Migranten
«Umweltschutz kennt keine Sprache»

Grillorgien im Park, Plastikbecher auf der Hochzeit - t├╝rkische Migranten gelten nicht unbedingt als umweltbewusst. Die Biologin G├╝lcan Nitsch will das ├Ąndern. Mit news.de sprach sie ├╝ber Atomausstieg und t├╝rkische Beh├Ârdengl├Ąubigkeit.

Wie steht es um das Umweltbewusstsein der Migranten in Deutschland? Familie beim Grillen im Berliner Tiergarten. Bild: dpa

Frau Nitsch, die Deutschen diskutieren zur Zeit heftig ├╝ber den Ausstieg aus der Atomenergie. Wie nehmen t├╝rkische Migranten die Debatte wahr?

G├╝lcan Nitsch: Das Thema ist sehr zentral in der t├╝rkischen Community. Ich w├╝rde sagen, sie reagiert sogar sensibler als die Deutschen – weil die Betroffenheit st├Ąrker ist. Die T├╝rkei, besonders die Schwarzmeerk├╝ste, hat unter dem Reaktorungl├╝ck in Tschernobyl vor 25 Jahren gelitten. Auch in Deutschland leben viele t├╝rkischst├Ąmmige Menschen, die vom Schwarzen Meer kommen. Bei manchen sind Familienangeh├Ârige an Krebs gestorben, einige haben behinderte Kinder zur Welt gebracht.

Wie wird dann die Nuklearpolitik der t├╝rkischen Regierung wahrgenommen? Die plant mehrere Atomkraftwerke, auch in Erdbebenzonen.

FOTOS: Integration Eine deutsche Schl├╝sselfrage

Nitsch: Die meisten T├╝rken wollen keine Atomkraftwerke, weil sie wissen, dass das schlimme Folgen haben kann. Auch die Umweltverb├Ąnde in der T├╝rkei sind da sehr aktiv. Ich hoffe, dass der Widerstand in der t├╝rkischen Zivilgesellschaft so zunimmt, dass die Regierung die Pl├Ąne irgendwann zur├╝ck nimmt.

Sie haben mit «Ye┼čil ├çember» («gr├╝ner Kreis») 2006 die erste t├╝rkischsprachige Umweltgruppe in Deutschland gegr├╝ndet. Was sind ihre Ziele?

Nitsch: An erster Stelle wollen wir die Menschen f├╝r das Thema «Umwelt» gewinnen. Wer die deutsche Sprache nicht versteht, der hat oft auch keinen Zugang zu dem Thema. Die Information zu Umweltschutzthemen muss so vermittelt werden, dass die Menschen sie auch verstehen. Dabei ist sowohl die Sprache wichtig, als auch die richtige Ansprache. Es reicht nicht, einfach die deutschen Materialien ins T├╝rkische zu ├╝bersetzen. Sondern man muss neue Konzepte entwickeln und die Menschen pers├Ânlich ansprechen.

Und dann?

Nitsch: Dann kommt der zweite Schritt: das Verantwortungsgef├╝hl zu wecken. Das Gef├╝hl daf├╝r, dass jeder etwas ver├Ąndern kann, egal, wo er lebt. Wir geben den Menschen allt├Ągliche Empfehlungen, wie sie ihr Leben ├Âkologisch gestalten k├Ânnen. Wir wollen, dass sie ihren Lebensstil ver├Ąndern. Nat├╝rlich geht das manchmal schneller und manchmal langsamer...

Woran hakt es am h├Ąufigsten?

Nitsch: Eins der gr├Â├čten Probleme ist, dass die t├╝rkischen Migranten ein viel gr├Â├čeres Vertrauen in die deutschen Beh├Ârden haben als die eingeborenen Deutschen. Wenn ich ihnen erz├Ąhle, dass dieses oder jenes Reinigungsmittel sehr giftig und gesundheitssch├Ądlich ist und sie es nicht verwenden sollen, dann glauben sie mir am Anfang gar nicht. Sie sagen: Das kann gar nicht sein, hier gibt es doch so viele Kontrollen. Sie vergleichen das mit den t├╝rkischen Standards, und da sind die deutschen nat├╝rlich viel h├Âher.

FOTOS: Probleme der Migranten Was bewegt die Zuwanderer?

Und wie k├Ânnen Sie die Menschen ├╝berzeugen?

Nitsch: Der Geldbeutel spielt eine gewisse Rolle. Allerdings habe ich gemerkt, dass dieses Argument nicht bei jedem zieht. Ich habe einmal einem bekannten Vorsitzenden eines t├╝rkischen Vereins vorgerechnet, wie viel er sparen k├Ânnte, wenn er das Netzteil seines Handys nach dem Laden aus der Steckdose zieht. Er meinte nur, dass er nicht auf diese 20 Euro im Jahr angewiesen sei. Viel wichtiger ist etwas anderes: Das Gewissen! Sie m├╝ssen das Verantwortungsbewusstsein ansprechen, den Menschen klarmachen, dass sie mitschuldig sind an der Umweltverschmutzung. Daran, dass k├╝nftige Generationen keine lebenswerte Welt mehr vorfinden. Damit kann ich 95 Prozent der Menschen erreichen. In der t├╝rkischen Community ist die Mund-zu-Mund-Propaganda sehr wichtig. Wenn eine Familie meine Argumente gut findet, verbreitet sich das schnell in der Nachbarschaft.

Warum zieht das Gewissens-Argument bei T├╝rken so gut?

