USA Lebe frei oder stirb!

Ein Bundesstaat als politisches Experiment: Das Free State Project will 20.000 Aktivisten nach New Hampshire schicken, um es in ein freiheitliches Paradies zu verwandeln. Die ersten «Libertarians» sind schon da - und proben den Aufstand gegen die Regierung.

PorcFest (Foto)
20.000 Libertarians wollen die grünen Hügel von New Hampshire erobern. Jährlich veranstalten sie das PorcFest. Bild: The Free State Project

Heika Courser glaubt an die Freiheit - auch an die, ihre Brüste dann zu zeigen, wenn sie dazu Lust hat. Also ließ sich die Mittzwanzigerin an einem Sonntagnachmittag mitten auf dem Central Square des Städtchens Keene im US-Bundesstaat New Hampshire ihren Busen bemalen. Umgeben war sie dabei von biertrinkenden Mitstreitern, die gegen das Verbot von öffentlichem Alkoholkonsum demonstrieren wollten. Als die Polizei kam, um Courser wegen «unzüchtigen» Verhaltens abzuführen, schmissen sie sich vor die Streifenwagen, berichtete die Lokalzeitung.

Für die meisten Beteiligten war es wohl nicht der erste Kontakt mit der Polizei: 2010 gab es täglich Demonstrationen in Keene, auch heute noch kommt es regelmäßig zu Protestaktionen. Menschen treffen sich zum kollektiven Marihuanarauchen, vor Gericht weigern sie sich ihren Namen zu sagen oder die Mütze abzunehmen, so beharrlich, dass sie am Ende auf Knien aus dem Saal geschleift werden. Das beschauliche Städtchen im äußersten Nordosten der USA hat sich zu einer Hochburg des zivilen Ungehorsams entwickelt, seit es eine Gruppe von sogenannten Libertarians für sich entdeckt hat.

Die rund 50 Aktivisten in Keene sind Teil einer größeren Bewegung, die es auf den ganzen Staat abgesehen hat: Das Free State Project (FSP) will 20.000 Menschen versammeln, die New Hampshire nach ihren Vorstellungen umkrempeln und in einen libertäres Paradies verwandeln sollen. Libertarismus ist eine politische Philosophie, die den Einfluss der Regierung auf ein Minimum beschränken will. Das Ziel des FSP sei «eine Gesellschaft, in der die höchste Rolle des Staates der Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum ist», verkündet die Internetseite des Projekts.

Ein Bundesstaat als Experiment

Ihr Wappentier ist das Stachelschwein, das harmlos ist - solange man es in Ruhe lässt. In New Hampshire wollen die Aktivisten des FSP ihre Vorstellungen in die Realität umsetzen - ein Bundesstaat als Experimentierlabor, das «dem Rest der Welt die Vorzüge von Freiheit demonstrieren» soll.

Die Idee des Libertarismus ist nicht neu, in ihrer modernen Form entwickelte sie sich in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts. Seit 1971 gibt es hier auch eine entsprechende Partei, die Libertarian Party. Im amerikanischen Zweiparteiensystem allerdings ist ihr politischer Einfluss begrenzt. Das wollte Jason Sorens ändern. 2001 gründete der damalige Yale-Student das Free State Project. Der Gedanke dahinter: Die größte Chance, politisch Einfluss zu nehmen, haben die Libertarians, wenn sie sich in einem Staat versammeln.

In den zehn Jahren, die das Projekt jetzt existiert, haben 10.963 Leute das Gelöbnis unterzeichnet, nach New Hamphire zu ziehen, sobald 20.000 Anhänger gefunden sind. 912 Libertarians haben den Umzug bereits gewagt. Eine Prognose, wann ihre Zielmarke erreicht sein wird, wollen die Free Stater aber nicht abgeben: «Die Rate der Unterzeichner schwankt stark von Jahr zu Jahr», sagte der ehemalige FSP-Vorsitzende Varrin Swearingen zu news.de. «Wir arbeiten gerade daran, sie zu erhöhen.»

Laird Wilcox, Experte für politische Randbewegungen in den USA, glaubt, dass das FSP sein Ziel von 20.000 Mitgliedern erreichen wird. «Es kann erfolgreich sein», sagte er zu news.de. «Auch wenn viele potenzielle Anhänger von der schlechten Wirtschaftslage getroffen wurden.»

Vom Großstadtschwulen bis zum Waffennarr

Dass die Wahl ausgerechnet auf New Hampshire fiel, ist kein Zufall. Politikwissenschaftler Sorens überlegte sich, dass ein paar tausend Aktivisten am ehesten Einfluss gewinnen können in Staaten mit weniger als 1,5 Millionen Einwohnern und wo bereits ein möglichst freiheitsliebendes Klima existiert. In die engere Wahl kamen am Ende Delaware, New Hampshire, Wyoming und Alaska.

