Verschwörungstheorien Warum der Wahnsinn boomt

Osama ist nicht tot, Obama kein US-Bürger und Sarah Palin nicht die Mutter ihres Sohnes: In den USA blühen Verschwörungstheorien wie in kaum einem anderen Land. Woher kommt die anhaltende Faszination der Amerikaner für abstruse Geschichten?

World Trade Center (Foto)
Rettungsarbeiten am eingestürzten World Trade Center (Archivfoto vom 13.09.2001). Bild: dpa

Osama ist tot, es lebe Osama. Kaum hatte US-Präsident Barack Obama verkündet, Amerikas Staatsfeind Nummer eins sei tot, wurden erste Zweifel an der Nachricht laut. «Er sitzt wahrscheinlich auf irgendeiner Insel und trinkt von den USA bezahltes Bier», schreibt eine Amerikanerin in der Facebook-Gruppe «Osama Bin Laden NOT DEAD». Das erste Foto der vermeintlichen Leiche entpuppte sich als Fälschung, die Regierung will die Beweisbilder nicht veröffentlichen – vor allem im Internet bezweifeln immer mehr Amerikaner, dass Osama wirklich tot ist, Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur.

Der Glaube, dass hinter bestimmten Ereignissen durchtriebene Personen oder Gruppen am Werk sind, um im Verdeckten den Lauf der Dinge nach ihrem Willen zu steuern, hat eine lange Geschichte in den USA. Verschwörungstheorien blühen auf allen Seiten des politischen Spektrums und zu den unterschiedlichsten Themen.

Osama, UFOs und der Mond: Die skurrilsten Verschwörungstheorien

Laut Historiker Robert Alan Goldberg von der University of Utah glauben rund 80 Prozent der Amerikaner, dass John F. Kennedy durch eine Verschwörung ums Leben kam; immerhin gut 30 Prozent denken, dass die Regierung die Landung von Aliens in Roswell vertuscht. Zu einem Klassiker unter den Verschwörungstheorien sind die Geschehnisse rund um den 11. September aufgestiegen.

Osama als «CIA-Agent» im «ewigen globalen Krieg»

Die sogenannten «Truthers» glauben, dass die Regierung hinter den Anschlägen auf das World Trade Center steckt. In ihren Augen ist Osama bin Laden ein «CIA-Agent» und zusammen mit dem islamistischen Terrorismus eine «CIA-Erfindung, gemacht als Vorwand für einen ewigen globalen Krieg», wie es der Blogger Larry Chin beschreibt. Durch die unklaren Umstände um Bin Ladens Tod und das Ausbleiben von Beweisen fühlen sie sich nun in ihrer Theorie bestätigt.

Stunde der Patrioten: Amerikaner bejubeln bin Ladens Tod
Video: knr/news.de

Unerklärliche oder schwer fassbare Ereignisse, die Komplexität der Welt – Verschwörungstheorien dienen dazu, Ängste abzubauen, indem man Erklärungen findet. «Im Angesicht einer nationalen Krise oder menschlichen Versagens versuchen die Verschwörungsdenker Sinn und Bedeutung in der Tragödie zu finden», sagte Historiker Goldberg zu news.de. «Sie ordnen das Zufällige und bringen Klarheit. Sie bieten eine Lösung für das Gefühl von Hilflosigkeit. Vielen erscheinen die Theorien plausibel, weil sie vermeintliche Fakten liefern.»

Auch das Misstrauen in Institutionen spielt eine Rolle. «Verschwörungstheorien stehen im Zusammenhang mit einer Entfremdung der Bürger von der Regierung», sagte Mark Fenster von der University of Florida und Autor von Conspiracy Theories: Secrecy and Power in American Culture zu news.de.

Im Wahlkampf kochen die Spinnereien hoch

Ist das Misstrauen in den USA nun besonders groß, oder die Entfremdung von der Regierung? Denn hier boomen Verschwörungstheorien auch im politischen Alltag. Vor allem beim allmählich anlaufenden Wahlkampf kochen die Spinnereien hoch. Jüngstes Beispiel ist die andauernde Debatte um die Staatsbürgerschaft des Präsidenten. Als «Birthers» werden die Anhänger der Theorie, Obama sei außerhalb der USA geboren worden, bezeichnet. So viel Raum nahm die Diskussion ein, das Obama sich genötigt sah, seine vollständige Geburtsurkunde ins Internet zu stellen, um den «Unsinn» zu stoppen. Das Land müsse sich auf wichtigere Probleme konzentrieren, sagte er.

