Hunger in Afrika Langfristige Hilfe ist nicht sexy

Hilflos stehen die Menschen vor der Hungerkatastrophe in Somalia. Spenden fließen. Jeder will etwas tun. Aber hätte man nicht schon viel früher helfen müssen? Und: Wieviel Unterstützung ist überhaupt möglich?

Wer es ins Flüchtlingslager geschafft hat,bekommt Hilfe.  (Foto)
Wer es ins Flüchtlingslager geschafft hat,bekommt Hilfe. Bild: dapd

Die Bilder erschrecken: Hungernde Kinder, Menschen, die sich mit letzter Kraft in ein Flüchtlingslager gerettet haben. In Somalia herrscht Ausnahmzustand, und für zehntausende Menschen kommt jede Hilfe zu spät. Ungezählte Opfer werden noch in ihren Hütten vermutet, zu schwach, um irgendwo Unterstützung zu suchen.

«Es war absehbar, dass es da zu einer sehr schwierigen Situation kommt, aber niemand hat sich auf solch eine Dimension eingestellt», sagte der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, Markus Löning, im Deutschlandfunk. Auch die UN-Organisationen, die sich da beschäftigt haben, hätten Nahrungsmittelreserven angelegt. «Das Welternährungsprogramm hatte sich darauf vorbereitet, dort zu helfen. Die schiere Dimension der Katastrophe überrascht jetzt alle und deswegen müssen wir jetzt so schnell arbeiten, dass wir das in den Griff kriegen.»

Katastrophe in Somalia: Hunger und Angst

Auch für Ulrich Post, Vorstandsvorsitzender des Dachverbandes der Hilfsorganisationen (Venro), kommt die Katastrophe nicht plötzlich. Bereits zu Beginn des Jahres gab es Berichte von Ernteausfällen und extremer Dürre: «Aber es brauchte scheinbar die akute Situation, die Bilder der ausgemergelten Kinder, um einzugreifen», sagt er im Gespräch mit news.de.

Trennung zwischen Nothilfe und langfristigem Aufbau

Aber wie sieht sinnvolle Unterstützung in solch einem Fall überhaupt aus? Was kann man in Deutschland tun, tausende Kilometer von Ostafrika entfernt?

Viele Menschen spenden - nichts anderes können sie tun. Und das ist auch das, was die Menschen dort in der Extremsituation brauchen: Geld. Nothilfe nennt sich das: die erste Hilfe nach einer schweren Katastrophe. «Dann fühlen wir uns nicht mehr so hilflos im Angesicht des Leids», sagt Ulrich Post. Aber: «Entwickeln können sich die Menschen nur selber.» Das ist dann die Aufgabe im zweiten Schritt, der langfristigen Entwichlungshilfe. Sie soll sich irgendwann überflüssig machen, Menschen zurücklassen, die sich selber helfen können, finanziell auf eigenen Beinen stehen. Doch in Ostafrika ist es bis dahin noch ein weiter Weg.

Hunger in Afrika: Somalia - 40 Jahre ein Niemandsland
Video: news.de

Erst wenn die Dürre vorbei ist, die Menschen in ihre Heimat zurückkehren, kann damit begonnen werden. Dann wird Infrastruktur aufgebaut, es werden Projekte gestartet, damit die Menschen sich selbst versorgen können. Doch dabei taucht ein großes Problem auf, sagt Ulrich Post: «Die Menschen wollen sich mit dem Projekt, für das sie spenden, identifizieren.» Das fällt leichter, wenn auf dem Fernsehbildschirm oder in den Zeitungen die traurigen Kinderaugen zu sehen sind. Langfristige Projekte sind nicht so direkt, eher unsexy: «Ein Projekt, das den Menschen den Kartoffelanbau näher bringt, ist für Spender oftmals einfach sehr weit weg.» Die gebundenen Spenden brechen ein, es fehlt Geld.

Almosen sind fehl am Platz

Deshalb sei es in diesen Katastrophen gut, zu spenden: «Doch besser ist es, keinen Verwendungszweck anzugeben.» Das Geld fließt dann trotzdem in das Katastrophengebiet, kann aber bei Bedarf auch für die langfristige Hilfe eingesetzt werden. Denn nur die langfristige Hilfe sorgt dafür, dass wir nicht mehr so häufig vor kurzfristigen Katastrophen wie nun in Ostafrika stehen.

«Entwicklungshilfe ist ein schmaler Grat zwischen zu viel helfen und zu wenig helfen», sagt Ulrich Post, und: «Man kann auch zu Tode helfen.» Die Menschen müssten ihre Würde bewahren können, Almosen sind fehl am Platz. Es müsste so viel Geld gegeben werden, dass niemand verhungert - und so wenig, dass die Menschen sich selbst helfen wollen. Auch eine Frage von Motivation - und Arbeitsmoral.

Und die ist überall anders. In Afrika beispielsweise kommt man mit den Ideen vom westlichen Kapitalismus nicht weit. «Dieses Modell hat einfach nicht so einen hohen Status wie in europäischen Ländern. Das muss bei der Hilfe anerkannt und respekriert werden», sagt Ulrich Post. Es gibt andere Prioritäten in Afrika, die Familie beispielsweise, die Hilfe untereinander. Nur wenn man sich mit der Kultur und den Prioritäten eines Landes auseinandersetze, könne Entwicklungshilfe auch wirksam sein. Den Hungernden die eigenen Weltvorstellungen aufzudrücken, kann nicht helfen.

Muss die Welt dem Verhungern zusehen?

