Zensus mit Tücken Gründlich bis ins Grab

Zensus 2011 (Foto)
Mit Kind und Kegel: Beim Zensus muss jeder Auskunft geben, der angeschrieben wird. Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Anika Kreller
Die Behörden verschicken Briefe an Tote, ominöse Fragebögen erkundigen sich nach der letzten Penisvergrößerung: Die deutschen Volkszähler kämpfen mit Register-Tücken und Zensusgegnern. Auch Betrüger wittern ihre Chance.

Den Verlust des eigenen Kindes überwindet man wahrscheinlich nie vollständig. Umso schlimmer, wenn die Wunde unverhofft wieder aufgerissen wird. Karla und Adolph Först trauten ihren Augen nicht, als sie den Brief in den Händen hielten, der an ihre Tochter adressiert war. Ein sechsseitiger Fragebogen des Zensus war darin, den sie ausfüllen sollte. Ihre Tochter ist seit drei Jahren tot. «Nicht in Ordnung» sei das, sagte Karla Först der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen.

Die Försts stehen mit ihrer Geschichte nicht alleine da. Im ganzen Land berichten Lokalzeitungen von entsetzten Bürgern, die Zensus-Briefe an längst verstorbene Familienmitglieder im Briefkasten fanden. Bis zu 16.000 Fragebogen könnten allein in Hessen an Verstorbene verschickt worden sein, ließ das dortige Statistische Landesamt wissen. Wie kann so etwas passieren?

Zensus 2011
Boykott war gestern
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Die angeschriebenen Toten haben alle eines gemeinsam: Sie waren zu Lebzeiten Immobilienbesitzer. Bei der aktuellen Zensusrunde müssen sämtliche Eigentümer von Häusern oder Wohnungen Auskunft geben. Das Problem: In Deutschland gibt es kein zentrales Register für sie.

Adressdaten von der Müllabfuhr

Darum mussten sich die Behörden die Daten im Voraus aus verschiedenen Quellen zusammensuchen, darunter Grundbuch- und Katasterämter – aber auch bei Versorgungs- und Entsorgungsbetrieben, sprich bei der Müllabfuhr. Wurde bei einer dieser Stellen der Tod des Angehörigen nicht gemeldet, kann es nun passieren, dass Verstorbene Post vom Zensus erhalten. «Das ist uns immer sehr unangenehm», sagte Klaus Pötzsch vom Statistischen Bundesamt zu news.de. Aber das sei leider nicht auszuschließen. «Wir können die Angaben nur so übernehmen. Wenn irgendwo nicht umgeschrieben wurde, haben wir eben Verstorbene dabei.»

Durch dieses Zusammenklauben der Immobilienbesitzerdaten aus verschiedenen Registern sind weitere Pannen passiert: Vielfach sollten Leute Angaben über Gebäude machen, die ihnen gar nicht gehören. Da wurden Mieter angeschrieben oder Ehepartner. In anderen Fällen erhielten Besitzer mehrere Fragebogen zugesandt.

Offenbar erreichte manchen Bürger eine ganze Flut von Briefen – auf der Internetseite des Zensus findet man den Hinweis, dass sich Eigentümer, «denen eine sehr große Anzahl an Fragebogen zugesendet wurde», sich doch bitte mit dem Statistischen Landesamt in Verbindung setzen sollten, das würde dann die weitere Bearbeitung übernehmen. Denn im Normalfall gilt: Auch wer fälschlicherweise angeschrieben wurde, muss den Fragebogen mit einem entsprechenden Hinweis zurückschicken – sonst droht eine Mahngebühr.

Fragen nach Drogenkonsum und Brust-OP

Das Adresswirrwarr ist nicht die einzige Tücke, mit der die Volkszähler zu kämpfen haben. In manchen Städten fanden die Bürger in ihren Briefkästen Fragebögen mit offiziellem Zensuslogo – aber reichlich indiskreten Fragen: Sie sollten Auskunft geben zu sexueller Orientierung (Heterosexuell, Nicht heterosexuell), Drogenkonsum (Cannabis, Heroin, LSD, Amphetamine, Kokain, Schokolade, Antidepressiva), bevorzugtem politischen System (Kommunismus, Diktatur, Monarchie, Demokratie, Anderes), und ob sie bereits eine Brust- oder Penisvergrößerung oder einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen haben. Schicken sollten sie die Antworten an die – fiktive – Datenstraße 14 in Berlin.

«Diesen gefakte Bogen gibt es auf einer Internetseite als PDF und jeder Scherzkeks kann ihn sich herunterladen und den Leuten in den Briefkasten werfen», erklärte Pötzsch vom Statistischen Bundesamt. Bislang sei der Fragebogen vor allem in Sachsen, Niedersachsen und in Baden-Württemberg aufgetaucht. Aber auch in Hessen und Berlin gab es Fälle, wie viele genau konnte Pötzsch nicht sagen. Man habe jedenfalls «noch keine schlaflosen Nächte deswegen». Unklar ist auch noch, ob sich jemand nur einen Spaß macht oder ob Zensuskritiker ein Zeichen setzen wollen. Laut Pötzsch werde die Sache gerade von Juristen geprüft. «Viel mehr können wir nicht machen.»

