Von den news.de-Redakteuren Björn Menzel und Jens Kiffmeier, Berlin - 24.07.2011, 09.42 Uhr

Freiwillige Soldaten: Die Deppen oder die Retter der Nation?

Die ersten freiwilligen Soldaten haben ihren Dienst angetreten. Verbringen sie nun ein verschenktes Jahr mit Waffenputzen und Anschreien? Oder sind sie die Vorbilder Deutschlands? News.de traf einen Rekruten, der politisch zwischen den Fronten steht.

Beim Gelöbnis in Berlin hat nicht alles geklappt. Bild: dpa

Es ist der absolute Härtetest, doch Lutz Kiesewetter besteht ihn mit Bravour. Stramm marschiert der Rekrut mit seinem Bataillon auf den Platz der Republik zu. «Links, zwo, drei, vier», brüllt der Kompaniechef und treibt seine Untergebenen am Berliner Reichstagsgebäude vorbei. Nichts kann die junge Truppe aufhalten, auch nicht der Mann im schwarzen Anzug. Es ist Roderich Kiesewetter. «Hallo Lutz!», ruft er, als sein Sohn an ihm vorbeizieht.

Doch der Junior ignoriert ihn. Schließlich hat die Bundeswehr jetzt das Kommando. Und die erlaubt es nicht, wenn jemand aus der Reihe tanzt. Also zwinkert Lutz nur einmal kurz mit dem rechten Auge, den Blick weiter starr nach vorne gerichtet. Befehl und Gehorsam funktionieren - und dem Vater geht das Herz auf. «Ein Supergefühl», sagt Roderich Kiesewetter voller Stolz, während die Truppe seines Sohnes im Gleichschritt um die Ecke biegt.

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Es ist Mittwochabend. Insgesamt 470 junge Männer treten an diesem Tag vor dem Reichstag zum Fahneneid an. Alle sind freiwillig dabei, geloben ohne Zwang ihrem Land zu dienen. Das ist in der Geschichte der Bundesrepublik etwas ganz neues. Weil Schwarz-Gelb im März dieses Jahres die Wehrpflicht ausgesetzt hat, muss eigentlich niemand mehr zur Waffe greifen.

Doch was treibt junge Menschen jetzt trotzdem noch zum Bund? Warum gehen sie zu einer Truppe, die nicht nur einen schlechten Ruf in der Bevölkerung hat, sondern auch noch an gefährlichen Auslandseinsätzen beteiligt ist? Weshalb tauschen Jugendliche freiwillig das heimatliche Umfeld mit kargen Kasernen, Essen aus Containern und vier Fremden in einer Stube mit Metallbetten? Lutz Kiesewetter hat Antworten auf all diese Fragen. Im Gegensatz zu vielen seiner alten Freunde hat er sich freiwillig gemeldet.

Erst im März für die Bundeswehr entschieden

Kiesewetter ist 19 Jahre alt. Vor drei Monaten noch machte er sein Abitur, nun lässt er sich anschreien. «Kiesewetter» brüllt sein Vorgesetzter, der drei Meter neben ihm steht, so laut wie ein Kanonenschuss und der Soldat tritt aus dem Glied. Es ist der Tag vor dem feierlichen Gelöbnis. Die ganze Kompanie ist in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin angetreten. Kiesewetter und seine Kameraden aus Beelitz in Brandenburg sind in Tarnfleck gekleidet und haben rote Barette auf dem Kopf. Sie üben Formationen, damit am Tag der Vereidigung vor den Augen des Bundespräsidenten und des Verteidigungsministers alles klappt.

Erst im März hat sich Kiesewetter entschieden, sich freiwillig zu melden. Er hat einen Opa, der 39 Jahre gedient hat, einen Onkel, der am Ende 40 Jahre beim Bund gewesen sein wird und einen Vater, der General war und 27 Jahre in der Truppe gedient hat. Die Bundeswehr gehört zur Familie. Zu den ersten Wörtern, die Kiesewetter von seinem Vater gelernt hat, gehörte «Balkan». Dort war der General stationiert. Trotzdem und gerade deswegen wollte der Sohn selbst nichts damit zu tun haben. Der Vater war fast nie zu Hause, die Familie musste sechsmal umziehen, lebte unter anderem in Brüssel, Hamburg und Düsseldorf.

«Ich wollte nie so wirklich zur Bundeswehr», sagt Kiesewetter, während er in einer Kaserne sitzt und im Mittagessen stochert. Seine Vorgesetzten muss er akkurat grüßen, an seiner Brust klebt ein Schild mit seinem Nachnamen. Doch seine Meinung hat sich geändert, gerade in dem Augenblick, in dem er nicht mehr zum Bund gezwungen wurde. Es hat etwas mit seiner Einstellung zum Leben zu tun und mit seinen politischen Aktivitäten. Kiesewetter spricht nun davon, etwas für sein Land tun zu wollen, sich freiwillig und ehrenamtlich zu engagieren und selbst zu erleben, worüber so viele andere nur reden.

Seinen Vater erfüllt das mit Stolz. Roderich Kiesewetter, der Ex-Oberst, ist heute Bundestagsabgeordneter. Vor einem halben Jahr hat er als Mitglied in der CDU-Fraktion der Aussetzung der Wehrpflicht zugestimmt. «Aber nur mit Bauchschmerzen», wie er sagt. Einen Teil seines Lebens hat er der Bundeswehr gewidmet. Die Wehrpflicht ist und war für ihn immer ein hohes Gut. Doch er sieht auch, dass sich die Aufgaben der Bundeswehr verändert haben. Internationale Einsätze verlangen Spezialistentum. Trotzdem quält ihn wie viele andere auch die Frage: Wird die Bundeswehr noch genügend Personal finden, wenn der Nachwuchs nicht mehr zwangsverpflichtet an die Armee herangeführt wird?

