50 Jahre Mauerbau Die Nacht, in der ein Dorf verschwand

Böseckendorf (Foto)
Eine Gedenkplatte erinnert an die wohl größte Massenflucht über die innerdeutsche Grenze. Bild: dpa

Von Theresa Münch
Während in Berlin eine Mauer mitten durch die Stadt gebaut wurde, war die grüne Grenze in Thüringen 1961 noch durchlässig. In einer Nacht- und Nebelaktion nutzt Georg Klingebiel mit seiner Familie die Gunst der Stunde zur Flucht gen Westen.

Durch die großen Fenster im Dachgeschoss sieht Georg Klingebiel weite Kornfelder, hier und da einen Baum. Vor allem aber geht sein Blick nach Westen. Ein paar hundert Meter hinter seinem Elternhaus verlief bis 1990 die deutsch-deutsche Grenze. Die Klingebiels lebten im thüringischen Böseckendorf in der 500-Meter-Zone - bis sie wenige Monate nach dem Mauerbau in Berlin zusammen mit dem halben Dorf «rüber machten». Über Nacht waren 53 der etwas mehr als 100 Böseckendorfer verschwunden. Es war die wohl größte Massenflucht über die innerdeutsche Grenze - keine zwei Kilometer weit ins niedersächsische Nachbardorf, zugleich in eine andere Welt.

Erst eine Stunde bevor es losgehen sollte, hatten der damals 12-Jährige und seine Geschwister an diesem 2. Oktober 1961 vom Plan der 16 Familien erfahren. «Wir mussten unsere besten Sachen anziehen, mehrere Schichten übereinander», erinnert sich Klingebiel, der inzwischen bei Kassel wohnt. Dann ging es los, zu Fuß oder mit einem Pferdefuhrwerk auf Gummireifen. Klingebiels stolperten hinterher - sie waren zu spät zum Treffpunkt gekommen, weil ein Grenzer in der Straße mit Mädchen geflirtet hatte.

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«Die Grenze, das war ein Streifen Erde und ein einfacher Weidezaun: Holzpfosten und Stacheldraht», erinnert sich Manfred Konradi vom Grenzlandmuseum Eichsfeld, der auch 19 Jahre lang Bürgermeister in Böseckendorf war. An markanten Punkten habe es Leuchtkugeldrähte gegeben, dazu Grenzpatrouillen. «Die Flüchtenden hatten Riesenglück. Im Nachbarort war gerade Kirmes, da gab es Momente, zu denen kein Posten da war», sagt der 67-Jährige. Die Böseckendorfer liefen einfach über den Schutzstreifen, «ein kleines Wunder», schaut auch der inzwischen 62-jährige Klingebiel zurück.

Klingebiels Traum

Getrieben wurden die 16 Familien von der für sie unerträglichen Situation so dicht an der DDR-Grenze. «Da sollten eigentlich nur Linientreue leben», sagt Klingebiel. Besuch von Verwandten und Freunden gab es nur mit Sondergenehmigung. Jetzt hing das Damoklesschwert Evakuierung über dem Ort. Noch am Abend des 2. Oktober sollte die «Aktion Ungeziefer» losgehen, hatte ihnen jemand gesteckt. Zudem, so erinnert sich Konradi, wollten die reicheren Bauern nicht in die LPG. Die Böseckendorfer seien eben «immer schon ein bisschen aufsässig» gewesen, fügt Klingebiel hinzu.

Gedenken
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Über Nacht verschwand also der halbe Ort - «in Böseckendorf muss Chaos gewesen sein», sagt der 62-Jährige. Die Zurückgebliebenen seien von der Staatssicherheit «gepiesackt» worden, erzählt auch Konradi. «Die DDR hat nach Schuldigen gesucht. Die Daheimgebliebenen fühlten sich alleingelassen mit dem System.» Auf die Ausreißer waren viele deshalb lange nicht gut zu sprechen. «Alle, die etwas hatten, waren ja gegangen. Die anderen blieben allein zurück», sagt Klingebiel.

Er selbst hat seine Heimat nach der Flucht jedes Jahr gesehen: von weitem durch ein Fernrohr, von einer kleinen Kuppe aus dem Westen. «Wir haben nie überlegt, wieder zurück in die DDR zu gehen, trotz aller Schwierigkeiten», sagt er. Selbst nach der Wende habe sich sein Vater geweigert, das Elternhaus je wieder zu sehen. Der Sohn fuhr zurück. «Da kam Tante Rosa aus dem Haus gestürzt, die Hände voller Mett vom Schlachtfest, und nahm mich in den Arm.»

«Viele Leute kamen nach der Wende und wollten ihr Eigentum wieder», erinnert sich Konradi. Niemand aber habe auch in Böseckendorf leben wollen - «stattdessen wurde alles verkauft». Nur Klingebiel beschloss, das 500 Jahre alte Bauernhaus seiner Familie zu sanieren. Die Dorfbewohner hätten ihn anfangs nicht gegrüßt, die Straßenseite gewechselt, wenn er kam, erzählt der Frührentner. Acht Jahre sorgfältiger Arbeit stecken in dem alten Bauernhaus - sogar ein kleines Heimatmuseum will er eröffnen. 50 Jahre nach der Flucht aus der DDR hat er jetzt einen großen Wunsch: Wieder in Böseckendorf wohnen - er muss nur noch die Familie überzeugen.

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eia/kra/news.de/dpa

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