Chaos in Tunesien Neuer Präsident regiert die Hölle

Brandstiftungen, Schüsse und Plünderungen - in Tunesien regiert das Chaos. Ein neuer Übergangspräsident solls richten: Foued Mbazaa. Es ist der zweite Wechsel an der Spitze des nordafrikanischen Staates innerhalb von nur 24 Stunden.

Tunesien im Chaos: Brände und Präsidenten-Wechsel (Foto)
Tunesien im Chaos: Brände und Präsidenten-Wechsel Bild: dpa

Erst am Freitag hatte Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi im Staatsfernsehen erklärt, er habe die Macht nach der Flucht von Staatschef Ben Ali und seiner Familie aus Tunesien übernommen.

Mbazaa, der bisher Präsident des Unterhauses des Parlaments war, forderte den Ministerpräsidenten des Landes zur Bildung einer Einheitsregierung auf. Im Interesse des Landes müssten «ohne Vorbehalte und ohne Ausnahmen» alle politischen Parteien beteiligt werden, auch die Opposition, sagte er in einer ersten Fernsehansprache. Das Verfassungsgericht kündigte Neuwahlen innerhalb von zwei Monaten an.

Ausnahmezustand in Tunesien

In Tunesien herrscht weiter der Ausnahmezustand. Plünderer zogen durch die Straßen der Städte und setzten in Tunis den Hauptbahnhof in Brand. Immer wieder waren Schüsse in der Hauptstadt zu hören. Vor dem Innenministerium in Tunis lieferten sich Soldaten und Polizisten ein Feuergefecht mit Angreifern. Journalisten der Nachrichtenagentur AP beobachteten, wie zwei Menschen nach dem Schusswechsel am Boden lagen. Ob sie tot oder verletzt waren, war unklar. Auf den Dächern des Innenministeriums wurden Scharfschützen gesehen.

Bei einem Gefängnisbrand in der Küstenstadt Monastir starben 42 Gefängnisinsassen, wie ein Gerichtsmediziner erklärte. Die Ursache des Feuers war zunächst unbekannt. Ein Beamter erklärte, in einer Haftanstalt in der Küstenstadt Mahdia sei es zu einem Aufstand gekommen, in dessen Folge Soldaten das Feuer auf Häftlinge eröffnet hätten. Dabei seien Matratzen und andere Objekte in Flammen aufgegangen. Nach Schätzungen des Beamten kamen fünf Menschen ums Leben. Um weitere Tote zu verhindern, habe der Gefängnisdirektor rund 1000 Insassen freigelassen.

Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender TV7 übertrug Anrufe von Anwohnern eines Arbeiterviertels am Stadtrand von Tunis, die berichteten, sie würden in ihren Häusern von bewaffneten Angreifern bedroht. «Das ist gar nicht gut. Ich habe Angst um meine Kinder und um mich», klagte eine Anwohnerin. Die großen deutschen Reiseveranstalter holten ihre Urlauber aus dem krisengeschüttelten Land nach Hause.

Nach wochenlangen blutigen Unruhen war Staatschef Ben Ali am Freitag untergetaucht. Das saudische Königshaus bestätigte am Samstag, dass Ben Ali und seine Familie in Saudi-Arabien gelandet seien. Die Entscheidung, ihm die Einreise zu erlauben, sei mit Blick auf die «außergewöhnlichen Umstände» getroffen worden, die das tunesische Volk gerade durchmache, hieß es. Man wünsche den Menschen in Tunis Frieden und Sicherheit.

Tausende Demonstranten hatten am Freitag in Tunis den Rücktritt des Präsidenten gefordert. Sie skandierten Parolen wie «Ben Ali - raus» oder «Ben Ali - Mörder». Wie viele Menschen bei den Protesten gegen die Regierung in den vergangenen Wochen getötet wurden, ist bisher nicht geklärt. Von offizieller Seite hieß es, bei den Unruhen seien mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen. Die Opposition geht hingegen von mehr als 60 Opfern aus.

Merkel fordert Einführung «wirklicher Demokratie»

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) appellierte an den neuen tunesischen Übergangspräsidenten Mbazaa, die angespannte Lage für einen Neuanfang in dem nordafrikanischen Land zu nutzen. «Gehen Sie auf die protestierenden Menschen zu und führen Sie wirkliche Demokratie ein», forderte Merkel nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert am Samstag in Berlin Mbazaa auf. Es sei unabdingbar, die Menschenrechte zu respektieren sowie Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit zu garantieren. Die Kanzlerin versicherte, Deutschland und die Europäische Union würden das Land bei einem solchen Neuanfang unterstützen. US-Präsident Barack Obama verurteilte die Gewalt gegen die Demonstranten. Gleichzeitig lobte er den Mut der Menschen in Tunesien.

TUI und Thomas Cook holen Reisende zurück

TUI und Thomas Cook wollen mit zahlreichen Sondermaschinen Reisende nach Deutschland zurückfliegen. Die ersten Urlauber von Thomas Cook waren bereits am späten Freitagabend wohlbehalten in ihrer Heimat zurückgekehrt. TUI sagte alle geplanten Flüge bis einschließlich 24. Januar nach Tunesien ab. Es sei derzeit nicht zu verantworten, weitere Urlauber in das Land zu schicken, sagte der Leiter des TUI-Krisenstabes, Ulrich Heuer. Thomas Cook hat bis einschließlich 21. Januar alle Reisen von Deutschland nach Tunesien abgesagt. Die Veranstalter der Thomas Cook AG bieten ihren Gästen mit Abflug bis einschließlich 31. Januar die kostenlose Umbuchung ihrer Tunesien-Reise an.

rzf/news.de/ap

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