11. September Die pure Folter

Afghanistan Gray Sites (Foto)
Nicht nur in Bagram, sondern auch in Guantánamo werden noch immer Menschen gefangen gehalten. Bild: ap

Von Can Merey
Mit oft fadenscheinigen Begründungen haben Amerikaner nach 9/11 Terrorverdächtige aus Afghanistan und Pakistan eingesperrt. Ein Ex-Häftling erzählt von Demütigungen und von Gefangenen, die so verzweifelt waren, dass sie ihre Peiniger mit Kot bewarfen. 

Um 2.00 Uhr nachts kamen sie, das Datum weiß Ghairat Bahir noch heute genau: Es war der 26. Oktober 2002, als pakistanische und amerikanische Sicherheitskräfte ihn aus seinem Haus in Islamabad zerrten. Danach sollte der islamistische Politiker seine Familie fast sechs Jahre lang nicht mehr sehen. So lange war er ohne Prozess eingesperrt in umstrittenen Gefängnissen, die die Amerikaner nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aus dem Boden stampften. «Unmenschlich und barbarisch» seien er und seine Mithäftlinge behandelt worden, sagt Bahir. Der Afghane spricht von Folter.

Bahir hat prominente Verwandtschaft: Der heute 56-Jährige ist der Schwiegersohn des afghanischen Ex-Premierministers und Kriegsherren Gulbuddin Hekmatyar. Dessen Anhänger sind in der Hesb-i-Islami Gulbuddin (HIG) versammelt, sie kämpfen - wie auch die Taliban - gegen die ausländischen Truppen in Afghanistan. Bahir, der heute ganz offiziell westliche Staaten bereisen darf und wieder in seinem Haus in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad lebt, ist der Chef des politischen Flügels der Organisation.

US-Gefangenenlager Guantanamo
Gesetzloses Gefängnis

«Schlimmer als Guantánamo» 

Mit seiner Festnahme hätten die USA Druck auf die HIG und seinen untergetauchten Schwiegervater ausüben wollen, sagt Bahir. Zuvor habe er sich offen gegen die US-Politik in Afghanistan ausgesprochen gehabt. «Den Amerikanern war damals jeder Vorwand recht, um Menschen einzusperren.» Manche Häftlinge wurden in das berüchtigte Gefängnis Guantánamo Bay auf Kuba gebracht, Bahir war nicht darunter. Ihm stand ein Horror-Trip durch US-Gefängnisse in Afghanistan bevor - «schlimmer als Guantánamo», wie er sagt.

Zunächst sei er an einen Ort am militärischen Teil des Flughafens Kabul gebracht worden, wo er im «dunklen Gefängnis» der Amerikaner sechs Monate lang völlig ohne Licht eingesperrt gewesen sei, sagt Bahir. Seine Peiniger hätten ihn nackt an die Wand gekettet und ihm Fußfesseln angelegt. «In der Zelle waren drei Lautsprecher. Diese Lautsprecher waren 24 Stunden Tag an.» Die Häftlinge seien rund um die Uhr mit «furchtbarer Musik, verstörender Musik, entsetzlicher Musik» beschallt worden. Der konstante Krach habe ihnen den Schlaf geraubt. Die amerikanischen Wärter hätten Gehörschutz getragen und sich mit Taschenlampen durch die Dunkelheit bewegt.

11. September
«Der schrecklichste Tag in meinem Leben»
Video: news.de

Nahrung habe es unregelmäßig gegeben, sagt der Afghane, und vor allem viel zu wenig: Mal eine Mahlzeit täglich, dann wieder nur alle zwei oder drei Tage. «Es war nicht einmal genug für ein Huhn.» Im nächsten Gefängnis im Pandschir-Tal hätten kaum bessere Bedingungen geherrscht. Dort sei er neun Monate lang in einer dunklen Zelle festgehalten worden, die zwei Meter lang und 90 Zentimeter breit gewesen sei - das entspricht der Fläche eines Einzelbetts.

Mit Kot und Urin gegen die Wärter

Nach einem weiteren CIA-Gefängnis sei er auf den berüchtigten US-Stützpunkt Bagram nördlich von Kabul gekommen, sagt Bahir. Dort hätten ihn die Amerikaner zusammen mit 17 anderen Gefangenen in einen Käfig eingepfercht. Das gesamte erste Jahr lang hätten die Häftlinge nicht miteinander reden dürfen. Und wieder seien die Gefangenen daran gehindert worden zu schlafen: Alle zwei Stunden hätten sie sich zum Vollzähligkeitsappell aufstellen müssen - rund um die Uhr.