Bin Ladens Tod: Obama will Leichenbilder nicht veröffentlichen
Video: knr/news.de/dapd

Auch bei den Linken blühen Verschwörungstheorien. Ende April geisterte die fixe Idee des «Trig Trutherism» durch die amerikanischen Medien. Demnach sei Tea-Party-Ikone Sarah Palin nicht die biologische Mutter ihres dreijährigen Sohnes Trig. Stattdessen habe Palin die Schwangerschaft vorgetäuscht, um Bristol, ihre Tochter und eigentliche Mutter Trigs, zu schützen. Eine andere Version geht so weit, Palin vorzuwerfen, sie wolle aus der Mutterschaft eines Kindes mit Down-Syndrom politische Vorteile ziehen.

«Die Furcht vor Verschwörungen ist in der amerikanischen Erfahrung verwurzelt», sagte Robert Alan Goldberg, der ein Buch zur Kultur der Verschwörung in den USA geschrieben hat, zu news.de. Die Furcht vor Feinden, ob real oder vorgestellt, habe die Gründer des amerikanischen Staates geformt. Zudem spiele die Diversität des Landes eine Rolle. «Für die Misstrauischen ist diese Vielfalt ein Fluch», meint Goldberg. «Sie haben Angst, der Feind lauere unter ihnen, unloyal und gefährlich.»

Zu viel Macht ist den Amerikanern nicht geheuer

Jurist und Kommunikationswissenschaftler Mark Fenster sieht vor allem die Skepsis der Amerikaner vor Machtkonzentrationen als Grund, warum Verschwörungstheorien in den USA auf so fruchtbaren Boden fallen. «Wir begannen als revolutionärer Staat, der seine fernen Herrscher abgeschüttelt hat», erklärt Fenster im Gespräch mit news.de. «Seitdem haben wir eine ambivalente Beziehung zum Staat.» Es wäre Amerikanern nicht geheuer, wenn ein Unternehmen, eine Religion oder ethnische Gruppe in ihren Augen zu viel Macht anhäufe.

Befeuert werden die Verschwörungstheorien schließlich noch von der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, die die Zuschauer gerne mit der Furcht vor Unterwanderung in Atem hält, man denke an Filme wie JFK, Da Vinci Code oder die Serie Akte X.

Dazu kommen die Schreihälse der amerikanischen politischen Debatte, wie der konservative Fernsehmoderator Glenn BeckGlenn Beck ist ein amerikanischer Talkradio- und Fernsehmoderator. Er galt lange Zeit als Gesicht und Stimme der Tea-Party-Bewegung. Allerdings nahm die Kritik an seiner Person, auch aus dem konservativen Lager, aufgrund immer schrillerer Äußerungen stetig zu. oder Donald TrumpTrump gehört zu den bekanntesten Geschäftsleuten in den USA. Er ist ein Tycoon im Immobilienbereich. Bekannt wurde er insbesondere durch sein extrovertiertes Verhalten in den Medien und durch die nach ihm benannten Hochhäuser seines Unternehmens. , dem Immobilienmogul mit politischen Ambitionen. «Conspiracy entrepreneurs», Verschwörungsunternehmer, nennen sie die amerikanischen Medien, weil sie von den absurden Diskussionen profitieren wollen. Sie sorgen dafür, dass sich das Karussell der Spekulationen immer weiter dreht.

Kurz nachdem Obama seine Geburtsurkunde veröffentlichte, holte Trump schon zum nächsten Schlag aus: Obama sei ein miserabler Schüler gewesen, wie könne es da sein, dass er es auf eine Eliteuni geschafft hat? «Es gibt viele offene Fragen über unseren Präsidenten», heizte Trump das Misstrauen an. Irgendjemand arbeitet sicher schon an den passenden Antworten.

che/ivb/news.de

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Leserkommentare (57) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ban
  • Kommentar 57
  • 05.05.2013 14:03

"At every crossroads on the path that leads to the future, tradition has placed 10,000 men to guard the past." Maurice Maeterlinck “History is written by the victors.” Winston Churchill

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  • Freidenker
  • Kommentar 56
  • 11.11.2012 07:43

Verschwörungsparanoiker haben einen hohen Unterhaltungswert. Bedenklich ist jedoch, das Menschen an dieses "Geheimwissen" ( völlig offensichtlicher Blödsinn) glauben und ihn sogar vehement verteidigen. Irgendwann tragen die dann Mützen aus Alufolie und enden womöglich in der Geschlossenen.

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  • David Rockefeller
  • Kommentar 55
  • 31.05.2011 16:36

Liebe Redaktion, ihr solltet vielleicht mal meine Biografie "Memoirs" lesen. Hier ein Auszug: "Manche glauben gar, wir [Rockefellers] seien Teil einer geheimen Kabale, die entgegen der besten Interessen der USA arbeitet, charakterisieren mich und meine Familie als “Internationalisten” und Verschwörer, die gemeinsam mit anderen weltweit eine integriertere globale politische und wirtschaftliche Struktur schaffen – eine Welt, wenn Sie so wollen. Wenn das die Anklage ist, dann bin ich schuldig, und ich bin stolz darauf.“

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