Katrin Poleschner «Als ob wir das nicht selber könnten»

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Katrin Poleschner Bild: dapd

Juliane ZiegengeistVon news.de-Mitarbeiterin
Sie ist das weibliche Gesicht der Jungen Union Bayern. Katrin Poleschner hat das ganz ohne eine Frauenquote geschafft. Im Interview mit news.de erklärt die Jungpolitikerin, warum sie eine solche Quote für undemokratisch hält und wie es auch anders geht.

Sie kommen gerade aus einer Sitzung. Wie viele Frauen waren dabei?

Katrin Poleschner: Wir waren nur zu zweit und wir waren beide Frauen (lacht). Aber in der Abteilung, in der ich beruflich tätig bin, sind mehrheitlich Frauen beschäftigt. Das ist die Abteilung für Fachreferate, Politik- und Parteiarbeit nennt sie sich. Dort betreuen wir Fachgemeinschaften und Arbeitskreise. Ich bin für den Bildungs- und Hochschularbeitskreis und für die Senioren-Union tätig. Dabei habe ich vor allem administrative Aufgaben, und das sind möglicherweise vor allem Frauenaufgaben - auch wenn das komisch klingt. Mit meiner politischen Schiene hat das aber eher wenig zu tun.

Die CSU hat Ende Oktober die Frauenquote beschlossen. Die Junge Union und auch Sie waren dagegen, warum?

Poleschner: Wir sprechen hier von einer Frauenquote in Parteien. Und da ist speziell für mich das entscheidende Argument: Eine Partei strukturiert sich demokratisch hierarchisch, da werden Personen in bestimmte Ämter gewählt. Und wenn jemand gewählt wird, dann muss das einfach in einer freien Wahl passieren.

Wer mir aber vorschreibt, wen ich zu wie viel Prozent zu wählen habe, der nimmt mir die Freiheit meiner Wahl. Das ist nicht mehr demokratisch. Es ist sicherlich überdenkenswert, an der ein oder anderen Stelle gezielt mehr Frauen einzusetzen. Aber die Wahl muss eine Wahl bleiben. Und das passiert nur, wenn tatsächlich jeder für ein Amt kandidieren kann und tatsächlich jeder eine zumindest theoretisch gleiche Chance hat, gewählt zu werden.

In einigen Parteien scheint die Quote ja aber tatsächlich zu helfen, mehr Frauen an Politik heranzuführen...

Poleschner: Das stimmt natürlich. Durch eine festgeschriebene Quote zementiere ich ganz automatisch, dass bestimmte Positionen mit Frauen besetzt werden. Die Frage ist nur, lösen wir damit erstens Probleme, und zweitens sind wir damit tatsächlich alle vergleichbar. Beides muss ich verneinen. Dadurch, dass wir Frauen in Entscheidungspositionen haben, werden Entscheidungen sicherlich weiblicher, und das ist auch gut so. Einfach weil eine Frau manchmal anders denkt, und das ist ebenfalls gut so. Ich habe damit selbst genug Erfahrung, in einer Fraktionsgemeinschaft des Gemeinderats mit zwölf Männern und mir.

Aber ich glaube nicht, dass wir mit einer Frauenquote tatsächlich mehr Frauen für Politik und politisches Engagement begeistern können. Weil Frauen sich aus anderen Gründen und nicht etwa wegen Machtstreben politisch interessieren oder engagieren. Frauen, und das trifft auf mich und auf viele andere zu, mit denen ich gesprochen habe, wollen in der Sache Dinge bewegen und mitmachen dürfen. Und wenn man ihnen diese Möglichkeit gibt, dann können und werden sie sich auch engagieren.

Es sind vor allem jüngere Frauen, die gegen eine Quote sind. Ältere Frauen in der CSU plädieren dafür. Woran liegt das? Spielt da auch ein Generationenkonflikt eine Rolle?

Poleschner: Ja, da bin ich relativ sicher. Wir Frauen von heute, also jüngere Frauen, meine Generation, wir glauben, und das ist gleichzeitig der Vorwurf, dass die Sache heute anders aussieht als noch vor 30 Jahren. Da mussten sich Frauen in der Politik vielleicht noch eher beweisen. Da war das Frauenwahlrecht, sowohl das passive als auch das aktive, noch nicht allzu alt. Da haben sich Frauen wie Alice Schwarzer in Frauenbewegungen engagiert haben. Das alles ist relativ weit weg von uns.

