Ägypten «Hinter Mubarak steckt ein korruptes System»

Rücktritt: Mubaraks Regime hat ein Ende (Foto)
Regierungsgegner feiern den Rücktritt von Präsident Mubarak. Bild: dpa

Weltweit feiern die Ägypter ihren Triumph. Politiker aus der ganzen Welt beglückwünschen sie zum Sturz Husni Mubaraks. Aber der Wandel ist noch nicht sicher. Ein Islamwissenschaftler warnt vor dem System hinter Mubarak.

Die ägyptische Opposition feiert die Entwicklungen des Tages mit lautem Jubel und Siegesgesängen. Auf dem Tahrir-Platz tanzen in Kairo und hüpften Hunderttausende Regimegegner unter ägyptischen Fahnen, wie Augenzeugen berichten. «Das Volk hat das Regime gestürzt», skandieren Demonstranten. Oppositionspolitiker und Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei sagte laut BBC: «Das ist der schönste Tag meines Lebens.»

Nach fast 30 Jahren an der Macht hat der Druck der Straße den ägyptischen Staatschef Husni Mubarak in die Knie gezwungen. Vizepräsident Omar Suleiman erklärte im staatlichen Fernsehen, Mubarak sei zurückgetreten und habe die Führung des Landes in die Hände der Streitkräfte gelegt. Mubarak selbst setzte sich laut Sicherheitskreisen aus Kairo nach Scharm el Scheich ab.

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Nach Mubaraks Rücktritt übernahm am Abend der Oberste Militärrat unter dem bisherigen Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi die Macht. Das Oberkommando der Streitkräfte werde Regierung und Parlament entlassen, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija. Der Militärrat wolle die Macht dann zusammen mit der Spitze des ägyptischen Verfassungsgerichtes ausüben.

Weltweite Freude über Rücktritt

Weltweit freuen sich die Ägypter und beglückwünschen ihre Landsleute in Kairo zu ihrem Erfolg. Walid Abd Gawad, Islamwissenschaftler an der Universität Leipzig, saß gerade in seinem Büro, als ihn sein Bruder vom Tahrir-Platz aus anrief. «Ich war total überrascht. Zwar habe ich geglaubt, dass die Macht von Mubarak zu Ende geht, aber nach der Rede von gestern dachte ich nicht mehr, dass es so schnell passiert», sagt er zu news.de.

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Mit seinen Freunden wolle er noch in der Nacht feiern, sagt Gawad. Gemeinsam bereiten sie eine Mahnwache vor der Leipziger Nikolaikirche vor, dem Gotteshaus, in dem vor 21 Jahren die friedliche Revolution begann, die zum Sturz der DDR führte. «Wir wollen zur Solidarität mit unseren Land aufrufen und für Demokratie und Menschenrechte aufrufen.»

In Walids Freude mischen sich aber auch Bedenken über die Zukunft Ägyptens. Denn mit dem Sturz Mubaraks ist nach seiner Einschätzung das diktatorische Regime hinter dem Herrscher noch lange nicht am Ende. «Den Rücktritt der Person sollte man nicht überschätzen, hinter Mubarak steckt ein großes korruptes System. Wir müssen aufpassen.»

Merkel beglückwünscht Ägypter

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich in Berlin sehr erfreut. «Wir sind alle Zeugen eines historischen Wandels», sagte sie am Freitag. Die Kanzlerin betonte, sie wünsche den Ägyptern eine Gesellschaft «ohne Korruption, Zensur, Verhaftung und Folter». Die Entwicklung in Ägypten müsse jetzt unumkehrbar gemacht und friedlich gestaltet werden. «Am Ende der Entwicklung müssen freie Wahlen stehen.»

Nicht nur in Ägypten und der westlichen Welt herrscht Freude über Mubaraks Rücktritt. Auch zwischen Beirut und Gaza eilten die Menschen auf die Straße, verteilten Süßigkeiten, zündeten Feuerwerk und schossen aus Freude in die Luft.

Sogar in Israel, das die Proteste gegen die Regierung Mubaraks mit Sorge verfolgt hatte, begrüßte ein früheres Kabinettsmitglied die Entscheidung. «Die Straße hat gewonnen. Es gab nichts mehr zu tun. Es ist gut, dass er (Mubarak) getan hat, was er getan hat», sagte der frühere Verteidigungsminister Benjamin Ben Elieser dem israelischen Fernsehsender Kanal 10. Ägypten hatte 1979 als erster arabischer Staat einen Friedensvertrag mit der Regierung in Jerusalem geschlossen.

Auch über der libanesischen Hauptstadt Beirut erhellte Feuerwerk den Himmel. In den schiitisch dominierten Gebieten im Süden des Landes sowie im südlichen Beirut waren Freudenschüsse zu hören. Im Programm des Fernsehsenders der radikalislamischen Hisbollah, Al Manar, zeigte sich der ägyptische Moderator Amr Nassef sichtlich bewegt: «Allahu Akbar (Gott ist Groß), der Pharao ist tot. Träume ich? Ich habe Angst zu träumen.»

Hamas spricht von Wendepunkt für Zukunft der Region

In Tunesien, wo Massenproteste im Januar zum Sturz von Staatschef Zine El Abidine Ben Ali geführt hatten, waren Freudenschreie und unzählige Autohupen zu hören.

Jubelnde Menschen eilten auch in dem von der radikalislamischen Hamas kontrollierten Gazastreifen auf die Straße. «Gott schütze Ägypten», sagte eine Frau, die Süßigkeiten verteilte. Ägypten hatte gemeinsam mit Israel eine Grenzblockade zum Gazastreifen errichtet, nachdem dort die Hamas im Jahr 2007 die Kontrolle übernommen hatte.

«Dies ist ein Sieg für den Willen des Volkes und ein Wendepunkt für die Zukunft der Region», sagte der Hamas-Sprecher Fausi Barhum.

 

jag/mat/cvd/news.de/dapd/dpa

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