Geschichte Nazi-Verbrecher-Prozess in Ungarn

Nazi-Verbrecher-Prozess in Ungarn (Foto)
Nazi-Verbrecher-Prozess in Ungarn Bild: dpa

Unter starkem Publikumsandrang hat in Ungarn am Donnerstag einer der letzten Nazi-Kriegsverbrecherprozesse begonnen. Vor dem Budapester Stadtgericht muss sich der Ungar Sandor Kepiro verantworten.

Budapest (dpa) - Unter starkem Publikumsandrang hat in Ungarn am Donnerstag einer der letzten Nazi-Kriegsverbrecherprozesse begonnen. Vor dem Budapester Stadtgericht muss sich der Ungar Sandor Kepiro verantworten.

Der heute 97-Jährige soll im Jahr 1942 im serbischen Novi Sad an einem Massaker an mehr als 1000 Juden, Roma und Serben beteiligt gewesen sein, das die mit Nazi-Deutschland verbündeten ungarischen Besatzer dort verübt hatten.

Zum Auftakt erklärte sich der Angeklagte für unschuldig. Die Anklage baue auf «Lügen» auf, sagte Kepiro. In Novi Sad sei damals «niemand getötet» worden, es habe sich nur um eine Razzia zur Identitätsfeststellung gehandelt. Die in der Anklageschrift erwähnten Opfer habe er «nie gesehen», ebenso wenig andere Opfer des Massakers oder Exekutionen, sagte er.

Der stark schwerhörige und gehbehinderte Angeklagte musste auf dem Weg in den Saal gestützt werden. Ein Verwandter half ihm, die Worte des Richters zu verstehen. Nach Einschätzung der Nachrichtenagentur MTI war Kepiro aber durchaus zu zusammenhängenden Erklärungen fähig. Er sei gesund, sagte der Angeklagte über sich selbst, nur jetzt «sehr nervös», wegen der «vielen Lügen».

Laut Staatsanwaltschaft erschoss eine von Kepiro befehligte Einheit der ungarischen Gendarmerie am 23. Januar 1942 in Novi Sad vier Zivilisten. Zudem habe Kepiro mindestens 32 weitere Zivilisten an die Armee ausgeliefert, die dann exekutiert wurden. Die insgesamt dreitägige «Säuberungsaktion» war ein Racheakt der Besatzer wegen vermuteter Partisanen-Aktivitäten. Die Region stand unter ungarischer Herrschaft, nachdem deutsche, italienische und ungarische Truppen 1941 Jugoslawien besetzt hatten.

Kepiro sagte aus, am 20. Januar 1942 von der Armee den mündlichen Befehl erhalten zu haben, bei einer Razzia auch als Rebellen verdächtige Zivilisten zu erschießen. Er habe dies jedoch für bedenklich gehalten und einen schriftlichen Befehl verlangt, was ihm aber verweigert worden sei.

Im Saal befand sich auch eine Gruppe von Schülern, die demonstrativ gelbe Davidsterne trugen. Eine Frau hielt vor dem Angeklagten eine Tafel mit der Aufschrift «Mörder» hoch. Der Richter verbot daraufhin alle Meinungsäußerungen im Saal, auch die Davidsterne.

Auch Efraim Zuroff, Direktor des Wiesenthal-Zentrums, und der serbische Staatsanwalt Vladimir Vukcevic, zuständig für Kriegsverbrechen, verfolgten die Verhandlung. Serbien hatte 2008 zusammen mit dem Wiesenthal-Zentrum ein Verfahren gegen Kepiro verlangt.

Kepiro war bereits 1944 für diese Taten in Ungarn zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Haft entzog er sich jedoch durch eine Flucht nach Österreich. In Abwesenheit wurde er 1946 in Ungarn erneut für die Taten verurteilt. Jahrzehntelang lebte Kepiro in Argentinien, erst 1996 kehrte er nach Ungarn zurück.

Das Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem hatte den Mann, einer der zehn meistgesuchten mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher, 2006 in Budapest aufgespürt. Kepiro droht nun lebenslange Haft. Der nächste Verhandlung soll an diesem Freitag stattfinden, die letzte am 19. Mai

Wiesenthal-Zentrum

news.de/dpa

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