Nitsch: Ihre Werte sind andere als unter den Deutschen. Das Gemeinschaftsgef├╝hl, die Zusammengeh├Ârigkeit, ein Verantwortungsgef├╝hl f├╝r die Kinder und f├╝r zuk├╝nftige Generationen, das ist viel st├Ąrker ausgepr├Ągt. Wenn in der t├╝rkischen Community ein Kind auf die Welt kommt, beginnen die Eltern schon fr├╝h, f├╝r seine Zukunft zu sparen, f├╝r die Ausbildung, das Heiraten.

Apropos Heiraten: Sie wollen auch die t├╝rkischen Hochzeitsfeiern ins Visier nehmen. Warum?

Nitsch: Weil sie bei den T├╝rken so wichtig sind. T├╝rkische Hochzeiten sind gro├č – es kommen mindestens 500 G├Ąste, auch 1000 sind ganz normal. Deswegen gibt es ein gro├čes Potenzial f├╝r Ver├Ąnderungen. Das beginnt schon mit den Einladungskarten. Wenn da 1000 gedruckt werden m├╝ssen, dann soll das auf Recyclingpapier sein. Oder das Plastikgeschirr, mit dem die meisten Hochzeiten stattfinden. Sie k├Ânnen sich vorstellen, wie viele Plastikbecher da verwendet werden... Wir wollen das Konsumverhalten ver├Ąndern, und auf Hochzeiten wird unglaublich viel konsumiert!

Klingt, als ob Sie sich da unbeliebt machen k├Ânnten.

Nitsch: Wir wollen ja nicht, dass die Leute auf die Hochzeiten verzichten. Es soll ja geheiratet und gefeiert werden. Aber anders als bisher. Der Gedanke, Ressourcen zu sparen, die Umwelt zu schonen, steht dabei im Zentrum. Die Paare sollen auch umweltfreundliche Geschenke bekommen. Also zum Beispiel energiesparende Ger├Ąte, ausschaltbare Stecker, Energiesparlampen. Sie sollen bei einem ├ľkostromanbieter unter Vertrag sein. Wenn t├╝rkische Paare heiraten, ziehen sie zum ersten Mal zusammen. Und dann sollen sie ihr gemeinsames Leben umweltfreundlich beginnen.

Vers├Ąumen es deutsche Umweltgruppen, die Migranten richtig anzusprechen?

Nitsch: Auf jeden Fall. Deswegen berate ich deutsche Umweltorganisationen, wie sie die Migranten erreichen k├Ânnen. Bis ich beim BUND Berlin meine Initiative startete, gab es hier auch keine Angebote f├╝r Migranten. Seitdem hat sich innerhalb des Verbandes viel ver├Ąndert. Sp├Ątestens in f├╝nf Jahren soll es selbstverst├Ąndlich sein, dass alle relevanten Organisationen auch f├╝r die Nicht-Deutschen Angebote haben. Wir wollen nicht das Rad neu erfinden, sondern auf bestehende, deutsche Strukturen aufbauen. Der Umweltschutz kennt keine Sprache und ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir sitzen alle im gleichen Boot!


G├╝lcan Nitsch ist Biologin und Sozialunternehmerin. Mit «Ye┼čil ├çember» («gr├╝ner Kreis»), der ersten t├╝rkischsprachigen Umweltgruppe in Deutschland, versucht sie, Migranten f├╝r den Umweltschutz zu sensibilisieren.

kra/news.de

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9 Kommentare
  • maro

    15.05.2011 13:25

    Antwort auf Kommentar 1

    Dem stimme ich zu 100% zu.In der Grossstadt muss ich mich nicht integrieren,da an allen Stellen Ihre Landsleute vertreten sind.Den Rest bestreitet die unf├Ąhige Landesre- gierung.Nur Schulden machen.Wenn ein Mann wie der Oberb├╝rgermeister von Neuk├Âlln das sagen h├Ątte,g├Ąbe es auch eine Verbesserung.Ist aber nicht gewollt.Zum Bsp. jedem Elternteil das Kindergeld streichen,wenn das Kind die Schule schw├Ąnzt.Es muss erst mal weh tuen,bevor die Sozialschmarotzer aufwachen.Sie f├╝hlen sich benachteiligt, tun aber nichts daf├╝r,hier heimisch zu werden.

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  • Schabernac

    06.05.2011 00:27

    Ich finde es langsam zum Kotzen diesen Menschen ein Schlaraffenland zu bieten und sich in einer widerlich schleimigen Art und Weise in den Hintern zu kriechen. Wenn sie einen Wohlf├╝hlstaat haben wollen, m├╝ssen sie sich integrieren. Sie m├╝ssen auf uns zugehen und nicht umgekehrt und vor allem hier die Frauen als gleichberechtigt und selbstbestimmt zu behandeln. Es gibt noch ziemlich viele Baustellen in diesen Kulturen,die hier auf Unverst├Ąndnis,ja sogar strafrechtliche Relevanz haben. Ich nix verstehen darf nicht f├╝r Ungesetzlichkeiten ein Freibrief sein. Parallelgesellschaften bitte nicht.!!!

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  • Mailyn Pelagio

    29.04.2011 12:48

    Es werden nur die noch vorhandenen Ressorcen alleine bestimmen wie vielZuwanderung die CH vertr├Ąg und nicht irgend welche Aussagen von Politikert und schon gar nicht die Sprachen. Und da es bereits heute schon erheblich eng wird in der CH in Bezug auf Raum, Infrastruktur, Umwelt und vorhandene Arbeitspl├Ątze durch immer mehr anwesende Menschen mit ihren Bed├╝rfnissen, sollte man sich ganz gut ├╝berlegen vievielZuwanderung man noch zulassen will bzw. kann. Denn auch die Ressourcen sind nicht unersch├Âpflich.

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