Als die ersten 5000 Anhänger gefunden waren, beschlossen sie per Abstimmung, dass New Hampshire ihre zukünftige Heimat werden sollte. Ein Staat, dessen Motto «Live Free or Die» - lebe frei oder stirb - lautet, schien geradezu prädestiniert. Auf seiner Internetseite listet das FSP 101 weitere Gründe, warum sich für die Libertarians des Landes der Umzug lohnt, angefangen bei der Lebensqualität, über die Jobsituation bis hin zu der Tatsache, dass bereits jetzt Anschnallen und Helmtragen keine Pflicht sind.

Unter dem Begriff Libertarismus sammeln sich die unterschiedlichsten Strömungen, von Ideen des klassischen Liberalismus bis hin zu anarchistischen Vorstellungen. Dementsprechend sind auch die Anhänger des Free State Projects ein bunter Haufen, der schwule Großstädter mit Waffennarren vereint, die vor allem ungestört von staatlichen Verboten ihre Revolver spazieren tragen wollen.

Pete Eyre, der junge Mann, der sich lieber auf Knien aus dem Gerichtssaal schleifen ließ, als sein Basecap abzunehmen, bezeichnet sich als «Voluntaryist», der daran glaubt, dass jegliche menschliche Interaktion auf Freiwilligkeit basieren sollte. Keine leichte Aufgabe da ein gemeinsames Programm zu formulieren. Als Erfolge für das Projekt nennt die Seite, wenn es gelänge Steuern zu senken, Vorschriften zu verringern und damit «individuelle Rechte und den freien Markt» zu erweitern.

Politisch hyperaktiv

Sie scheinen auf gutem Wege zu sein: Auch wenn erst 912 Libertarians nach New Hampshire gezogen sind, hinterlassen sie bereits jetzt Spuren, denn sie sind politisch extrem aktiv. Das Engagement geht dabei weit über Protestaktionen wie die im Park von Keene hinaus. Mehr als ein Dutzend von ihnen säßen bereits als Mitglieder der Republikaner im Abgeordnetenhaus von New Hampshire, sagte Swearingen zu news.de. «Viele Gesetzesinitiativen wurden von FSP-Mitgliedern beeinflusst.» So hätten sie zum Beispiel dazu beigetragen, die Regeln für Hausunterricht zu liberalisieren. Außerdem hätten Free Stater Unternehmen, Schulen und Medien gegründet.

Und was sagen die Einheimischen zu den neuen Nachbarn? Laut Swearingen gebe es zwar einige Leute, die nicht gerade froh über ihre Ankunft seien. Aber: «Die meisten Leute in New Hampshire schätzen die Freiheit und wollen mehr davon.» Einige moderate Republikaner beäugen die neuen Mitglieder allerdings skeptisch. Sie befürchten, dass die Libertarians Wähler verschrecken - und die Regierung am Ende ganz abschaffen wollen.

Dabei hatte der damalige republikanische Gouverneur 2003, als die Free Stater gerade New Hampshire als neue Heimat auserkoren hatten, noch beinahe euphorisch verkündet «Kommt hier hoch, wir wollen euch.» Vielleicht hat er nicht damit gerechnet, wie ernst es die Libertarians meinen. Um ihr Ziel des Minimalstaates zu verwirklichen, haben sie allerdings noch einen langen Weg vor sich. «20.000 Leute dahin zu bekommen ist nur der Anfang», sagte Extremismus-Experte Wilcox zu news.de. «Was sie erreichen wollen, ist ein langer Prozess.»

che/news.de

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • oliver
  • Kommentar 3
  • 28.06.2011 10:21

Die Amerikaner müssen es aber auch immer übertreiben!

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  • Bullshit
  • Kommentar 2
  • 28.06.2011 02:21

Das mit den Titten ist ja in Ordnung. Ansonsten ist das Ganze nichts anderes als eine neoliberale Mischung aus 'FDPlern&Teabaggern. .... "Steuern zu senken, Vorschriften zu verringern und damit «individuelle Rechte und den freien Markt» zu erweitern." .... Liberal ist in US natuerlich auch mit Knarren rumzulaufen, oeffentlich besoffen zu sein, Schulpflicht abzuschaffen, nicht anschnallen, keinen Helm tragen, ... etc. ... Mal checken wie die Leutchen religioes drauf sind. Das ist dann auch zumeist aufschlussreich.

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  • Man Mohan
  • Kommentar 1
  • 27.06.2011 13:14

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