Syrien Starke Blutsbande

Assad-Brüder Maher und Baschar (Foto)
Im Machtkampf des syrischen Präsidenten Baschar Assad spielt auch dessen Bruder Maher eine entscheidende Rolle. Bild: dpa

Von Elizabeth Kennedy
Seit Jahrzehnten lebt das syrische Volk in Angst vor der Herrscherfamilie Assad. Angesichts der Proteste im Land verlässt sich der Präsident wieder ganz auf die Familienbande. Um ihre Macht zu erhalten, ist ihnen jedes Mittel recht.

Die Welle des Zorns

Die uneingeschränkte Macht der Familie Assad: Angesichts der anhaltenden Proteste bezieht sich Präsident Baschar Assad offenbar mehr und mehr auf einen kleinen Kreis von Verwandten, der das Rückgrat der Familiendynastie bildet.

Eine besondere Bedeutung kommt dabei seinem Bruder Maher zu. Von ihm wird angenommen, dass er das Kommando bei der blutigen Niederschlagung der Proteste führt. Während eines Familienstreits soll er vor vielen Jahren einem Schwager in den Bauch geschossen haben. Niemand geringerer als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan prangerte das jüngste Vorgehen Mahers, der auch Chef der syrischen Eliteeinheiten ist, als unmenschlich an.

Vervollständigt wird das Familienbild durch eine Schwester, einen Onkel sowie einige Cousins. Es ist das Bild etablierter Machtstrukturen, die sich auf einen riesigen, alles durchdringenden Sicherheitsapparat stützen, dessen Einfluss die Rolle der formalen syrischen Regierung in den Schatten stellt.

Chronologie
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Erdogan beschuldigt Maher der Barbarei

Es ist eine Geschichte, die bis ins Jahr 1970 zurückreicht. Damals gelangte der Vater des heutigen Präsidenten, Hafis el Assad, durch einen Putsch an die Macht. Die Familie gehört der alawitischen Minderheit an, deren ambitionierte junge Männer durch die Streitkräfte zu Macht gelangten. Auch Baschar, der zweitälteste Sohn Hafis', musste im Zuge der Nachfolgeregelung die Militärakademie besuchen.

Aktivisten zufolge kam seit dem Beginn der Unruhen Mitte März den von Maher Assad befehligten Truppen eine bedeutende Rolle bei der Niederschlagung der Aufstände in den Städten Daraa und Banias sowie in den Provinzen Homs und Idlib zu. Aus letzterer flohen tausende Bewohner bereits in die benachbarte Türkei. Rund 1400 Menschen wurden während der vergangenen Wochen in Syrien getötet und 10.000 festgenommen, sagen Aktivisten. Allein am Donnerstag hätten die Sicherheitskräfte des Regimes Hunderte junge Männer in der im Norden gelegenen Provinz Idlib festgenommen, berichten die Aktivisten.

Erst vor wenigen Tagen hatte der türkische Ministerpräsident Erdogan die Niederschlagung der syrischen Proteste mit Blick auf Maher Assad eine Barbarei genannt.

Maher ist «launisch und rücksichtslos»

Der Präsidentenbruder habe einen enormen Einfluss, sagt der syrische Journalist und in London lebende Oppositionelle Bassam Dschaara. «Maher Assad ist der Kommandeur der beiden mächtigsten Einheiten der syrischen Streitkräfte», sagt Dschaara. «Da ist es selbstverständlich, dass er das letzte Wort hat.»

Der 42-jährige Maher Assad befehligt die Vierte Division, die als am besten ausgerüstete und ausgebildete Einheit im Land angesehen wird. Zudem unterstehen ihm die sechs Brigaden der Republikanischen Garde, die für den Schutz der Hauptstadt Damaskus zuständig ist. Maher «ist bekannt dafür, launisch und rücksichtslos zu sein», sagt der ebenfalls im Exil lebende Dissident Muhieddine Lathkani.

So kursiert über den Präsidentenbruder nicht nur jene Geschichte, wie er seinem Schwager Assef Schaukat 1999 nach einem Streit in den Bauch schoss. Gemeinsam sollen beide auch an der Ermordung des libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri beteiligt gewesen sein, wie ein Zeuge in einem 2005 versehentlich bekannt gewordenen Teil eines Ermittlungsberichts der UN berichtet.

Machterhalt im Zweifel wichtiger als Blut

Schaukat, mittlerweile im Rang eines Generalmajors und stellvertretender Generalstabschef, gehört auch heute zu den Stützen des 45-jährigen Baschar Assad. Ebenso wie Rami Machluf, Syriens einflussreichster Geschäftsmann. Aber auch dessen Bruder Hafis, ein ranghoher Geheimdienstoffizier, sowie der Cousin Zu al Hima Schauisch - verantwortlich für die Sicherheit des Präsidenten - gehören zum engsten Kreis. Assads ältere Schwester Buschra, die Frau Schaukats, soll Gerüchten zufolge zu den Entscheidungsträgern gehören, wie die Beobachter des US-Kongresses im April berichteten. Der einflussreichste von allen - so sagen einige - soll aber Assads Onkel mütterlicherseits, Mohammed Machluf, sein.

Trotzdem hat Baschar Assad gezeigt, dass Politik und Machterhalt wichtiger sein können als Blutsbande. Nur Tage nach Beginn der Unruhen in der Stadt Daraa und deren blutiger Niederschlagung enthob der Präsident seinen Cousin Atef Nadschib seines Amtes als Sicherheitschef. Leute vor Ort hatten ihm vorgeworfen, mit seinem harten Vorgehen gegen einige jugendliche pro-demokratische Graffiti-Sprayer die Menschen erst auf die Straße getrieben zu haben.

Nadschib und der örtliche Gouverneur wurden zur Untersuchung der Vorkommnisse an ein Gericht übergeben und mit einem Reiseverbot belegt.

«Wenn die Familie Assad stürzt, stürzt das ganze Netzwerk»

Baschar Assad, der seit dem Beginn der Unruhen erst zwei öffentliche Reden gehalten hat, versucht anscheinend, die Unterstützung für jene Zeit nach den Protesten zu bewahren. So distanziert er seine Präsidentschaft von der blutigen Niederschlagung. Die USA und andere haben das Vorgehen des Regimes zwar verurteilt, dennoch scheint man dort mit Blick auf ein mögliches politisches Chaos im Land eher verhalten zu sein in Bezug auf eine Absetzung des Assad-Clans.

Beobachter sind jedenfalls der Ansicht, dass die Familie nur gemeinsam an der Macht bleibt oder eben gemeinsam stürzt. «Es ist ein Verbund aus persönlichen Interessen und familiären Verbindungen, der ein Sicherheitsnetz um die Familie Assad bildet», sagt der syrische Wissenschaftler Radwan Siadeh von der Washingtoner George Washington University. «Wenn die Familie Assad stürzt, wird dieses ganze Netzwerk stürzen.»

san/eia/news.de/dapd

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