Nicht alle halten die ersten zwei Wochen durch

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Seit März haben sich erst 3400 junge Leute gemeldet. Für die Bundeswehr ist das deutlich zu wenig. Und es kommt noch schlimmer. Die freiwilligen Rekruten haben eine sechsmonatige Probezeit. Wer keine Lust mehr hat, zum Beispiel morgens um fünf Uhr aufzustehen, verlässt die Truppe einfach wieder. Am Standort in Beelitz haben innerhalb der ersten zwei Wochen bereits 21 Kameraden ihre Sachen gepackt. «Der erste ist am ersten Tag wieder abgefahren, weil wir in der Kaserne nicht rauchen dürfen», sagt Soldat Kiesewetter. Auch deshalb ist sein Vater froh, dass sein Sohn nicht kneift. «Obwohl ich ihn nie gedrängt habe», stellt er klar.

Trotzdem ist der Einfluss da. Zumindest politisch hat der Vater seinen Sohn mit Erfolg geprägt. Kiesewetter junior ist seit drei Monaten Bundesvorsitzender der Schülerunion, eine CDU-Vereinigung von Schülern. Die wirbt seit Kurzem mit dem Slogan «Tu was für dein Land - Tu was für dich». Kiesewetter möchte als Vorbild seiner 10.500 Mitglieder gelten. Ehrenamt sei wichtig, jedoch müsse der Dienst nicht zwangsweise bei der Bundeswehr erfolgen, meint Kiesewetter. Als Mitglied der Jungen Union wundert er sich dennoch, dass die CDU zwar lange als Wehrpflichtbefürworter galt, viele seiner Parteifreunde jedoch der Waffe fern geblieben sind.

Doch wie soll es in Zukunft weiter gehen? Die Armee steht vor schwierigen internationalen Aufgaben und braucht dafür gute Leute. «Es war ein Fehler, die Wehrpflicht abzuschaffen», sagt Kiesewetter und vertritt damit eine andere Meinung als sein Vater. Kiesewetter junior will vielleicht nach neun Monaten die Bundeswehr wieder verlassen und ein Studium beginnen. «Ich könnte mir aber auch vorstellen, die Offizierlaufbahn einzuschlagen», sagt er. Dann gehört ein Einsatz in Afghanistan natürlich dazu.

In der Bundeswehr hört man solche Bekenntnisse gerne. Doch ein tapferer Rekrut reicht nicht. Es müssen noch viel mehr Männer und Frauen angelockt werden. Damit das passiert, braucht es laut Lutz Kiesewetter vor allem drei Dinge: Erstens mehr Geld, zweitens schnelle Aufstiegschancen und drittens Arbeitsmöglichkeiten im internationalen Umfeld. Zurzeit reinigen er und seine Kameraden Waffen in der Beelitzer Kaserne, sie lernen einen Rucksack zu packen und die Stiefeln zu putzen. Drei Monate Grundausbildung, etwas Geld mitnehmen - macht sie das zu Vorbildern der Nation? Oder sind sie die Deppen, die jetzt alles ausbügeln müssen, was die Politik der Truppe eingebrockt hat?

Rekruten klappen beim Gelöbnis ab

Selbst Christian Wulff beschleichen da leise Zweifel. Beim feierlichen Gelöbnis blickt der Bundespräsident in die Augen der 470 Freiwilligen, die vor ihm in Reihe und Glied angetreten sind. Sie stehen Schulter an Schulter, die Arme hinter dem durchgedrückten Rücken verschränkt. Der Wind pfeift um die Häuserecken und lässt die Rockzipfel der Uniformjacken gleichmäßig flattern. «Die Zeit bei der Bundeswehr wird prägend für sie sein», verspricht das Staatsoberhaupt. Es folgen ein paar Ausführungen zur Wehrpflicht, Demokratie und Verantwortung in der Gesellschaft. Dann wird Wulff nachdenklich. Er sei froh, dass sich junge Menschen noch für das Allgemeinwohl engagieren. Doch was ist mit den anderen? Hängen die sich jetzt in den Schaukelstuhl? «Ihre Freiwilligkeit darf nicht zur Gleichgültigkeit in der Gesellschaft führen», ruft Wulff.

Die Rekruten hören dem Bundespräsidenten mit ungerührter Miene zu. Eine Dreiviertelstunde stehen sie schon stocksteif auf dem Platz. Dann endlich sind die Reden gehalten und die Eideszeremonie kann beginnen. Das Musikkorps der Bundeswehr intoniert noch einmal einen zünftigen Marsch. Die Fahnenträger treten hervor. Dann wird es einem Soldaten in der hinteren Reihe zuviel. Er sackt zusammen, sinkt auf den Rasen und bleibt ohnmächtig liegen. «Ja, kriegen die nix mehr zu essen?», wundert sich eine junge Frau auf der Zuschauertribüne, als der Soldat von zwei älteren Kameraden weggeschleppt wird. Der Fahneneid findet ohne ihn statt.

Lutz Kiesewetter indes hält durch. Im Chor schreit er heraus, dass er seinem Land tapfer dienen will. Dann ist der Spuk vorbei. Und Vater und Sohn dürfen sich offiziell begrüßen.

san/jek/bjm/news.de

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