Weniger harmlos als die gefälschten Fragebogen ist ein anderes Phänomen im Zuge der Volkszählung: Betrüger versuchen, sich als Interviewer auszugeben und dadurch an Kontonummern und Pins zu kommen. Besonders in Bayern häuften sich die Fälle, in denen Menschen an der Haustür oder per Telefon nach ihren Kontodaten gefragt wurden, unter dem Vorwand 40 Euro für die Teilnahme zu erhalten.

Im Zweifelsfall abwimmeln

Auch in Baden-Württemberg, Sachsen und Sachsen-Anhalt haben Betrüger versucht, sich als Zensusmitarbeiter auszugeben und so in Wohnungen oder an EC-Karten zu gelangen. «Ein Interviewer meldet sich nie unangekündigt oder telefonisch bei dem Haushalt», erklärte Pötzsch, wie man Betrüger erkennt. «Er weist sich immer aus und man muss ihn auch nicht in die Wohnung lassen.» Im Zweifelsfall rate er, die Befrager abzuwimmeln und sich bei er Zensusstelle oder der Polizei zu melden.

Auch mit den offiziellen Interviewern läuft nicht alles rund. Laut WDR haben in Nordrhein-Westfalen etwa zehn Prozent der Freiwilligen den Befragerjob wieder geschmissen. Zwar winken für jeden ausgefüllten Fragebogen 7,50 Euro, aber mancher hat wohl die Aufgabe unterschätzt. Termine vereinbaren, Infokarten einwerfen, Listen führen und nicht zuletzt sich mit den Bürgern auseinandersetzen – einigen wurde das offenbar zu viel. Bundesweit sei die Zahl der Abbrecher «garantiert nicht in dieser Größenordnung», versicherte Pötzsch. Auch sei die Volkszählung dadurch nicht gefährdert: «Wir haben genug Interviewer.»

Seit knapp vier Wochen sind diese nun unterwegs. Bis Ende Juni soll der Großteil der Befragung abgeschlossen sein. Trotz der Tücken laufe der Zensus besser als erwartet, meinte Pötzsch. «Die Menschen sind in den allermeisten Fällen kooperativ». Auf die Resultate muss man allerdings noch eine Weile warten. Laut Pötzsch wird die amtliche Einwohnerzahl als eines der ersten Ergebnisse erst rund 18 Monate nach dem Stichtag da sein, das heißt im Herbst 2012. Das dauere so lange, weil man erst alle Daten zusammenführen und prüfen müsse – auch um Doppelerhebungen und Karteileichen heraus zu filtern. Und da gibt es ja offenbar einiges zu tun.

che/news.de

Leserkommentare (19) Jetzt Artikel kommentieren
  • Leidner Achim
  • Kommentar 19
  • 06.06.2011 17:22

Ja, und die Daten sind sicher, werden NUR für die Zählung genutzt!? Ich meinerseits bekomme schon Briefe von Ämtern welche sich vor der Befragung nicht mit mir befasst haben. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

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  • Michl Wirdausgeplündert
  • Kommentar 18
  • 05.06.2011 22:05
Antwort auf Kommentar 12

Man sollte wegen dieser Fragwürdigkeiten Strafanzeige erstatten, weil der begründete Verdacht besteht, dass hierzulande jeder Betrüger, Hochstapler, Zocker, Spekulant, Dieb u. Strolch einen solchen Fragbogen verschicken kann, ohne das damit überhaupt das Anliegen einer Volkszählung erfüllt wird. Möglicherweise will eine Maklermafia mit diesen Daten an die Grundstücke und Wohnungen von deren Besitzern heran. In unnserer Betrugswirtschaft ist alles möglich. Hierzulande würde man noch jede Leiche vermarkten wollen. Unser Staat uu. sein Eigentum wurden bereits verhökert, jetzt trifft´s jeden.

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  • Edler Beamter
  • Kommentar 17
  • 05.06.2011 21:56
Antwort auf Kommentar 14

Wenn man bei diesen Ämtern die Daten nicht erheben kann oder will, dann sollte man diese Ämter wegen Überflüssigkeit schließen und deren Schwerstarbeiter in das H4-Ghetto entlassen. Eine andere bewährte Methode ist der Rentenmissbrauch durch Frühverrentung von Beamten und Angestellten. Dafür missbraucht man oft psychologische Gutachten und bescheinigt den Betroffenen irreversible psychische Schäden, aus denen dann daeuerhafte Arbeitsunfähigkeit begründet wird. Da läuft schlicht Rentenbetrug ab, um die Arbeitslosenstatistik zu schönen.

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