Anonyme Bewerbung Unsichtbar zum Traumjob?

Startschuss für anonyme Bewerbungen (Foto)
Startschuss für anonyme Bewerbungen: Ausländer, ältere Menschen und Mütter von Kleinkindern sollen damit bessere Jobchancen haben. Bild: dpa

Von news-de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Zu alt oder zu hässlich? Anonyme Bewerbungen sollen helfen, Diskriminierungen bei der Jobsuche abzubauen. Ein Modellprojekt, bei dem Bewerber persönliche Daten weglassen können, wird von der Regierung gefeiert. Dabei gibt es bislang nur wenig Ergebnisse.

Er heißt Ali. Sie Sabine. Er ist alt und Türke. Sie jung und eine Frau. Beide haben etwas gemeinsam: Sie finden keinen Job - obwohl sie beide gute Qualifikationen vorweisen können. Derartige Diskriminierungen sind nicht fair, aber leider normal in vielen Personalbüros. Doch wenn es nach Christine Lüders geht, dann ist damit bald Schluss. Zumindest wenn sich flächendeckend die Erkenntnis durchsetzen sollte, dass Bewerbungen künftig auch anonym stattfinden können.

Ein entsprechendes Modellprojekt hat die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle bereits vor einem halben Jahr auf den Weg gebracht. Nun, sechs Monate später, fällt die erste Zwischenbilanz bereits positiv aus. «Ich bin sehr zufrieden», sagte Lüders in Berlin. «Es zeigt sich, dass das Projekt nicht zahnlos ist.»

Anonyme Bewerbung
Gesucht werden Menschen, nicht Maschinen
Video: news.de

An dem Versuch beteiligen sich fünf große Unternehmen, darunter die Post und die Telekom, das Familienministerium, die Bundesagentur für Arbeit und die Stadtverwaltung in Celle. Sie alle verzichten bei der Rekrutierung neuen Personals auf die Angabe von Name, Alter, Geschlecht, Familienstand und Herkunft. Auch ein Foto ist nicht mehr nötig. Stattdessen funktioniert die Bewerbung in der Regel über ein Onlineformular, in dem die persönlichen Daten für eine spätere Kontaktaufnahme separat hinterlegt werden und nicht an den Personalentscheider mitgesandt werden.

4000 Bewerber und 111 Stellen: Erste Bilanz fällt mager aus

4000 Bewerbungen sind auf diese Art in den zurückliegenden Monaten durchgeführt und 111 Stellen besetzt worden. Nachteile? Keine. Weder für die Unternehmen noch für die Bewerber. «Im Vorfeld hieß es immer, dass das Verfahren unpraktikabel ist», sagte Lüders. «Doch das stimmt nicht. Für die Unternehmen bedeutet die Umstellung keinen zeitlichen Mehraufwand.» Das hätten Befragungen ergeben.

Zugleich hätten die Personalverantwortlichen durchaus auch positiv vermerkt, dass durch das Weglassen persönlicher Daten der Blick stärker auf die Qualifikationsprofile der Bewerber gelenkt worden sei. Für Lüders ist das logisch, zumindest wenn man berücksichtigt, dass ein Personaler sich im ersten Durchlauf «nur zwei bis vier Minuten mit der Bewerbung beschäftigt».

Die Bewerber jedenfalls scheinen die Umstellung gelassen hinzunehmen. Immerhin fanden von den 4000 Teilnehmern 45,3 Prozent das neue Verfahren besser als das herkömmliche. Nur jeder Dritte (35,8 Prozent) würde sich lieber weiterhin persönlich bewerben. 

Wichtigste Frage bleibt unbeantwortet

Aus Sicht von Christine Lüders machen diese Ergebnisse Mut. Allerdings bleibt nach der ersten Bilanz die wichtigste Frage noch ungeklärt, nämlich die: Lässt sich durch das anonyme Verfahren die Diskriminierung abmildern und hat sich zumindest innerhalb des Modellprojektes der Kreis der Auserwählten verändert? Doch die Antwort, ob jetzt mehr Frauen, Behinderte oder Ausländer einen Job bekommen, lässt noch auf sich warten. Erst zum Abschluss des Projekts Ende 2011 wollen die Initiatoren hierüber Auskunft geben.

Trotzdem zog es Christine Lüders bereits in die Öffentlichkeit. Schließlich will sie ihre Kritiker mundtot machen und die Diskussion zu dem Thema wachhalten. Bereits vor dem Start des Projekts hatten Unternehmer und Politiker unterschiedlicher Parteien das Projekt für tot erklärt. Vor allem die Praxistauglichkeit war stark bezweifelt worden. Deshalb wittert Lüders nun bereits einen kleinen Punktsieg: «Die Ergebnisse bestärken uns in der Auffassung, dass anonymisierte Bewerbungsverfahren auch in Deutschland mit seiner traditionellen Bewerbungskultur durchführbar sind», sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle und schob hinterher: «Allein die Diskussion über die Problematik reicht mir zum jetzigen Zeitpunkt schon.»

che/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • bielke
  • Kommentar 3
  • 22.06.2011 18:35

Ich bin der Meinung, dass für einen Arbeitgeber die Persönlichkeit des Bewerbers in sehr vielen Fällen mindestens genau wichtig ist wie die fachliche Qualifikation. In vielen Firmen entscheidet das Team. Neue Kollegen sollten daher zum Team passen, die persönlichen Ziele des einzelnen sollten eine möglichst große Schnittmenge mit den Zielen des Arbeitgebers erzielen. - Ohne persönliche Daten - UNMÖGLICH -

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  • 4tec
  • Kommentar 2
  • 21.06.2011 11:34

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist klassischer Etikettenschwindel. Diskriminierungsopfer die sich dahin wenden werden und sind verarscht von vorne bis hinten. Es wird lediglich ein Strich in der der Statistik gemacht. Die deutschen Arbeitsrichter sind noch längst nicht da, wo sie entsprechend AGG sein müssten und folglich ist die Rechtsprechung eine Schande.

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  • oliver
  • Kommentar 1
  • 21.06.2011 08:46

Ah, dass umerziehungsprogramm geht also weiter, habe verstanden und habe mal wieder bemerkt, wieviele Kommentare offensichtlich gelöscht worden sind. Die Deutsche Krankheit ist wohl nach wie vor, dass die Politik uns einfach entmündigt und von oben herab behandelt und uns ganz nebenbei keine Wahl lässt. Die Wahrheit darf man ganz einfach nicht sagen.

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