Wahlkampf in Berlin «Hau ab mit deinem Scheiß» 

Wowereit eröffnet Lesbischwules Parkfest (Foto)
Gibt sich im Wahlkampf bürgernah: Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Bild: dapd

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Von Kundgebungen hält er wenig: Dennis Buchner (SPD) geht lieber direkt zu den Wählern nach Hause. 5000 Gespräche will er bis zum Ende des Berliner Wahlkampfes führen. Endlich einmal ein Kandidat zum Anfassen. Doch die meisten Wähler bleiben stumm, wenn er kommt. 

Das gibt eine Abfuhr erster Güte. Der ältere Herr im grauen Anzug hastet direkt auf Dennis Buchner (SPD) zu. Die Vögel zwitschern an diesem sonnigen Vormittag, und Buchner versucht sein Glück: «Entschuldigung, darf ich Sie kurz stören?», fragt der SPD-Politiker. «Ich bin ihr Direktkandidat.» Er hält dem Mann einen blau-roten Flyer entgegen. Doch der potentielle Wähler rennt an ihm vorbei. «Nee, lass mal. Ich bin sauer.»

Das ist sein gutes Recht. Er wohnt in Weißensee, einem Ostbezirk in Berlin. In seinem Kiez gibt es keine schön sanierten Altbauten wie im neureichen Mitte. Die Menschen leben in der DDR-Platte. Viele sind alt. Oder arbeitslos. Manche auch beides. Und die Stadt ist pleite. Die Aussicht auf Besserung ist gering. Doch das stört den Mann überhaupt nicht, wie Dennis Buchner herausbekommt. «Warum sind sie sauer?», ruft er dem Rentner hinterher, der kurz verharrt und sich noch einmal umdreht. «Ich habe da hinten mein Fahrrad angeschlossen und den Schlüssel vergessen», sagt er. Jetzt müsse er noch einmal zurück in die Wohnung. «Blöder Mist.» Dann läuft er weg.

Wahlplakate
Nervig oder sinnvoll?

Dennis Buchner kennt das. Er bezeichnet es als «freundliches Desinteresse», was ihm da täglich im Berliner Wahlkampf entgegenschlägt. Buchner, 34, seit 1998 in der SPD aktiv, will am 18. September ins Abgeordnetenhaus gewählt werden. Es ist sein erster Versuch. Sein Wahlkreis gilt als machbar. 28.000 Wahlberechtigte gibt es dort. 4000 Stimmen, so zeigen es die vergangenen Abstimmungen, reichen schon zum Sieg. Buchner hat sich deswegen ein Ziel gesetzt: Er will mit 5000 Menschen direkt in Kontakt treten. An der Straßenbahnhaltestelle. Vor dem Supermarkt. Wenn es sein muss, klingelt er auch bei ihnen.

Vorgabe vom Parteichef: SPD soll bürgernah werden

Der junge SPD-Kandidat setzt damit eine neue Maxime der Partei um. Er geht dahin, wo «es brodelt, gelegentlich auch stinkt». So jedenfalls hat es Sigmar Gabriel beim Parteitag 2009 formuliert, als er als neuer Bundesvorsitzender seiner Partei vor allem eines einimpfen wollte: Die Genossen sollten wieder mehr Bürgernähe beweisen.

Mühsam versucht seitdem die Partei die Vorgabe vom Chef umzusetzen. Als erster verzichtete Olaf Scholz in seinem Kampf ums Hamburger Bürgermeisteramt weitgehend auf große Kundgebungen. Genauso handhaben es Erwin Sellering in Mecklenburg-Vorpommern, wo in der kommenden Woche ein neuer Ministerpräsident gewählt wird, und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. «Wir machen kaum große Saalveranstaltungen», versprach das Stadtoberhaupt zum Wahlkampfauftakt. Stattdessen suche man den «intensiven Kontakt zum Wähler und den Menschen, die politikfern sind». Soll heißen: Wenn die Menschen nicht zu «Wowi» kommen, kommt «Wowi» zu ihnen.

Vor zwei Wochen startete er seine Kiez-Tour. Das Programm ist prall gefüllt. Kein Kiez wird ausgelassen. Aber es sind gut vorbereitete Termine. In Altenheimen. In Schulen. Mal in einem Einkaufscenter. Stets bringt Wowereit einen Tross an Mitarbeitern, Unterstützern und prominenten Genossen mit.

Graswurzelwahlkampf kann Ärger bringen

Dennis Buchner kommt stets allein. Auf Wahlstände vor dem Baumarkt will er sich in seinem Graswurzelwahlkampf nicht verlassen. Die Konkurrenz ist groß. Tierschützer, Menschenrechtler, Parteien - sie alle buhlen um das Geld oder die Gunst der Berliner. «Die meisten Menschen machen deswegen einen großen Bogen, sobald sie einen Stand sehen», sagt Buchner. Er probiert es deswegen direkt.

