Andrea Fischer Eine Frau will nach unten

Andrea Fischer (Grüne) (Foto)
Will in Berlin-Mitte Bürgermeisterin werden: Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne). Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Sie war Gesundheitsministerin, bis sie über die BSE-Krise stolperte: Andrea Fischer. Nach zehnjähriger Abstinenz steigt die Grüne wieder ein, und zwar in der Berliner Kommunalpolitik. Warum das für sie kein Abstieg ist, erklärt sie im Interview mit news.de.

Bezirksbürgermeister ist kein schlechter Job. Vor allem nicht in Berlin. Im Bezirk Neukölln, einem sozialen Brennpunkt der Hauptstadt, hat es Heinz Buschkowsky (SPD) vorgemacht. Als Vorkämpfer für eine bessere Integrationspolitik hat er sich eine Popularität erarbeitet, die weit über die Stadtgrenze hinausreicht. Ob Andrea Fischer das auch will?

Vor kurzem gab die Grüne ihre Kandidatur für das kommunale Amt in Berlin-Mitte bekannt, bei dem man immerhin eine monatliche Grundbesoldung von 7315 Euro erwarten kann. Im Vergleich zum Bundesministeramt ist das allerdings noch wenig, da gibt es 12.860 Euro pro Monat.

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Doch das Geld ist für Andrea Fischer erst einmal nicht wichtig.  Der ehemaligen Gesundheitsministerin werden gute Chancen eingeräumt, den Berliner Bezirk zu erobern. Lag ihre Partei dort bei der Kommunalwahl 2006 noch auf dem dritten Platz, holte sie bei der Bundestagswahl 2009 in dem Kiez die meisten Stimmen. Gerade bei der Latte-Macchiato-Generation können die Grünen punkten, die im September mit Renate Künast bei der Landtagswahl groß abräumen wollen.

Frau Fischer, Sie waren Bundesministerin, also ganz oben angekommen. Jetzt steigen sie wieder unten in der Kommunalpolitik ein. Warum?

Andrea Fischer: Ich empfinde es überhaupt nicht so, dass ich nach unten gehe. Kommunalpolitik ist ein ausgesprochen spannendes Gebiet. Da stellen sich die Fragen, die wir in unserem Land diskutieren, ganz scharf.

Zehn Jahre lang waren sie abstinent. Kann man als ehemalige Berufspolitikerin einfach nicht ohne Politik?

Fischer: Es ist der Reiz der Aufgabe. Ich bin ein politischer Mensch und finde es wichtig, sich in der Gesellschaft einzumischen. Das habe ich auch in den Jahren immer gezeigt, in denen ich bei den Grünen nicht öffentlich aktiv war.

Aber hätten Sie nicht auch größere Herausforderungen gereizt? Oder gibt es die für Sie nicht?

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Fischer: Glauben Sie mir: Berlin-Mitte zu leiten ist eine fordernde Aufgabe. Gemessen an der Einwohnerzahl liegt der Bezirk im Vergleich mit den größten Städten der Republik auf Platz 18.

Ist es wirklich fordernd, sich zuvorderst um die Sorgen der Latte-Macchiato-Generation zu kümmern?

Fischer: In Berlin-Mitte hat man es mit der Integration von ganz verschiedenen Bevölkerungsschichten zu tun. Einerseits gibt es die gut Verdienenden und gut Ausgebildeten mit kleinen Kindern, die entsprechend hohe Ansprüche an das Leben haben. Gleichzeitig hat der Bezirk aber auch Stadtteile, in denen die Menschen nur noch von Hartz IV leben oder einen migrantischen Hintergrund haben. Es wird nicht einfach sein, die Bessersituierten dazu zu bringen, solidarisch mit denjenigen zu sein, denen es nicht so gut geht. Da gibt es eine Menge zu tun.

Was genau werden Sie machen im Fall ihrer Wahl?

Fischer: Wir werden an verschiedensten Stellen diskutieren, welche Prioritäten wir setzen müssen. Aber Quartiersmanagement-Aufgaben in den Stadtteilen, in denen das Leben nicht so einfach gelebt wird, wird ein großer Bereich sein. Das ist kein Selbstläufer. Dazu gehört auch, dass wir die epidemische Ausbreitung von Spielhallen verhindern wollen. Wir werden das auf Gesetzesebene eindämmen müssen. Denn wenn immer mehr Spielhallen eröffnet werden, wird das zu einer Spirale nach unten führen.

