Kinderhilfe-Chef «Die Bundeswehr ist für Afghanistan unerheblich»

Eroes (Foto)
Reinhard Erös im Gespräch mit Dorfältesten und religiösen, talibannahen Führern im Jahr 2009. Bild: Kinderhilfe Afghanistan

Von news.de-Redakteur Timo Nowack
Er baut Schulen in Afghanistan: Reinhard Erös kennt sich am Hindukusch aus wie kaum ein anderer Deutscher. Im Interview erklärt er den Einsatz der Bundeswehr für überflüssig und sagt, warum er den Taliban Mädchenschulen nicht aufdrängen muss.

Die deutschen Politiker debattieren gerade über Abzugsperspektiven der Bundeswehr aus Afghanistan. Was würde es in Ihren Augen bedeuten, wenn die deutschen Soldaten das Land verlassen?

Erös: Ob die Bundeswehr in Afghanistan bleibt oder abzieht, ist für das Land völlig unerheblich. Denn sie ist militärisch ein Gartenzwerg mit gerade einmal 5000 Mann im Norden, von denen nur rund ein Sechstel für militärische Einsätze aus den Hochsicherheitscamps herauskommt. Zum Vergleich: Im Südosten, wo wir mit der Kinderhilfe arbeiten, sind 100.000 Amerikaner stationiert - mit Kampfhubschraubern, -flugzeugen und Drohnen. Nur politisch spielt es eine Rolle, ob mit Deutschland einer der großen Nato-Partner das Land verlässt.

Afghanistan
Wie geht's weiter am Hindukusch?

Braucht es nicht den Schutz der Bundeswehr, um den zivilen Wiederaufbau zu sichern?

Erös: Der Großteil der deutschen Hilfsorganisationen bettelt nicht um den Schutz den Bundeswehr, sondern empfindet ihn eher als gefährdend. Unsere Erfahrung im Südosten ist: Nicht Sicherheit ist Voraussetzung für Wiederaufbau und Entwicklung, sondern umgekehrt. Unsere Projekte wie Waisenhäuser, Schulen, Krankenstationen sind nur möglich und sicher, weil wir den amerikanischen Soldaten den Zutritt verweigern. Deshalb ist auch noch nie einem unserer Schüler oder Mitarbeiter ein Haar gekrümmt worden, keine unserer Schulen wurde je bedroht oder gar angegriffen.

Wie gelingt Ihnen das? In Deutschland hört man immer wieder von Schulen, die attackiert oder geschlossen werden.

Erös: Ja, aber das sind fast alles Schulen, die vom westlichen Militär aufgebaut oder «beschützt» wurden. Das ist bei uns nicht der Fall. Wir bauen unsere Schulen auf Augenhöhe mit den Einheimischen. Die Regierung in Kabul und auch die deutsche Politik haben damit nichts zu tun. Wir finanzieren uns ausschließlich über private Spenden und das wissen die Menschen. Den Bau einer Einrichtung sprechen wir ab mit den regionalen Behörden, den Stammes- und Dorfältesten, mit den religiösen und talibannahen Leuten. Erst dann, wenn ein Konsens besteht, beginnen wir. Und am Bau sind keine Firmen aus dem Ausland und keine teuer bezahlten Berater beteiligt, sondern die Einheimischen bauen die Schulen selbst.

Wie überzeugen Sie einen Talibanführer oder einen paschtunischen Clanchef vom Bau einer Mädchenschule?

Erös: Ich muss sie gar nicht überzeugen. Die kommen mittlerweile auf mich zu mit dem Wunsch, eine Schule, auch eine Mädchenschule, oder ein Waisenhaus zu bauen.

Habe ich das richtig verstanden? Die Taliban kommen zu Ihnen und sagen, sie wollen eine Mädchenschule?

Erös: Ja, das ist das Normale. Deutsche Medien tun immer so, als müsste man den Afghanen den Bau einer Schule quasi beibringen und Überzeugungsarbeit leisten, damit diese dummen, archaischen Leute den Sinn von Bildung kapieren. Aber das ist grundfalsch und entwürdigend. Wir haben vielmehr Mühe, allen Wünschen nach dem Bau von Mädchenschulen nachzukommen. Ich habe noch nirgendwo auf der Welt so einen großen Bildungshunger erlebt wie in Afghanistan. Und jedem, der sich über das Land informieren will, kann ich nur raten, in Schweizer oder englischsprachige Medien reinschauen. Die berichten wesentlich korrekter und differenzierter.

Also ist der Eindruck falsch, dass die Taliban Bildung für Frauen und Mädchen verhindern wollen?

Erös: Ja, heute ist das falsch. Man kann mit den Taliban darüber reden. Sie wollen nur keine westlichen Schulen mit westlichem Lehrinhalt, mit islamkritischen oder islamneutralen Lehrbüchern und amerikanische Soldaten als Erbauer oder Beschützer. Wenn es aber eine afghanische Schule mit afghanischen Lehrinhalten ist, gibt es mit den Taliban kein Problem.

Haben Ihre Schulen einen einheitlichen Lehrplan?

