Sturz von Gaddafi «Libyen ist ein Land außer Kontrolle»

Libyer feiern in Bengasi den Sturz des Gaddafi-Regimes. (Foto)
Libyer feiern in Bengasi den Sturz des Gaddafi-Regimes.  Bild: dpa

Von news.de-Volontärin Annika Einsle
Arabien feiert: Muammar al-Gaddafis Herrschaft geht zu Ende. Im Gespräch mit news.de erklärt Libyen-Experte Andreas Dittmann, welche Herausforderungen nun auf das Land warten - und warum Gaddafis Regime auch gute Seiten hatte.

Nach 42 Jahren Diktatur scheint Muammar al-Gaddafi in Libyen niedergekämpft. Wie schätzen Sie die derzeitige Lage in dem Land ein?

Andreas Dittmann: Die derzeitige Lage ist noch sehr unübersichtlich, aber sie scheint insofern eindeutig zu sein, als dass die Ära Gaddafi tatsächlich zu Ende geht. Viele befürchten jetzt ein wildes Chaos im Kampf der Stämme. Das sehe ich aber nicht so. Libyen ist keine Stammesgesellschaft mehr. Natürlich spielen Stämme noch eine größere Rolle als in den Nachbarländern. Aber wenn die Regierung zusammenbricht, wird es nicht zum absoluten Chaos kommen. Die unterschiedlichen Rebellengruppen müssen sich jetzt zusammensetzen und wahrscheinlich auch zusammenraufen. Aber es bleibt zu hoffen, dass es nicht in einer Fortsetzung der Kämpfe endet.

Libyen
Der Kampf gegen Gaddafi

US-Präsident Obama sieht Libyen an einem Wendepunkt und hat Mut gemacht, dass alles besser wird. Wie gut stehen die Chancen auf eine Demokratie in Libyen?

Dittmann: Die libyschen Rebellen sind mit dem Argument angetreten, eine Demokratisierung einzuleiten und eine Demokratie anstelle einer Diktatur aufzubauen. Von daher bin ich zuversichtlich, dass das auch gelingt - wie auch immer man im nordafrikanischen Zusammenhang Demokratie definieren wird.

Sie haben Gaddafi einige Male getroffen. Wie haben Sie ihn wahrgenommen?

Dittmann: Es ist lange her, dass ich Gaddafi getroffen habe. Aber ich habe ihn ganz anders kennengelernt, als er häufig dargestellt wird. Er ist ein Mensch mit Visionen und klaren Zielen, die er umsetzt, indem er seine Macht und seinen Einfluss spielen lässt. Früher schlug Gaddafi nicht nur in Libyen, sondern in der gesamten arabischen Welt Begeisterung entgegen, weil er - das wird heute häufig vergessen - ja auch viel für Libyen getan hat.

Libyen
Gaddafis Tage sind gezählt
Video: dapd

Können Sie Beispiele nennen?

Dittmann: Er hat viel vom libyschen Erdölgeld nicht nur in Waffen gesteckt, sondern auch in den Aufbau des Landes. Infrastruktur, Schulen, Straßen, Krankenhäuser. Die älteren Libyer sehen das heute durchaus als Verdienst, aber die jüngeren sind unzufrieden, weil sie in ein aufgebautes Libyen hineingewachsen sind und in Gaddafi nur das schlechte, nämlich die politische Unterdrückung, sehen. 

Immer wieder wandte sich Gaddafi in den vergangenen Tagen an seine Anhänger. Wie viel Macht hat er noch?

Dittmann: Er hat jetzt keine Macht mehr. Aber seine Anhänger bleiben da. Sie werden sich jetzt aber genau so verhalten wie Nationalsozialisten nach 1945 in Deutschland oder ehemalige Stasimitarbeiter nach der deutschen Wiedervereinigung: Sie werden den Kopf unten halten und sagen, sie wären eigentlich dagegen gewesen und hätten sich nicht wehren können. Das ist ihnen jetzt auch anzuraten, denn die Gefahr, dass Lynchjustiz um sich greift, lässt sich derzeit schwer einschätzen. Gerade das, was in den vergangenen Wochen immer mehr eskalierte, könnte jetzt bei einigen den Wunsch nach Revanche wachrufen.

Chronologie
Arabien im Umbruch

Einzelne Gaddafi-Anhänger verteidigen nach wie vor ihren Posten. Was hat die Bevölkerung noch zu befürchten?

Dittmann: Hier und da wird es noch ein paar Kämpfe geben, bis der letzte daran glaubt, dass es vorbei ist. Aber mit der Einnahme des Grünen Platzes in Tripolis - das ist der wichtigste Platz in Libyen überhaupt - ist die Sache eigentlich erledigt.

Gegen Gaddafi und einige seiner Anhänger liegen internationale Haftbefehle vor. Doch er ist vorerst untergetaucht. Wo könnte er sein?

Dittmann: Wo Gaddafi ist, ist sehr schwer zu beantworten. Derzeit werden vier Länder gehandelt, in die er sich absetzen kann: Algerien, Südafrika, Nigeria und Sudan. Wenn ich Gaddafi wäre, würde ich mich in den Sudan absetzen. Da wäre er momentan sehr sicher. Denn auch der dortige Staatschef Bashir wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Libyen hat den Sudan in der Vergangenheit immer wieder finanziell und logistisch unterstützt und war aktiv in den Darfurkonflikt verstrickt. Insofern wäre Gaddafi da willkommen und auch einigermaßen sicher. Das ist bei den anderen Ländern nicht der Fall.

