Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Stralsund - 17.07.2011, 09.46 Uhr

«Küsten-Barbie» Schwesig: Der Kampf gegen ein PR-Desaster

Dumm gelaufen: SPD-Vize Manuela Schwesig wird vorgeworfen, Medien missbrauchen zu wollen, um Werbung in eigener Sache zu machen. Die Debatte kommt zur Unzeit, kurz vor der Landtagswahl - doch die Ministerin wehrt sich auf ihre eigene Art.

Manuela Schwesig auf Sommertour. Bild: dpa

Die Woche hat überhaupt nicht gut begonnen und nun regnet es auch noch. Am Montag berichtete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel von einer unschönen PR-Aktion. SPD-Vizechefin Manuela Schwesig soll der Landespresse von Mecklenburg-Vorpommern eine Artikelserie angepriesen haben, die sie als Sozialministerin in ein besseres Licht rückt. Es handelt sich um einen mehrteiligen Ratgeber zum Thema Kinderschutz, der, so behauptet es das Hamburger Magazin, von einer Agentur produziert wurde. Die zeitliche Übereinstimmung der geplanten Veröffentlichung mit den Wahlkampfwochen im Land lege nahe, dass es sich um Eigen-PR handelt.

Es ist Mittwoch, zwei Tage nach der Veröffentlichung des Berichts, und Schwesig lässt sich den Wind um die Nase wehen. Um den Hals trägt sie eine rote Schwimmweste. Der Kapitän der Seenotrettung hat sie ihr angelegt. Die See zwischen Stralsund und Rügen ist rau. Wellen peitschen an das Boot. Schwesig ist auf Sommertour. Das war sie im vergangenen Jahr auch. Doch dieses Mal muss sie nicht nur etwas für ihre Beliebtheitspunkte im Volk tun, sondern auch gegen das PR-Desaster ankämpfen. An Bord ist auch ein Fotograf, ein Fernsehteam filmt von einem anderen Boot aus. Es regnet, doch Schwesig lächelt in die Kameras.

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Für die Politikerin ist die Sache gegessen. Es handele sich gar nicht um eine PR-Aktion und alles andere habe sie gleich am Montag in einer Presseerklärung klargestellt. Mehr möchte sie jetzt nicht dazu sagen. Auch Schwesigs Büro ist verärgert. Die Umfragewerte der Ministerin seien hervorragend: 67 Prozent Bekanntheit im Land, der zweitbeste Wert gleich hinter Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). Eine solche Aktion hat die Ministerin gar nicht nötig, soll das heißen. Das kann stimmen. Schließlich beißt sich der politische Gegner ohne merkliche Erfolge seit Monaten die Zähne an ihr aus. Die SPD selbst steht in Mecklenburg-Vorpommern zurzeit auf dem ersten Platz bei den Umfragen.

Inhaltlich kann der Ministerin keiner beikommen. Die Opposition versucht es mittlerweile mit Äußerlichkeiten. Der Chef der Landes-CDU und Wahlherausforderer Lorenz Caffier bezeichnete Schwesig unlängst öffentlich als «Küsten-Barbie». Damit spielte er auf ihr Aussehen und ihre hohe Kunst der Selbstinszenierung an. Und genau das ist nun ihre Waffe in der PR-Debatte. Die Sommertour war zwar von langer Hand geplant, jedoch bringt sie Schwesig die Zeit und Öffentlichkeit, die sie braucht, um den Spieß umzudrehen. Auf einem Segelboot vor Rügen krabbelt sie runter in die Kajüte. Dort sitzen Kinder aus ganz Deutschland, die Asthma haben oder zu dick sind.

Eine Stiftung ermöglichte ihnen die Segelfreizeit und Schwesig hört sich ihre Sorgen und Nöte an. Es geht um Elternhäuser, in denen es drunter und drüber geht und Krankenkassen, die immer weniger Leistungen zahlen. Schwesig ist in ihrem Element. Sie fragt nach und lässt sich alles erklären. Die Ministerin gehört zu der Gattung Politiker, die von der Praxis auf die Theorie schließen möchten und nicht umgekehrt. Aus den Begegnungen mit Menschen zieht sie ihre politischen Argumente. Das macht sie so erfolgreich, dass sie in sämtlichen sozialen Debatten Deutschlands als Stichwortgeber für die Medien gefragt ist.

Hat die sozialpolitische Nachwuchshoffnung aus dem Norden nun einen Glaubwürdigkeitsknacks bekommen? Manuela Schwesig ließ den Spiegel-Bericht gleich am Montag dementieren. Es sei falsch, dass sie den Abdruck einiger im Auftrag ihres Ministeriums produzierter Texte zum Thema Kinderschutz in den drei Landeszeitungen habe veranlassen wollen. Die Texte stammten weder von ihr noch von ihrem Ministerium. Es handele sich um Ratgebertexte der Start gGmbH, einem anerkannten gemeinnützigen freien Träger der Jugendhilfe, die bereits 2007 in Brandenburg erschienen sind.

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Schwesig besucht am Mittwochabend ein Sozialprojekt in Stralsund. Mehr als 50 Menschen begrüßen sie aufs Herzlichste. Sie haben sich den ganzen Tag auf den Ministerbesuch vorbereitet, das Haus geputzt. Schwesig ist willkommen, sie schüttelt Hände, stellt Fragen, lässt sich Zeit, lächelt - und die Fotografen sind auch wieder da.

bjm/jek/news.de

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