Nach Sarrazin Was ist geblieben außer Hass?

Umstrittener Auftritt Sarrazins in Dresden (Foto)
Brandstifter oder Querdenker? Thilo Sarrazin. Bild: ddp

Von den news.de-Redakteuren Björn Menzel und Jens Kiffmeier
Migranten, Judengen und Ausländerhass: Vor einem halben Jahr versank die Republik in der Sarrazin-Debatte. Politiker versprachen rasche Änderungen in der Migrationspolitik. Doch was ist geblieben vom Aufschrei einer Nation?

Ob Absicht oder Zufall, es passt mal wieder. Thilo Sarrazin tippt im Takt mit seinen Füßen das Lied mit. Ein Chor hat Joe Cocker angestimmt: «You are so wonderful.» Es ist Donnerstagabend in Halberstadt am Rand des Harzes, sechs Monate nach Beginn der Sarrazin-Debatte. Und kurz vor einem Sarrazin-Referat. In einer Kirche sitzen 400 Menschen und warten auf den Vortrag des Ex-Bundesbankers. Ausverkauftes Haus. Gespannte Ruhe. Sie sind gekommen, um zu klatschen.

Die Ein-Mann-Show geht immer weiter. Eigentlich ist alles gesagt. Das Buch Deutschland schafft sich ab hat die Millionenauflage erreicht. Trotzdem ist der Querdenker der Nation, Thilo Sarrazin, noch unterwegs. Er hat schon mehr als 60 Leseauftritte hinter sich und wird nicht müde, seine Thesen zu verbreiten. Und seine Aussagen gerade zu rücken. Was treibt diesen Mann, der müde wirkt und von einem früheren Schlaganfall gekennzeichnet ist? Nicht alle Worte wollen ihm fließend aus dem Mund kommen.

Meinungsbild
Sarrazin kommt gut an

Kaum ein Buch hat je zu so vielen Diskussionen geführt. Doch was haben sie gebracht? Nicht viel, meint Sarrazin und gibt der Politik die Schuld. Sie nehme die Wirklichkeit nicht zur Kenntnis. «Politiker kümmern sich nur um die Probleme der nächsten vier Jahre», sagt der Autor. Andere werden nicht angegangen oder gleich ganz verleugnet. Doch eine eigene Partei möchte er deswegen noch immer nicht gründen. «Ich habe meinen Beitrag in die Debatte eingebracht», sagt er. Es wären alles Themen, denen sich die großen Volksparteien annehmen müssen. «Ich habe noch Hoffnung, dass das geschieht.» Politik sei ja nicht unmittelbar.

Ärger in der Hauptstadt: Politiker müssen Aufräumarbeit leisten

Thilo Sarrazin
Die Geister, die er rief
Video: news.de

Doch die Politik hat erst einmal das Gefühl, dass sie die Sarrazin-Diskussion in die richtige Bahn lenken muss. «Unsinnig» sei die Debatte aus dem Herbst 2010 gewesen, sagte der ehemalige Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (CDU). Er sitzt in Berlin in der Bundespressekonferenz. Draußen scheint die Sonne. Da draußen sind an diesem Frühlingstag auch die vielen Deutschen, die spätestens seit der Veröffentlichung des Sarrazin-Buches Angst vor Überfremdung haben. Völlig unbegründet, wie Laschet findet. Denn vor den Toren Deutschlands steht kein Millionen-Heer von Billiglöhnern. Und schon gar keine Hochqualifizierten. Von denen kann Deutschland nur träumen. Neue Zahlen aus dem Migrationsreport belegen das.

Während Großbritannien zwischen 2007 und 2009 insgesamt 15.530 gut Qualifizierte ins Land lockte, waren es hierzulande sage und schreibe 363. «Wir sind Auswanderungs- und kein Einwanderungsland», sagt Laschet. Er persönlich sieht die Entwicklung mit Sorge. Denn Deutschland braucht in naher Zukunft dringend gute Fachkräfte, diese Litanei beten die Industrie- und Handelskammern im Wochenrhythmus herunter. Denn die Bevölkerung schrumpft und altert. Bereits 2015 werden 31 Prozent der Deutschen älter als 50 Jahre sein. Keine Bevölkerungsgruppe wächst zahlenmäßig so schnell wie die der Rentner. «Wer soll eigentlich 2050 noch für unseren Wohlstand arbeiten?», fragt sich Laschet in immer kürzeren Abständen.

Um bald eine Antwort auf diese Frage zu finden, hat sich eine hochrangig besetzte und parteiübergreifende Expertengruppe gegründet. Sie nennt sich «Konsensgruppe für Fachkräftebedarf und Zuwanderung». Neben Laschet gehören ihr unter anderem auch Ex-Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) und Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth (CDU) an. In mehreren Sitzungen über den Sommer verteilt soll das Gremium bis zum Herbst Vorschläge erarbeiten, wie in Deutschland die Zuwanderung besser gesteuert werden kann. «Alle Parteien wollen das Thema angehen, konnten sich bislang aber auf keine gemeinsame Linie einigen», sagt Struck bei der Vorstellung der Arbeitsgruppe in Berlin. «Wir wollen das Thema jetzt aus dem Parteienstreit herausholen.»

