Politiker und Medien «Wechselseitige EnttĂ€uschungen»

Show und Inszenierung: Wie nutzen Politiker die Medien aus? News.de sprach darĂŒber mit Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye. Der machte Gerhard Schröder zum Medienkanzler - trotzdem kritisiert er die fehlende UnabhĂ€ngigkeit deutscher Journalisten.

Politiker und Journalisten: Wer profitiert von wem? Bild: dapd

Was wÀre Ihrer Meinung nach der Politiker ohne den Journalisten?

Uwe-Karsten Heye: Das wÀre wie ein Prediger ohne Religion. Aber das ist ein schiefer Vergleich. Es sind zwei Seiten der gleichen Medaillie. Beide brauchen sich.

Sie waren Regierungssprecher des Medienkanzlers Gerhard Schröder. Haben sich seitdem die AbhÀngigkeiten verstÀrkt?

Heye: Es gibt wechelseitige EnttĂ€uschungen. Die wurden zum Beispiel im Film Die Meute beschrieben. Gekennzeichnet durch das Verhalten der Medien, die sich ausschließlich mit Personen befassen. Es ging in dem Film auch darum, nur den letzten O-Ton einzufangen, ohne danach zu fragen, warum man ihn eigentlich geholt hat.

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Welche Folgen sehen Sie?

Heye: Zum einen eine wachsende Distanz der Berichterstattung zu den Ereignissen und zum anderen einen immer grĂ¶ĂŸer werdenden Erregungsjournalismus. Es wird deutlich, dass die journalistische Arbeit zu einer Art Ware geworden ist, mit fließenden Grenzen zu Public Relation.

Folgt daraus auch eine wachsende Distanz zum Konsumenten?

Heye: Der Konsument fĂŒhlt sich nicht ausreichend informiert. Das muss mit der Leistung der Medien im Zusammenhang stehen - mit Ausnahmen.

Gibt es eine GlaubwĂŒrdigkeitskrise?

Heye: Ich glaube, ja. Über das Internet und den Online-Journalismus haben wir es mit einem Informationstsunami zu tun und zugleich mit der sinkenden FĂ€higkeit, die Relevanz einer Nachricht einzuordnen. Welche Rolle dabei die neuen Medien spielen, mĂŒsste untersucht werden. Aber es gibt einen Zusammenhang.

Die Medien sind das eine. Aber welche Rolle spielt dabei die Inszenierung der Politiker?

Heye: NatĂŒrlich spielt es eine Rolle, wie Politik vermittelt wird. Aber das teilen sich am Ende Medien und Politiker. Welche Art von Inszenierungscharakter hat ein Parteitag, muss er haben, um Interesse zu wecken? Dazu bedarf es kritischer medialer Begleiter, damit nicht nur noch das Beachtung findet, was gut inszeniert ist.

Und Politiker fallen auch darauf hinein, dass sie alles machen wĂŒrden?

Heye: Politik ist ja auch ein KonkurrenzgeschÀft. Auch die Konkurrenz unterschiedlicher Programmatik. Wenn Unterschiede existieren, muss der Politiker sie auch deutlich machen. Und wenn sie nicht existieren, geht es nur noch um Inszenierung.

Sie Ă€ußerten sich einmal stolz darĂŒber, dass die Bundespressekonferenz die Themen setzt. Immer öfter scheint das nicht der Fall zu sein, Politiker antworten gar nicht oder ausweichend, wenn ihnen das Thema nicht passt. Stehen Sie noch zu Ihrer Aussage?

Heye: Den historischen Hintergrund fĂŒr die GrĂŒndung der Bundespressekonferenz darf man nicht vergessen. Das war die Antwort auf die gleichgeschaltete und nur unter Propaganda stehende veröffentlichte Meinung der Nazizeit. Daher der Wunsch, eine unabhĂ€ngige Einrichtung zu schaffen, mit der Journalisten die Themen ihres Interesses bestimmen und nicht die jeweilige Regierung allein. Darum auch der unabhĂ€ngige Verein Bundespressekonferenz, deren Mitglieder selber bestimmen, wen sie befragen wollen und zu welchem Thema. Ob sie dabei Politiker zu Antworten zwingen, ist auch ein Hinweis auf die QualitĂ€t der Fragen.

Sie meinen, die Journalisten hÀtten nachgelassen, nicht die Politiker?

Heye: Ich glaube nach wie vor nicht, dass die Welt frĂŒher immer schöner war als heute - nur anders. Je nĂ€her wir an der Erfahrung des Dritten Reiches waren, um so klarer war unsere Haltung zu einem unabhĂ€ngigen Journalismus. Ich hoffe,dass es so bleibt.

Zu Guttenberg hat viel von zumindest einigen Medien profitiert. Eine wichtige ErklĂ€rung verkĂŒndete er vor handverlesenen Journalisten allerdings wĂ€hrend der Bundespressekonferenz an einem anderen Ort. Die meisten Journalisten hatten zeitlich gar keine Chance, dabei zu sein.

Heye: Das war der Versuch, sich möglichst ohne lÀstige Fragen aus der AffÀre zu ziehen. Das ist ihm gelungen. So etwas passiert.

Das spricht allerdings fĂŒr die These: Politiker nutzen Journalisten dann und dort aus, wann und wo sie können.

Heye: Ja, wenn die Meute das mit sich machen lÀsst.

 

Uwe-Karsten Heye war Redenschreiber fĂŒr Willy Brandt und Regierungssprecher unter Gerhard Schröder. Heute wohnt der 70-JĂ€hrige in Potsdam, schreibt BĂŒcher und hĂ€lt VortrĂ€ge. Seine Erinnerungen wurden unter dem Titel Schicksalsjahre 2010 mit Maria FurtwĂ€ngler vom ZDF verfilmt.

jek/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Reifan
  • Kommentar 1
  • 24.04.2011 17:17

Die CDU/CSU generiert eine so große WĂ€hlergemeinde hinter sich, die deren Politik nicht hinterfragt. Bei den ande-ren Parteien scheinen sich die WechselwĂ€hler zu tummeln. Da kann jeder Koalitionsjunjorpartner nach programmati-schen Koalitionsproblemen und nicht durchsetzbaren Wahl-verspechen gegenĂŒber dem WĂ€hler nur schlecht aussehen. Denn die konservativste deutsche Partei, das ist die CDU/CSU. Aber desto mehr sich die Gesellschaft verjĂŒngt, desto besser werden die Chancen von alternativen Parteien, auch die CDU/CSU wird weiterhin Federn lassen mĂŒssen und das lĂ€sst hoffen.

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