Erös: Ja, genau wie in Deutschland. Allerdings ist es oft schwierig, ihn umzusetzen, denn die Qualität und Anzahl der Lehrer ist ein großes Problem, gerade in Naturwissenschaften in den gymnasialen Oberstufen. Besonders bei den Mädchenschulen ist es schwierig, Frauen als Lehrer für Physik, Mathematik und Chemie zu gewinnen. Aber der Lehrstoff ist vorgegeben vom Ministerium für Erziehung in Kabul. Dazu gehört, dass vier bis fünf Stunden pro Woche normaler afghanischer Islam unterrichtet wird. Genau wie bei uns der Religionsunterricht.

Auch in der Politik wird darüber diskutiert, mit den Taliban zu verhandeln. Für manchen in Deutschland klingt das absurd oder wie ein Einknicken. Ist es in Ihren Augen sinnvoll?

Erös: Ja, man muss mit den Taliban sprechen. Durch ihre Größe, Bedeutung und Durchhaltefähigkeit kann man sie nicht einfach übergehen. Doch die Politik hat sieben Jahre lang so getan, als wäre das möglich. Und jetzt, wo die Taliban immer stärker werden, erkennt man, dass man doch mit dem Feind sprechen muss. Aber nun ist das Problem anders gelagert: Die Taliban sehen sich auf der Siegerstraße und haben gar keinen Grund mehr, mit dem Westen zu verhandeln. Hier hat die westliche Politik, wie in so vielen Bereichen in Afghanistan, auf folgenschwere Weise versagt.

Wäre Afghanistan ohne die internationalen Truppen heute besser dran?

Erös: Viel besser. Die Voraussetzung, dass es in Afghanistan vorwärts geht, ist der Abzug der Nato und zwar so schnell wie möglich. Die westlichen Soldaten in Afghanistan sind Teil des Problems und vielleicht sogar der größte Teil.

Was wünschen Sie sich für Afghanistan, was sollte ein Ziel auch für uns in Deutschland sein?

Erös: Die Afghanen endlich nicht mehr wie Kinder zu behandeln, sondern ihnen zu vertrauen und es ihnen zu überlassen, wie sie ihre Zukunft gestalten. Außerdem dürfen wir nicht mehr auf die arroganten und korrupten Spitzenpolitiker und Wirtschaftsleute in Kabul setzen, die das Geld dann nach Abu Dhabi oder Dubai schaffen. Wir müssen endlich das Militär herunterfahren und uns um die afghanische Jugend kümmern. In dem Land sind 60 Prozent aller Menschen unter 15 Jahren. Diese Generation wird in 10 oder 15 Jahren die Geschicke des Landes bestimmen. Auf ihre Bildung und Ausbildung müssen wir unseren Schwerpunkt beim Wiederaufbau legen.


Der ehemalige Bundeswehrarzt Reinhard Erös, Jahrgang 1948, betreibt mit seiner Familie die Kinderhilfe Afghanistan. Mithilfe von einheimischen Mitarbeitern gründen und betreuen sie in den Ostprovinzen Schulen, Mutter-Kind-Kliniken, Gesundheitsstationen, Waisenhäuser und andere Projekte. Erös kennt das Land schon lange: Bereits 1986 war er dort für eine Hilfsorganisation unterwegs und versorgte afghanische Mudschaheddin medizinisch im Krieg gegen die sowjetischen Truppen am Hindukusch.

mat/ivb/news.de

Leserkommentare (12) Jetzt Artikel kommentieren
  • NOSKE
  • Kommentar 12
  • 26.01.2011 16:22
Antwort auf Kommentar 11

"...eine Armee muss Kultuspolitik durchsetzen..." Von dem Schwachsinn hat wohl keiner gesprochen, außer vielleicht Struck und Genossen. Von den, außer "politisch"..., völlig sinnlosen Toten wird kaum gesprochen. Der Weltpolitik waren Leichen schon immer egal, think big ! Auch die BW wäre völlig überfordert, Kultur zu verbreiten. Also reduziert sie sich auf das Abknallen. Flagge zeigen ! Schuld an jedem Toten hat sowieso rot-grün. Klare Sache, weiter machen !

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 11
  • 26.01.2011 15:07
Antwort auf Kommentar 10

Das Gesülze von Erös passt zu dem der Lasterhaften in der politischen Szene.Die sozialdemokratische Chaotentruppe hat die Bundeswehr mit dem Auftrag "Brücken u. Schulen zu bauen in die Hölle von Afg. geschickt: Friedenserzwingung lautete der Parlamentsbefehl und Herr Struck ergänzte, die Sicherheit Deutschlands werde verteidigt. Rot/Grün konstruierte einen Kulturauftrag durch das deutsche Militär. Und nun kommen diese rot-grünen Pfeifen und klagen die heutige Regierung an. Neben dieser Horde hat noch niemand behauptet, dass eine Armee Kultuspolitik durchsetzen muss. Schweige er, mich ekelt!

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  • EKEL
  • Kommentar 10
  • 26.01.2011 13:57
Antwort auf Kommentar 9

Wer keine echten Argumente hat, kommt mit Diffamierungen wie "Gesülze". Das überzeugt alles nicht. Veränderungen kommen letztlich nicht durch Gewalt auf beiden Seiten, sondern langfristig durch die Kultur. Taliban hat angeblich keine. Also viel mehr Kultur durch uns, die Afghanistan (bzw sich) helfen wollen, und die BW nur so lange, wie angeblich sinnvoll. Der Schreiber möchte einen mundtot machen, weiß nicht, wie man diskutiert.

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