Die Grünen sind im Umfragehoch. Wie schätzen Sie persönlich Ihre Wahlchancen ein?

Fischer: Sagen wir einmal so: Die Grünen haben eine reelle Chance, dieses Mal die meisten Stimmen zu bekommen.

Hätten sie sonst nicht kandidiert?

Fischer: Die Grünen in Berlin wollen sich gerne mit sichtbaren und bekannten Personen zeigen. Dass ich kandidiere, hat auch damit etwas zu tun.

Und wenn es schiefgeht?

Fischer: Dann mache ich Bezirkspolitik in Berlin-Mitte auf anderer Ebene. Vielleicht als Stadträtin oder in der Bezirksversammlung, wo ich dann das tue, was da alle Politiker machen: Mein Geld in meinem normalen Job verdienen und in der Freizeit Politik gestalten.

Und vielleicht irgendwann entnervt wieder aufgeben. Kommunalpolitiker klagen oft darüber, dass sich Job und Ehrenamt schwer vereinbaren lassen. Sehen Sie hier nicht auch einen Reformbedarf?

Fischer: Dass die Kommunalpolitik ehrenamtlich gemacht wird, ist grundsätzlich schon ein sinnvolles Prinzip. Ich habe mich das ganze Leben ehrenamtlich engagiert. Daher kann ich sagen, dass sich das mit dem Job verbinden lässt.

Aber warum sollte man sich den Stress antun? Im Zeitalter der leeren Kassen hat man auf kommunaler Ebene doch sowieso nichts mehr zu bestimmen.

Fischer: Die Frage nach den finanziellen Spielräumen ist etwas anderes. Sie ist durchaus berechtigt. Berlin-Mitte braucht den größten Teil des Steuergeldes für die Versorgung von Hartz-IV-Empfängern. Es wäre sicherlich erstrebenswert, das zu ändern. Ich vermute, dass ich mich darüber oft genug ärgern muss, wenn ich in Verantwortung kommen sollte. Sie dürfen aber versichert sein, dass ich dann dafür kämpfen werde, dass es besser wird.

Ist es da von Vorteil, wenn man als Ex-Bundesgesundheitsministerin alle Widerstände kennt?

Fischer: Die Zeit hat mir zumindest reichlich Erfahrung beschert. Und sie hat mich gelassener gemacht.

Ist es das, was die Andrea Fischer aus dem Jahr 2000 von der Andrea Fischer im Jahr 2011 unterscheidet?

Fischer: Ja, die Gelassenheit. Ich habe ja lernen müssen, mit schweren Niederlagen umzugehen. Ich bin entspannter geworden, weil da nicht mehr so viel liegt, was ich erreichen kann und was nicht. Ich glaube, Entspanntheit ist eine Voraussetzung dafür, dass man gut kämpfen kann.

Andrea Fischer war von 1998 bis 2001 im ersten Kabinett von Gerhard Schröder Bundesgesundheitsministerin. Als sich die BSE-Krise in Deutschland massiv ausbreitete, zog sie die Konsequenzen und trat zurück. Danach arbeitete sie als Lobbyistin in der Pharma- und Gesundheitsbranche und als selbstständige Politikberaterin. Daneben ist sie auch als Publizistin tätig. Seit 2008 steht sie zudem als Diözesanleiterin den Maltesern in Berlin vor.

cvd/news.de

Leserkommentare (5) Jetzt Artikel kommentieren
  • Hans Christian Berchtold
  • Kommentar 5
  • 09.06.2011 15:42

Ja, ja , ich hätte auch gern eine "ehrenamtliche" Tätigkeit, mit mehr als 7000€ im Monat.Wer im Leben versagt, geht in die Politik. Ich wünschte, ich könnte auch so mein Geld verdienen. Kandidieren, und die Partei macht den Rest.Ein Tollhaus unser System.

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  • fdpAD
  • Kommentar 4
  • 30.05.2011 19:26
Antwort auf Kommentar 2

Wer will denn Rosemarie übernehmen? Dich will doch keiner haben!

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  • Arsch fun
  • Kommentar 3
  • 30.05.2011 19:24
Antwort auf Kommentar 1

Joe,so 55 Jahre alt und am rechten Rand steckengeblieben."Vorschone"uns bitte damit!

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