Ägypten Anarchie in Kairo

Chaos in Ägypten: Bei den Unruhen starben bis Sonntag mindestens 150 Menschen. Nobelpreisträger El Baradei schließt sich trotz Hausarrest den Demonstranten an, während der Westen weiter demokratische Reformen und Meinungsfreiheit fordert.

Nach der politischen Revolte droht Ägypten in Anarchie zu versinken: Plünderer, Brandstifter und Räuber terrorisieren die Bevölkerung in vielen Landesteilen. Bis Sonntag starben 150 Menschen bei den Unruhen. Aus Gefängnissen brachen - mit Hilfe von außen - tausende Insassen aus, darunter Schwerverbrecher und islamistische Extremisten. Die Proteste gefährden auch die antiken Kunstschätze des Landes. Im Ägyptischen Museum, wo der Schatz des Tutanchamun ausgestellt ist, kam es zu Plünderungen und Zerstörungen. Arabische Fernsehsender zeigten Bilder von umgestürzten Figuren und eingeschlagenen Vitrinen in der weltberühmten Antikensammlung.

Merkel telefoniert mit Mubarak

Dem seit 30 Jahren regierenden Präsidenten Husni Mubarak gelang es auch mit Medienzensur, einer Fernsehansprache und einer neuen Führungsriege nicht, die Massenproteste gegen ihn zu stoppen. Kanzlerin Angela Merkel drang in einem Telefongespräch mit Mubarak auf eine friedliche Lösung des Konflikts.

Am Sonntag, dem sechsten Tag der Proteste, versammelten sich bis zum Abend wieder mehrere zehntausend Menschen im Zentrum Kairos. Die Demonstranten, die sich von tief fliegenden Kampfjets und Hubschraubern nicht beeindrucken ließen, forderten lautstark «Wandel, Freiheit und soziale Gerechtigkeit». Hoffnungsträger Mohammed el Baradei, der sich den Demonstranten ungeachtet seines Hausarrests anschloss, forderte Mubaraks Rücktritt und die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit.

Der greise Präsident hält an seinem Amt fest und versprach in seiner Ansprache «neue Schritte hin zu mehr Demokratie» und eine Verbesserung des Lebensstandards. Am Samstag ernannte er Geheimdienstchef Omar Suleiman zu seinem Stellvertreter. Der auch in den USA und Israel geschätzte General wird schon länger als möglicher Nachfolger des 82-jährigen Staatschefs gehandelt. Das neue Kabinett wird von Geheimdienst und Militär dominiert. Der frühere Luftwaffenstabschef Ahmad Schafik ist neuer Ministerpräsident.

Militär löste die Polizei ab

Das Militär löste vielerorts die Polizei ab, die mit den Massenprotesten überfordert und brutal gegen Demonstranten vorgegangen war. Soldaten sicherten Regierungs- und Behördengebäude in großen Städten mit Panzern, am Sonntag rückte die Armee auch in Teile der Touristenregion Scharm el Scheich am Roten Meer ein.

Abseits großer Plätze versuchten die Menschen mit Bürgerwehren, sich dem kriminellen Mob entgegenzustellen, der Geschäfte und Geldautomaten plünderte, Hotels verwüstete, Häuser anzündete und selbst die berühmte Antikensammlung des Ägyptischen Museums nicht verschonte. Hier sollen sogar Wachpersonal und Polizisten beteiligt gewesen sein.

Unter Ausländern wächst die Furcht vor dem Chaos. Angesicht der unsicheren Lage versuchen Hunderte Ausländer, die Millionenstadt Kairo zu verlassen. Einige Staaten begannen damit, ihre Staatsbürger aus dem Krisenland auszufliegen. Deutschland zunächst nicht: Man beobachte die Entwicklung genau, hieß es aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Auf dem internationalen Flughafen von Kairo warteten am Sonntag Tausende vor dem Chaos geflüchtete Ausländer auf eine Chance zur schnellen Abreise.

Ägypten: Der Aufstand der Unterdrückten

Viele Deutsche machten sich aus Außenbezirken Kairos auf den Weg in Richtung des Stadtteils Zamalek, der als Insel im Nil liegt und deswegen von der ägyptischen Armee besser geschützt werden könnte. Dort liegen auch zahlreiche Botschaften und ausländische Stiftungen. Im Großraum Kairo lebten vor Beginn der Unruhen schätzungsweise 5000 bis 7000 Deutsche. Laut deutschem Reiseverband sollten bis Sonntagabend alle Kunden deutscher Reiseveranstalter die Hauptstadt Kairo verlassen haben.

Touristen werden aus Kairo ausgeflogen

Die Armee nahm bei Einsätzen gegen Plünderer rund 450 Menschen fest. Allein in den Städten Alexandria und Ismailija hätten Soldaten mehr als 250 Kriminelle festgesetzt, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija am Sonntag. Sie sollen vor Militärgerichte kommen. Trotz nächtlicher Ausgangssperre griffen Kriminelle selbst Krankenhäuser an und raubten sie aus.

Deutschland, Frankreich und Großbritannien riefen die ägyptische Regierung und die Demonstranten zum Gewaltverzicht auf. In einer gemeinsamen Erklärung forderten Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premierminister David Cameron den 82-jährigen Mubarak auf, einen Transformationsprozess einzuleiten hin zu einer «Regierung, die sich auf eine breite Basis stützt, sowie freien und fairen Wahlen».

Die USA machten ihrem wichtigen Verbündeten Ägypten deutlich, dass es mit dem Regierungswechsel nicht getan sei. US-Präsident Barack Obama Barack drängte Mubarak zur Umsetzung der Reformversprechen. «Ich habe ihm gesagt, dass er die Verantwortung hat, seinen Worten eine Bedeutung zu geben», sagte Obama in Washington. Zudem drohte das Weiße Haus Einschnitte bei der milliardenschweren Hilfe für Kairo an. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon Ban rief auf dem Gipfeltreffen der Afrikanischen Union zu Besonnenheit, Gewaltlosigkeit und Einhaltung der Menschenrechte in Ägypten auf.

cvd/news.de/dpa

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • oliver
  • Kommentar 1
  • 31.01.2011 09:58

Die Mullahs müssen entmachtet werde:"Iman ist nicht zu hause", sonst wird das nichts mit der Demokratie! Islamisten aus dem Gefängis, wir sollten in Deutschland unsere Grenzen dicht machen und alle Muselmanen nach Ägypten bringen, ganz besonders die Salafiden!

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