Gegenläufiger Trend: Bundespolitiker erfasst Integrationswelle

Es tut sich also doch etwas in der Politik. Tatenlosigkeit lässt sich ein halbes Jahr nach Beginn der Debatte jedenfalls kein aktiver Politiker in der Hauptstadt mehr unterstellen. Die Taten gehen nur in eine andere Richtung, als sich das viele Sarrazin-Fans vielleicht vorgestellt haben. Mehr Integration und mehr Fachkräfte - dafür plädiert Serkan Tören seit langem. Der integrationspolitische Sprecher der FDP-Fraktion kommt seit Monaten am Fachkräfteproblem nicht mehr vorbei. In seinem Berliner Büro stapeln sich dazu die Anfragen, Vorlagen und Korrespondenzen. Erst vor wenigen Wochen hat die schwarz-gelbe Koalition die Anerkennung ausländischer Abschlüsse vereinfacht. Doch für Tören ist das nur ein erster Schritt. Um zusätzliche Anreize zu setzen und Fachkräfte nach Deutschland zu holen, hat er drei weitere Ideen in der Schublade.

Erstens soll die Einkommensverdienstgrenze gesenkt werden. Statt bislang 66.000 Euro sollen Ausländer, die nach Deutschland einwandern wollen, künftig ein Jahresgehalt von 40.000 Euro nachweisen. Zudem will Tören an der Vorrangprüfung rütteln. Nach dieser Regel bekommt ein Ausländer nur dann einen Job, wenn sich partout kein Deutscher mit der gleichen Qualifikation findet. Vor allem in den naturwissenschaftlichen Ingenieursberufen und in der Pflege, in denen es heute bereits einen großen Bewerbermangel gibt, will die FDP spürbare Erleichterungen. Wer qualifiziert ist und wer nicht - das könnte mittels eines Punktesystems leicht ermittelt werden. Für Tören ist das die dritte Säule in der Zuwanderungssteuerung. «Ich hoffe», sagt er voller Optimismus zu news.de, «dass wir das alles in diesem Jahr noch in Gesetzesform gießen können.» Die Verhandlungen mit der CDU laufen bereits.

Umfrage: Sarrazin-Fans bleiben in der Minderheit

In der Bevölkerung stoßen die Pläne jedenfalls nicht nur auf Ablehnung. Als in der vergangenen Woche der Migrationsbericht vorgestellt wurde, rieben sich viele Beobachter verwundert die Augen. In dem Report fanden sich neueste Erhebungen über die Einstellungen der Deutschen. Demnach halten weit mehr als 60 Prozent - und damit eine klare Mehrheit der Bundesbürger - eine verstärkte Zuwanderung von Fachkräften für unerlässlich. Ein Grund zur Freude für die Sarrazin-Gegner nach der hitzigen Ausländerdebatte im Herbst 2010?

Nicht ganz. Bei aller Zuversicht, für Serkan Tören hat die Debatte einfach nichts Gutes gebracht. Nicht einmal die Tatsache, dass durch Sarrazin das Thema in die Köpfe der Menschen gedrungen ist, will er gelten lassen. «Die Diskussion hat insgesamt nur Schaden gebracht», sagt der FDP-Integrationsexperte. Statt an Sachlichkeit habe das Thema nur an Schärfe gewonnen. «Der Anteil der Integrationsbefürworter innerhalb der Bevölkerung wäre ohne die Sarrazin-Thesen sicherlich noch höher.»

Da könnte etwas dran sein. Einblicke in seine Überzeugungskraft zeigt Sarrazin in Halberstadt. Mehr als zwei Stunden hat er nun schon in der Kirche referiert. Die Zuschauer klatschen noch immer, wenn er mal eine Pause beim Reden macht. Er hat sie gepackt, auch den letzten mit seinen Zahlenspielen auf seine Seite gezogen. Vor dem Gotteshaus steht einer und demonstriert für das Grundrecht der Meinungsfreiheit. Auf seinem T-Shirt steht «Danke Thilo Sarrazin». Der Autor selbst sitzt noch im Podium, der Chor hat das letzte Lied angestimmt. Es ist von Mariah Carey: «I can´t live, if living is without you». Es kann Zufall sein oder Absicht.

jek/bjm/ivb/news.de

Leserkommentare (76) Jetzt Artikel kommentieren
  • xyfornos
  • Kommentar 76
  • 28.07.2011 18:30

die FDP schafft sich selber ab, wahlversprechen zur steuersenkung und keine echte diskussion über sparbemühungen, keine vernüftigen vorschläge, immer die gleiche leiher, und auch zur integration fällt denen nichts mehr ein. weg damit!

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  • ART
  • Kommentar 75
  • 23.07.2011 20:17
Antwort auf Kommentar 74

Es werden ihnen die Eltern der ermordeten Kinder in Norwegen danken. Das sind die Ergebnisse eines "rechten" Christen,dem es völlig egal ist,wer da grad sitzt.Er ist ein christlicher Überzeugungstöter! Sind wir mal bei den Wurzeln,durch "rechte"Predigt angelangt? Ja!

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  • Ellipirelli
  • Kommentar 74
  • 08.07.2011 13:21

Dieses ganze neuerliche Getöse gegen"Rechts" geht mir total auf den Senkel! Ist es denn nicht merh erlaubt,in diesem "Migranten"-überschwemmten Land seinen Unmut darüber zu bekunden,daß es solche Verhältnisse gibt?Haben Einheimische zugunsten von "Einwanderern" immer nur zurückzustecken? Bekommen wir einen Maukorb und den Stemnpel "Nazi" aufgedrückt,nur weil wir uns dagegen wehren,daß ausländische Abzocker uns ausbeuten,und kriminelle Jugendliche mit "Migrations"-Hintergrund hier unsere Strassen und Schulhöfe unsicher machen.Ich gehör keiner NPD an,aber mkich kotzt das an,was hier abgeht!!

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