Adolf Sauerland Der Mann, der zu lange schwieg

Sauerland uebernimmt moralische Verantwortung fuer Loveparade (Foto)
Erst ein Jahr nach der Katastrophe übernimmt der Oberbürgermeister die moralische Verantwortung. Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Andrea Schartner
Die Entschuldigung kam viel zu spät. Die Trauergäste wollen ihn nicht bei der Gedenkfeier dabei haben. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland hat in Sachen Loveparade alles falsch gemacht - auch zum eigenen Schaden.

Die Trauergäste wollen den Oberbürgermeister ein Jahr nach der  Katastrophe nicht bei der Gedenkfeier dabei haben. «Moralische Verantwortung bedeutet, dass man auch nach einem solchen Unglück auf Wünsche, auf Bedürfnisse von Angehörigen und Verletzten reagiert und dass man sich dem stellt, was passiert ist.» Das sagt Landespfarrer Uwe Rieske dem WDR und trifft damit die Kritik an Adolf Sauerland im Kern.

Die Sache Sauerland avanciert ein Jahr nach dem Loveparade-Unglück zur tragischen Geschichte eines Mannes, der für sich und seine Stadt das ganz Große wollte und die Geister, die er rief, nicht mehr in den Griff bekommt.

2004 wurde Adolf Sauerland erstmals gewählt, 2009 erneut als Stadtoberhaupt von Duisburg bestätigt. Doch was er in seiner Amtszeit geleistet hat, ist zweitrangig. Bemessen wird die Person Adolf Sauerland nurmehr an seinen Reaktionen rund um die Loveparade.

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Der Streit um die Schuld
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Über Verantwortlichkeiten wird immer noch gestritten. Der Veranstalter, die Polizei, die Stadtspitze – jeder scheint Fehler gemacht zu haben. Welche genau, das muss juristisch geklärt werden.

Sein langes Schweigen vor allem brachte Duisburgs Oberbürgermeister zweifelhaften deutschlandweiten Ruhm ein. Adolf Sauerland fand keine Worte. Nicht unmittelbar nach dem Unglück, nicht in der Sondersitzung des Duisburger Rates, die einige Tage nach der Katastrophe einberufen wurde.

Dort sah sich der Oberbürgermeister erstmals mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Eine Bürgerinitiative hatte in der Sondersitzung nach der Loveparade 10.000 Unterschriften zur Suspendierung des Sicherheitsdezernenten Wolfgang Rabe, des Baudezernenten Jürgen Dressler und für die Abwahl von Oberbürgermeister Sauerland gesammelt.

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Video: jag/news.de

Peter Heß, ein Sprecher der Initiative, sagte damals dem WDR: «Hier soll niemand etwas gestehen strafrechtlich, sondern es soll einfach die mit den Ämtern einhergehende politische Verantwortung auch wirklich zum Ausdruck gebracht werden.»

Sauerland indes erklärt sich erst ein knappes Jahr nach dem Ereignis im WDR. Die Übernahme der moralischen Verantwortung, sich bei den Angehörigen der Opfer als erstes zu entschuldigen, das hätte von ihm kommen müssen. Es tue ihm unendlich leid, dass er das nicht getan habe. Mit leiser Stimme sagt Sauerland das ins Mikrofon, lässt sich Zeit mit der Formulierung seiner Sätze.

Die Entschuldigung kommt spät, zu spät für viele. Sie zweifeln an Sauerlands Glaubwürdigkeit. Er habe das Gefühl gehabt, mit einer Entschuldigung auch juristisch verantwortlich gemacht zu werden, bekennt der Oberbürgermeister.

Fragen bleiben. Darf ein Oberbürgermeister seine privaten Ängste über sein Amt stellen? Nach dem Unglück hätte Duisburg dringend einen Stadtvater gebraucht, der die richtigen Worte findet, der trösten kann. Unabhängig von der Frage nach der Schuld.

Wie schwierig die Sache Sauerland ist, geht auch aus Kommentaren im Internet hervor. Unter dem Video «Ist Sauerland glaubwürdig?» auf Der Westen drücken Userkommentare eine ganze Bandbreite von Gefühlen und Meinungen aus: So schreibt Nutzer «InFlames»: «Der OB hat sich schlecht verhalten, da geb ich jedem recht, aber rechtfertigt das die Abwahl? Für mich nicht, aber für viele andere schon, was auch völlig legitim ist. Aber die Leute der Initiative (Bürgerinitiative/Red.) gehen oftmals so primitiv und polternd vor, dass ich mich dieser Initiative aus vollstem Gewissen nicht anschließe.»

Und «oliver-bot» bemerkt: «Was die Planung angeht, stand ja vieles auf der Kippe und wenn man in der Funktion eines OB eine solche Veranstaltung unbedingt nach Duisburg holen will und das trotz vieler Bedenken seitens der Behörden, dann muss man halt gehen, wenn es floppt. Er konnte gewinnen oder verlieren, so ist das halt, wenn man etwas mit aller Macht durchdrücken will. Verantwortung heißt dann auch mal zurücktreten.»

Seit kurzem ist Nordrhein-Westfalen um ein Gesetz reicher. Der Landtag hat am 18. Mai die Lex Sauerland beschlossen. Demnach kann ein Bürgermeister frühzeitig abgewählt werden. Ein zweifelhaftes Vermächtnis.

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san/kra/news.de

Leserkommentare (12) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ritchi
  • Kommentar 12
  • 25.07.2011 17:22

Mensch Leute, hört auf dauernd nach Schuldigen zu suchen. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Man kann nicht jedes Unglück verhindern. Hätte Sauerland die Love-Parade verboten, würdet ihr auch über ihn schimpfen. Wer in einer Menschenmenge drängelt, ist wie ein Autofahrer, der in zähflüssigem Verkehr drängelt: er verursacht einen Unfall. Nur mit dem Unterschied, dass mann den Autofahrer meistens erwischt und niemand bei den Bürokraten, die die Straßen geplant haben, nach den Schuldigen sucht.

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  • Sonja Almquist
  • Kommentar 11
  • 24.07.2011 10:26
Antwort auf Kommentar 8

Ich fordere sie einfach einmal auf, still zu sein. OSLO.

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  • hpklimbim
  • Kommentar 10
  • 24.07.2011 07:28
Antwort auf Kommentar 8

Es ist schlecht und gut zugleich, dass diese Veranstaltung nicht nur auf der Grundlage rein privater Organisation ablaufen durfte und konnte, und auch nicht abgelaufen ist. Denn was Sauerland und seine Spießgesellen zum Tätigkeitsnachweis ihrer dienstlichen Wichtigkeit veranstaltet hätten, wenn es eine rein private Organisation gewesen wäre, darüber braucht nicht spekuliert werden. Die wären geplatzt vor Wichtigkeit und Gerechtigkeitsgefasel. Und hier? Wir sehen und erleben die Rechtsstaatlichkeit einer Bananenrepublik. Zahlen Sie für so etwas wirklich gerne Steuern?

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