Brandt war nicht immer auf der Linie der eigenen Partei.

Immerhin hat die SPD mit Sarrazin einen Quertreiber gefunden, den sie nicht mehr los wird. Sind Sie froh darüber?

Hoefer: Das ist ein gutes Beispiel. Ich habe von Anfang an gesagt: Hört doch auf zu schreien. Der Sarrazin ist außerhalb der Richtlinien, ja. Aber der sagt etwas, dann muss ich mich damit auseinandersetzen. Ohne mit ihm geredet zu haben, kann ich mir jedenfalls kein Urteil erlauben.

Warum sind Sie dann ein Bewunderer von Wowereit? Gehört er nicht auch eher zur Gruppe der Anpassungsfähigen?

Hoefer: Nein, er hat nach außen immer eine vertretbare Meinung. Wenn ich mal die Gelegenheit habe, ihn im Fernsehen zu sehen, dann sage ich immer: Der trifft den Punkt. Immer.

Eine Zeit lang sah es aber so aus, als ob die Grünen in der Stadt mittlerweile den Punkt besser treffen als die SPD.

Hoefer: Ja natürlich. Aber jetzt zeigen die Umfragen, dass eine Frau wie Renate Künast im Laufe der Zeit abbaut. Sie wirkt gegensätzlich. Wer in der Politik was werden will, der muss nicht nur fachlich etwas können, sondern er muss auch die Bevölkerung ansprechen. Doch Zweites tut die Künast nicht.

 

Das Duell Wowereit gegen Künast bestimmt derzeit den Berliner Wahlkampf. Für Heinz Hoefer kam eine Kandidatur für das Rote Rathaus indes nie infrage. «Nee», sagt er. Er sei als Bezirkspolitiker mehr als zufrieden gewesen. In Berlin-Steglitz war er erst Verordneter, später mehr als 22 Jahre lang Baudezernent und schließlich Bezirksbürgermeister (1965-1971). An Einfluss hat es ihm nie gemangelt, immerhin zählte Willy Brandt zu seinem Freundeskreis.

Mit seiner Frau Ruth kehrte Berlins Stadtoberhaupt, der später auch noch Bundeskanzler wurde, des Öfteren zum Abendessen ein. Eines Abends kam er allerdings nur kurz, weil er noch in die USA reisen wollte, um dort Spendengelder für die vom Krieg zerstörte Stadt einzutreiben. «Bring mir drei Millionen mit, ich muss hier ein Krankenhaus bauen», sagte Heinz Hoefer zu seinem Freund. Brandt tat, wie gebeten. Aus den drei Millionen wurden allerdings mehrere Hundert. Mit dem Geld baute Hoefer anschließend das Benjamin-Franklin-Universitätsklinikum auf, das bis heute eines der größten medizinischen Versorgungs- und Forschungseinrichtung Berlins ist.

An Berlin scheiden sich oft die Geister. Hat sich die Hauptstadt in Ihren Augen zum Positiven entwickelt?

Hoefer: Berlin ist eine bewundernswerte Stadt. Sie hat sich aus den Trümmern in einer ganz neuen Art gestaltet. Die vielen Fremden, die nun hierher kommen, staunen doch nur noch.

Aber es gibt auch viele Probleme. Die Mieten und sozialen Unruhen steigen. Macht Ihnen die Serie brennender Autos keine Sorgen?

Hoefer: Es wird nie eine Stadt geben, wo man mit allem zufrieden ist. Überall wird es Dinge geben, die einen ärgern.

Das heißt, man muss die Gewalt akzeptieren?

Hoefer: Nein. Aber eines muss man sehen: Es gibt halt manchmal anarchistische Zustände. Wir haben hier eine Clique, die vom Autoanzünden lebt. Die Täter sind so veranlagt. Leider Gottes werden diese Kriminellen dadurch zusätzlich stark gemacht, dass sie am nächsten Tag in der Zeitung stehen und sich als tolle Männer fühlen dürfen. Aber auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass man in Berlin keine Wunschbilder malen kann und nie eine bürgerlich-saubere Stadt bekommen wird. Wo so viele Millionen Menschen zusammenleben, wird es immer auch Lumpen geben. 

jek/bjm/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • npdAD
  • Kommentar 2
  • 09.09.2011 11:28
Antwort auf Kommentar 1

Ein Nichtwähler,der für die "Rechtsrandigen schwarz-braunen Haselnüsse" trommelt! Die Piraten waren mit 2 Prozent bei der letzten Bundestagswahl 2009 dabei. Die"rechtsrandigen Verbrecher",genannt npd,hatten gerade einmal 1,5%. Wer sich Freiheit nennt,na der hat es scheinbar nötig!

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  • Nichtwähler
  • Kommentar 1
  • 09.09.2011 08:36

Sehr schön, aber wie soll man denn da noch politik machen, wenn selbst die Presse keine 'Namen' nennen will. Wir alle wissen schon wer damit gemeint ist, doch leider ist es bei den Qualitätsmedien so, dass dann mal wieder die Kommentarfunktionen deaktiviert sind oder einfach alles nur gelöscht wird. Ich weis eine Partei, die es sich zur aufgabe gemacht hat, sich um dieses Problem ernsthaft zu kümmern DieFreiheit! Liebe Berliner, wenn ihr diese Zustände nicht mehr länger haben wollt, dann wählt mal eine anderer Partei, die diese Zustände auch anprangert und beim Namen nennt, dieFreiheit!

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