Morgens, wenn er auf dem Weg zur Arbeit ist, spricht er die Wartenden an der Straßenbahnhaltestelle an. Einige sind sogar dankbar, wenn er ihnen eine Broschüre gibt, egal ob mit oder ohne Logo der SPD. Hauptsache, sie haben etwas zum Lesen. Vor einigen Wochen hat er auch an Wohnungstüren geklingelt. Doch das kostet zu viel Zeit. «Drei Minuten mindestens, bis man erst einmal im Haus drin ist», sagt er. Jetzt spricht er die Menschen gleich auf der Straße an, auch wenn es mitunter nach Ärger riecht.

Seit einer halben Stunde ist er unterwegs. In seiner Umhängetasche transportiert er einen Stapel Faltblätter und jede Menge roter Kugelschreiber. Als er an einer Reihe parkender Autos vorbeigeht, klettert ein junger, kahlgeschorener Mann aus seinem Wagen. Buchner geht auf ihn zu, in der Hand Flyer und Stift. Er hat noch gar nichts gesagt, da faucht der Mann ihn schon an: «Hau bloß ab, du, mit deinem Scheiß.»

Dennis Buchner zieht sich dezent zurück. Er ist es gewohnt. Ob es ihn noch Überwindung kostet, immer wieder den Zweikampf zu suchen? «Man gewöhnt sich daran», sagt er. Die meisten sind zwar passiv, aber ihm gegenüber nicht feindlich gesinnt. Zumindest nicht an diesem Vormittag, an dem vor allem ältere Menschen ihre Besorgungen machen. Rentner gehen für gewöhnlich noch zur Wahl. Anders als der Autofahrer nehmen sie die Broschüren mit. Vielleicht zum Lesen. Vielleicht auch nur, weil es einen schicken Kugelschreiber dazu gibt. «Was, muss ich jetzt unterschreiben?», wundert sich eine ältere Dame, die eine Einkaufskarre hinter sich herzieht. «Nein, ich will ihnen nichts verkaufen», erwidert Buchner. «Aber damit können sie ihr Kreuz machen. Am 18. September. Da ist Wahltag.»

Kugelschreiber ja, Gespräche mit dem Kandidaten nein

Ohne Werbegeschenke geht es nicht. Dennis Buchner greift deswegen tief in die eigene Tasche. Alle Kandidaten bekommen von der Partei ein Basispaket für die Wahlwerbung. Die Kugelschreiber gehören nicht dazu. Weil Buchner aber nicht nur mit Plakaten an Laternenmasten auf sich aufmerksam machen will, finanziert er seinen eigenen Wahlkampf quer. Ungefähr 3000 Euro investiert er aus der Privatschatulle. «Die Mitglieder anderer Parteien lassen deswegen weniger Tinte in die Kulis füllen, das ist billiger», sagt er und grinst.

Es ist der einzige Seitenhieb, den er sich leistet. «Ich kann über meinen Gegner nicht einmal etwas schlechtes sagen», sagt Buchner, außer, dass er nicht so präsent sei im Wahlkreis. Als SPD habe man es hier leichter. Auch weil Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister immer noch ein Zugpferd sei. «Es gibt einfach keine Wechselstimmung in der Stadt.»

Dennis Buchner ist seit einer Stunde unterwegs. Seine Tasche ist jetzt leer. 120 Stifte und 120 Flyer hat er unter das Volk gebracht. Das sind 120 direkte Kontakte. Keine schlechte Ausbeute - theoretisch. Praktisch jedoch wollten nur zwei Passanten mit ihm reden. Eine Frau hat ihm die Meinung gegeigt und gesagt, dass es unerhört sei, dass im Bezirk Weißensee nicht genügend Plätze für alle Schüler zur Verfügung stehen. Und ein Blumenverkäufer hat die Gunst der Stunde genutzt, um sein Vereinsprojekt voranzutreiben. Es gebe eine brachliegenden Sportplatz, er würde ihn gerne für die Jugendlichen wieder in Betrieb nehmen, bekomme bislang aber keine Unterstützung. Dennis Buchner gibt ihm seine Karte. «Schreiben Sie mir das auf. Ich gehe damit gleich zum Senator.» Ein Punktsieg. Für Buchner. Aber auch für die Bürger.

Und der Rest? Hat die Karten und Kulis genommen. Und geschwiegen.

Lesen Sie morgen bei news.de das Exklusiv-Interview mit SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering zum Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern!

bjm/news.de

Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Rudolf Nass
  • Kommentar 6
  • 09.09.2011 20:15
Antwort auf Kommentar 4

Ihre Beiträge sind bekannt. Warum die gleichen Worthülsen?Hirne im Ruhestand sind ohne Flüssigkeiten einfach "trocken"!

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  • loddel
  • Kommentar 5
  • 06.09.2011 15:03
Antwort auf Kommentar 4

Inwieweit sind deine k. sachlich?

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  • hpklimbim
  • Kommentar 4
  • 04.09.2011 16:21

Mal wieder nichts zur Sache, sondern nur gegen Personen. Die Grundzüge der Demokratie scheinen Ihnen nicht bekannt zu sein. Denn reale Demokratie lebt allein von Sachentscheidungen. Ihre Form der Kritik praktizierten vor 1945 die Nazis. Und in neuerer Zeit die selbsternannten Gutmenschen.

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