Die Wärter hätten die Häftlinge zudem nackt und in der Gruppe zwangsabgeduscht, sagt Bahir. Noch demütigender sei die Toilette gewesen, wo die Gefangenen ohne Sichtschutz oder Abtrennungen nebeneinander ihre Notdurft hätten verrichten müssen, während Aufseherinnen sie dabei beobachteten. Die Gefangenen seien so aufgebracht gewesen, dass sie amerikanische Wärter aus dem Käfig heraus mit ihrem eigenen Kot und Urin beworfen hätten.

Menschenrechtsorganisationen prangerten unter der Ende 2008 abgewählten Regierung von US-Präsident George W. Bush immer wieder Folter in den Gefängnissen an, in die US-Truppen und der Geheimdienst CIA nach dem 11. September 2001 Verdächtige einsperrten. Heute ist unbestritten, dass nicht nur Terroristen inhaftiert wurden. Muslime wurden auch auf der Basis fragwürdiger Anschuldigungen verschleppt. US-Präsident Barack Obama erfüllte sein Wahlkampfversprechen, Guantánamo zu schließen, bislang nicht. Weiterhin halten die USA dort und in Bagram Menschen gefangen.

World Trade Center
Manhattans neues Gesicht

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights First (HRF) mit Sitz in Washington berichtete im vergangenen Mai, in Bagram säßen 1700 Gefangene ein. Das seien fast dreimal so viele wie unter der Bush-Regierung und etwa zehn Mal so viele wie in Guantánamo.

Obama schlimmer als Bush?

In dem HRF-Bericht hieß es, den Gefangenen in Bagram würden noch weitaus weniger Rechte gewährt als denen in Guantánamo, die einen Anwalt sprechen und ihre Haft vor einem US-Gericht anfechten könnten. «Manche Häftlinge in Bagram sind seit acht Jahren oder mehr ohne Anklage oder Prozess eingesperrt, weitgehend auf der Basis von Beweisen, die sie nie gesehen haben, und ohne eine sinnvolle Möglichkeit, sich zu verteidigen.»

Bagram geriet wegen des Todes von zwei afghanischen Häftlingen international in die Schlagzeilen. Die New York Times zitierte 2005 aus Untersuchungsberichten der US-Armee, wonach die Gefangenen an die Decke gekettet und von Soldaten so brutal geschlagen wurden, dass sie Ende 2002 an den Folgen starben. «Die Berichte (...) machen auch deutlich, dass die Misshandlungen in Bagram viel weiter gingen als die beiden Tötungen.» Im Zusammenhang mit den Todesfällen mussten sich mehrere Soldaten vor Gericht verantworten.

Die Bush-Regierung hat Vorwürfe, Gefangene würden systematisch gefoltert, stets zurückgewiesen. Allerdings ist das eine Definitionsfrage. Umstritten ist der Einsatz von Methoden wie anhaltendem Schlafentzug oder dem so genannten Waterboarding, bei dem der Gefangene das Gefühl hat zu ertrinken. Unter der Bush-Regierung waren sie erlaubt und galten nicht als Folter - eine Einschätzung, der Menschenrechtsorganisationen widersprechen. Obama ließ solche Praktiken nach seiner Amtseinführung Anfang 2009 verbieten. Bahirs Schilderungen fallen in die Zeit davor.

Und plötzlich doch kein Terrorist mehr

Bahir sagt, zwischenzeitlich sei er in der Haft von 90 auf 53 Kilogramm abgemagert. «Ich war so schwach, dass ich meine Hände nicht mehr zum Gebet heben konnte.» Nach etwa einem Jahr in Bagram hätten sich die Bedingungen dort dann verbessert. Die Gefangenen im Käfig hätten miteinander reden dürfen, ihnen seien Ausgaben des Koran ausgehändigt worden. Er habe die Zeit damit zugebracht, das Heilige Buch der Muslime auswendig zu lernen. «Gott hat mir viel Stärke gegeben.»