Die Diskrepanz von Wertvorstellungen, regionale Gepflogenheiten: Entwicklungshelfer stoßen bei ihrer Arbeit immer wieder auf Probleme. Im Fall Ostafrika ist vor allem die Sicherheitslage besorgniserregend. Immer wieder werden Hilfskonvois in Kenia überfallen und geplündert. Die kenianische Regierung aber schreitet nicht ein. Die Auffanglager rund um Dadaab sind überfüllt, für die Helfer ist es schwer, den Überblick zu behalten. Die wenigen Hilfsgüter kommen nicht immer bei den Notleidenen an.

Auch die Koordination der Hilfe sei ein Problem. Alleine in Dadaab sind tausende Helfer, die organisiert werden müssen. Und immer wieder kommen Privatpersonen an die Türen der Lager, die das Geld, das sie in der Nachbarschaft gesammelt haben, persönlich abgeben wollen. «Das hilft nicht, das macht nur Arbeit», sagt Ulrich Post.

Gerade in Fällen wie Somalia komme aber auch die Frage auf, inwieweit die Politik eingreifen müsse, unabhängig von den Hilfsorgansationen. Denn die Hilfsfrage ist nicht nur eine moralische, sondern auch eine politische. «Wenn wir die Menschen in Somalia mit Essen versorgen, unterstützen wir dann die Kämpfer der Milizen», fragt Ulrich Post deshalb auch. Eine Frage, die immer auch hinter der Nothilfe steht.

Ab wann müssen wir helfen?

Bislang ist jedoch nicht einmal geklärt, wie lange die Welt zu sehen muss, wenn ein Staat nicht eingreift, nicht eingreifen kann, wenn seine Einwohner verhungern. «Es gibt keine Gesetze, keine Maßstäbe, ob und ab wann ein Eingreifen von außen nötig ist», sagt Ulrich Post. Was Hoffnung macht: Die Bekämpfung von Hunger und Armut ist ein Milleniumsziel der Vereinten Nationen. Die UN setzen sich in Zusammenarbeit mit zahlreichen Hilfsorganisationen dafür ein, dass so viele Menschen wie möglich menschenwürdig leben können. Ein hohes Ziel mit schwieriger Umsetzung.

Der umstrittene ehemaliger UN-Sonderberichterstatter und aktuelle Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates, Jean Ziegler, fordert immer wieder ein Recht auf Nahrung für alle. Seiner Meinung nach sei Geld das entscheidend, um diese Forderung umzusetzen.

In Somalia indes wird sich die Lage nach Einschätzung des Venro-Vorsitzenden Ulrich Post erst zur Erntezeit wieder entspannen. «Wenn sich erst einmal rumspricht, dass es in den Lagern Essen gibt, werden noch viel mehr Menschen dort Hilfe suchen.»

Möchten Sie spenden? Die Kindernothilfe sammelt Geld, um die Arbeit in den Lagern in Ostafrika finanzieren zu können. Dringend gebraucht werden dort Reis, Wasser und Medikamente.

 

Kindernothilfe
Spendenkonto: 45 45 40
BLZ: 350 601 90
Bank für Kirche und Diakonie eG - KD-Bank
Stichwort: Z57415, Dürrekatastrophe «Horn von Afrika»

bjm/news.de

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Leserkommentare (10) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ellipirelli
  • Kommentar 10
  • 30.07.2011 08:48
Antwort auf Kommentar 7

Helfen ja,aber mit gesundem Menschenverstand,und nicht jahrzehntelang reinbuttern,in ein Faß ohne Boden.Das riesige Afrika kann nicht von einer Handvoll Helfer über Wasser gehalten werden,die müssen selber mal was tun,in erster Linie die afrikanischen Männer! Zuerst sollten die mal aufhören ,Kinder am Fließband in die Welt zu setzen,wenn sie nicht in der Lage sind,ihre Familien zu ernähren! Dann sollten die mal die Waffen ablegen,und endlich mal anfangen zu arbeiten und ihre Felder zu bestellen.Geld gabs genug und Brunnen werden auch gebaut,nun muß mal was passieren!Arbeiten,nicht kiffen...!

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  • Heinz Bott
  • Kommentar 9
  • 29.07.2011 23:34
Antwort auf Kommentar 8

"Iason, Sie sprechen genau die eingetretene Situation an. Getreide, usw für Etanolsprit! Ich erinnere mich an das Jahr 1945, als Deutschland besiegt war, mein Vater in russischer Gefangenschaft war, meine Mutter,(ich 11 Jahre alt) keinen Pfennig!! zur Verfügung hatte um uns beiden eine Malzeit zuzubereiten. Man im Radio aber hören musste, dass in Amerika -Getreide verbrannt- wurde, um den Weltmarktpreis, zu stabilisieren! Ich frage mich was haben die ganzen seit dieser Zeit etablierten Instanzen erreicht, um solche Wiederholungen zu verhindern? Nichts!

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  • Iason
  • Kommentar 8
  • 29.07.2011 20:05
Antwort auf Kommentar 2

Wenn dieses Getreide für Nutztiere verwendet wird, hat dies wenigstens noch den Sinn, daß die Nahrungskette nicht unterbrochen wird. Aber was haben Grundstoffe zur Lebensmittelherstellung im Kraftfahrzeugtank (E10) zu suchen. Die Vertreter dieses Wahnsinns sind doch die wahren Verbrecher. Es ist ja wie immer, die Medien werden beauftragt beim Bürger zu betteln, dem läßt sich doch immer ein schlechtes Gewissen machen.

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