Kleider machen Leute
Ein Diktator als Paradiesvogel

Wie gut stehen die Chancen, dass er es tatsächlich schafft, sich in ein anderes Land abzusetzen?

Dittmann: Wenn er sich absetzt, dann kann er das nur schwer per Flugzeug tun, weil die Flugverbotsüberwachung sehr streng ist. Nato-Kräfte werden alles abschießen, was mehr als zwei Meter vom Boden abhebt, in der Annahme, dass sich darin Gaddafi befindet. Also muss er es über Land versuchen. Dort wäre die beste Möglichkeit, es über Algerien zu versuchen, weil Algerien den Auslieferungsantrag noch nicht unterschrieben hat.

 

Wie wird Gaddafi Ihrer Meinung nach jetzt weiter vorgehen?

Dittmann: Er hat mehrfach erklärt, dass er den Märtyrertod sterben werde. Wenn er das nicht tun würde, wäre das für sein Image ungeheuer schlecht. Aber es bleibt abzuwarten, wie sehr er an seinem Leben hängt. Ebenso würde es zu ihm passen, sich an einen unbekannten Ort abzusetzen und von dort aus Libyen nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Der Sahararaum Libyens ist riesig, da hat er die meisten seiner Anhänger und dort könnte er gut untertauchen. Auch wenn der Bürgerkrieg morgen Mittag vorbei ist, ist Libyen noch kein sicheres Land. Es ist ein Land außer Kontrolle mit einer Vielzahl von Waffen, die verteilt wurden und von denen keiner genau weiß, wo wer welche hat.

Libyen steht vor einem Umbruch. Auch die Nato rechnet mit einem schnellen Ende des Regimes. Welche Aufgaben hat das Land jetzt zu bewältigen?

Dittmann: Man muss jetzt sowohl die sicherheitspolitischen Aufgaben als auch den Schnellaufbau einer Demokratie bewältigen. Zunächst muss eine Übergangsregierung gebildet werden, die dafür sorgt, dass die Polizei Recht und Ordnung kontrolliert und keine wilden Rache- oder Lynchaktionen stattfinden. Außerdem muss eine Demobilisierung, also eine weitgehende Entwaffnung der libyschen Bevölkerung, stattfinden. Und dann müssen schnellstmöglich Wahlen eingeleitet werden. Das gestaltet sich aber weitaus schwieriger, weil dazu erst Parteien gebildet werden müssen, die es in Libyen bisher noch nicht gibt.

Aus europäischer Sicht kommt hinzu: Frankreich, England und andere haben in Libyen nicht gebombt, weil ihnen die Rebellen leid getan haben, sondern weil sie etwas vom libyschen Erdölkuchen haben möchten. Sie werden jetzt versuchen, so viel Einfluss und so viele Geschäfte für sich an Land zu ziehen wie möglich. Ein neues postkoloniales Spiel um Macht und Einfluss in Libyen sozusagen.

Andreas Dittmann, Jahrgang 1959, ist Humangeograph. Er leitet das Institut für Geographie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Zu seinen Forschungsgebieten gehören unter anderem die geographische Entwicklungsforschung, Kulturgeographie, der islamische Orient und Afrika südlich der Sahara. Mehrmals reiste Dittmann zu Studienzwecken nach Libyen, wo er Muammar al-Gaddafi auch persönlich kennenlernte.

kra/news.de

Leserkommentare (41) Jetzt Artikel kommentieren
  • Friedenstaube
  • Kommentar 41
  • 24.11.2011 21:10
Antwort auf Kommentar 8

Klaro hat man aus dem Irak gelernt. Werde reich am fremden Öl. Fördere den Terror gegen die dortige Bevölkerung, und lasse dich auf Kosten der Steuerzahler von NATO-Soldaten beschützen. Für hundertfachen Gewinn ist der Kapitalist für jedes Verbrechen zu haben. Und wer geht dagegen vor? Die Wähler in den demokratischen Staaten? Nee, die werden genau so mit rein gezogen wie die Deutschen in den braunen Sog des Dritten Reiches. Dagegen hilft nur eins: Aktiv dagegen demonstrieren und PDS wählen. Wenn es dem Frieden zum Erfolg verhilft, haben wir sehr, sehr viel gewonnen.

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  • NATO-Gegner
  • Kommentar 40
  • 24.11.2011 20:53

Deutschland muss die Konsequenzen aus dem Nato-Krieg ziehen. Die NATO wurde zum verbrecherischen Instrument Profitgeiler Öl-Konzerne. Deutschland hat Verantwortung für zwei Weltkriege. Jetzt muss Deutschland schnellst möglich raus aus der NATO, damit es nicht noch Verantwortung für einen dritten Weltkrieg mit tragen muss.

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  • news
  • Kommentar 39
  • 24.11.2011 20:38

Gadafi sprach von Anfang an von Al Kaida-Rebellen.In Afghanistan war der gesellschaftliche Fortschritt,den die zivilisierte Welt einbrachte,den Stammesfürsten zu wider.Die wollten ungebildete Frauen und Männer ganz traditionell auf dem Feld. Fortschritt, Bildung, unabhängige Lohnarbeiter brachte die alten Stammesfürsten um ihre Macht und Einfluss. Sie wehrten sich mit Erfolg.Erst wurden die Franzosen besiegt,dann die UdSSR und jetzt die NATO. Warum den Völkern das Recht auf eigene gesellschaftliche Entwicklung nehmen? Warum einmischen? - Doch nur um deren natürlichen Reichtümer zu plündern.

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