Nach vier Jahren in Bagram und einem einwöchigen Zwischenstopp im Gefängnis Pul-i-Charki am Rande Kabuls wurde Bahir schließlich entlassen, auch an dieses Datum erinnert er sich: Es war der 29. Mai 2008. Ein US-Offizier habe sich bei ihm davor für die Haft entschuldigt - mit den Worten: «Sie sind kein Terrorist.»

Nach Bahirs Freilassung wurde er vom afghanischen Präsidenten Hamid Karsai empfangen, internationale Medien berichteten darüber. Der Schritt wurde als Versuch gewertet, die HIG zu Verhandlungen mit Karsai zu bewegen. Bahir kehrte bald darauf in sein Exil nach Islamabad zurück - in sein Haus, aus dem heraus er verschleppt worden war, zu seiner Ehefrau und zu seinen Kindern.

Der 11. September 2001 hat alles verändert

Sein einer Sohn sei bei der Festnahme in die 11. Klasse gegangen, sagt der Ex-Häftling. «Als ich zurückkam, hatte er seinen Abschluss als Ingenieur gemacht und trug einen Bart.» Seine damals sechs Monate alte Tochter habe ihren Vater nach dessen Rückkehr nicht erkannt. «Und ich erkannte sie auch nicht.» Natürlich plagten ihn schlimme Erinnerungen an die Gefangenschaft. «Meine Psyche wurde beschädigt.» Dennoch sagt er: «Ich versuche, meine Gefühle zu kontrollieren, um keinen Hass gegenüber den Amerikanern zu entwickeln.»

Der 11. September 2001 und seine daraus resultierende Haft hätten sein Leben dramatisch verändert, sagt Bahir. Ihm ist es trotz der traumatisierenden Erlebnisse gelungen, eine erstaunlich positive Einstellung zu bewahren. Geholfen hat ihm dabei sein Glaube.

Seine Familie habe durch seine Abwesenheit auf eigenen Füßen zu stehen gelernt, seine sieben Kinder seien selbstständiger geworden, meint der stolze Vater. Seine Söhne und Töchter schnitten in der Schule fantastisch ab. Der Koran weise darauf hin, dass sich Ereignisse, unter denen man zunächst leide, im Nachhinein als positiv herausstellen könnten, sagt Bahir. «Gott weiß es besser.»

roj/bjm/news.de/dpa

Leserkommentare (41) Jetzt Artikel kommentieren
  • vladi
  • Kommentar 41
  • 15.09.2011 13:59
Antwort auf Kommentar 27

Antenne,ziehe deine Sendernudel ein.So ein Schwachsin!!! Und ich wünsche DIR und auch MIR,das DU es eimal erlebst Hautnah wo der Unterschied ist zwischen westlicher und islamischer civilisation Bzw.Etwicklungskultur. Scharia auf dich.

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  • vladi
  • Kommentar 40
  • 15.09.2011 13:33

Es ist IMMER das gleiche.Die bösen Amis,sie sind so grausam und es wird IMMER NUR über sie hergezogen!!! WO BLEIBEN Beiträge über die FOLTERUNGEN und TÖTUNGEN (zb.die Köpfung) in islamischen Länden??? Die Bombenanschläge auf die Civilisten auf den Märkten? ODER die ISLAMISCHE Überfälle auf die Dörfer in Sudan/Darfur.Es gibt SO VIEL TERROR in den Autogratischen Arabischen Länden...WARUM SCHREIBEN SIE NICHT ÜBER SOETWAS???!!!...nein die Amis sind an allen Schuld, WEIL wenn mann über die muslime schreiben würde,dan konnte mann ihren "gerechten" Hass zu schpüren beckommen! IHR FEIKLINGER!!!!!!!!!

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  • kelevra
  • Kommentar 39
  • 11.09.2011 21:01
Antwort auf Kommentar 38

Immerhin hat der Einsatz der hasbara bewirkt,dass viele nichtmuslimische Menschen ebenfalls erkannten wie sie von der großen Mehrheit der Zionisten verachtet werden und hätten diese die Möglichkeit,auch entsorgt würden.Insofern ist es sehr gut,daß die One-World-Fanatiker Einblick in ihr menschenverachtendes Denken und Handeln gaben und hoffentlich auch der Westen bald vollen Widerstand leistet!Es ist faszinierend zuzusehen welche Kulisse false-flag-actions und Medien imstande sind aufzubauen,wie im Westen ein fast perfektes Bild von "Good Old America"gezeichnet wird während es vom Blut trieft!

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