Ich persönlich habe in der Jungen Union - dort gibt es 30 Prozent Frauen - nicht die Erfahrung gemacht, dass es ein Problem ist, Frau zu sein. Ich bin vielleicht auch anders aufgewachsen. Meine Mutter war ganztags berufstägig, das war überhaupt keine Frage. Für mich war es völlig normal, die gleichen Aufgaben erfüllen zu müssen wie mein Bruder. Und für mich ist es bis heute ganz klar, dass Frauen arbeiten gehen. Ich kenne es nicht anders.

Ältere Kolleginnen sind vielleicht anders aufgewachsen. Deren Mütter waren vielleicht Hausfrauen. Und sie hatten es sicherlich schwer, sich politisch durchzusetzen - da habe ich höchsten Respekt vor. Sie haben damit auch den Weg für uns geebnet. Das Verständnis für die ältere Generation von Frauen in der Politik ist also durchaus da. Aber wir sind an einem Punkt, wo ich glaube, dass wir auch aus eigener Kraft schaffen können, wofür sie die Quote brauchten oder gebraucht hätten. Ich verstehe nicht, warum man Frauen in einer Opferposition sehen muss, aus der heraus sie zu irgendetwas gebracht werden müssen. Als ob wir das nicht selber könnten.

Woran liegt es denn überhaupt, dass es noch immer verhältnismäßig wenig Frauen in der Politik gibt - sowohl bei den Parteimitgliedern als auch in Führungspositionen? Liegt es an der Frau oder der Politik?

Poleschner: Ich glaube, dass es an allem ein bisschen liegt. Es liegt an unserer Partei als solches, die Kernkompetenzen zugeschrieben bekommt in harten Themen wie Wirtschaftspolitik, Sicherheitspolitik, Steuerpolitik. Das sind Bereiche, die tendenziell sehr weit weg sind von Frauen. Das ist natürlich sehr stereotypisierend und verallgemeinernd. Ich zum Beispiel bin ein großer Fan von Sicherheitspolitik. Aber generell interessieren sich Frauen vielleicht eher für Gesundheit, Bildung, gesunde Ernährung, Kinderbetreuung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das sind Themen, bei deinen wir uns in unserer Partei noch stärker positionieren können, um für Frauen attraktiv zu werden.

Das heißt, einerseits ist es die Partei selbst und ihre Programmatik. Andererseits ist es aus meiner Erfahrung so, dass Frauen sich einfach in anderen Bereichen, etwa sozial, unheimlich gern engagieren, oder im Elternbeirat sitzen. Die Männer tun das eben lieber am Stammtisch bei einer politischen Partei. Ich glaube nicht, dass das unbedingt falsch sein muss. Ich selbst habe ein größeres Interesse daran, mich mit Bildungspolitik zu beschäftigen als mit Steuerpolitik. Und da habe ich auch kein schlechtes Gewissen. Ein wichtiger Punkt ist, dass Frauen und Männer das noch akzeptieren müssen.

Außerdem muss der Mann kapieren, dass er mit einer Frau reden kann, sie auch mal fördern kann, dass man sie mitnehmen muss und motivieren darf. Das sind Dinge, die Männern untereinander, glaube ich, immer noch leichter fallen. Gleichzeitig sollten Frauen sich ein bisschen mehr zutrauen und auch gerne mal mehr Verantwortung übernehmen wollen. Denn oft sagt die Frau: Es macht mir gar nichts, in der zweiten Reihe aktiv zu sein, ich finde das super, ich kann mich auch da einbringen. Das «Machtstreben», das nicht Selbstzweck der Politik sein sollte, ist vielleicht bei Männern stärker ausgeprägt.

Hat es möglicherweise auch mit den politischen Strukturen zu tun, dass sich weniger Frauen politisch engagieren? Lange Sitzungen, auch nachts, heben den normalen Rhythmus eines Privatlebens mit Kindern und Partnerschaft ziemlich aus den Fugen.

Poleschner: Die einfache Antwort ist «Ja», denn auch das ist ein Grund. Aber auch hier muss man differenzieren. Zum Beispiel finden Nachtsitzungen, überlange Sitzungen, vielleicht auch am Wochenende, vor allem auf Bundestagsebene, im Kabinett oder Koalitionsausschuss statt. Politisches Engagement fängt aber weiter unter an, meist mit ganz normalen Sitzungen zu annehmbaren Zeiten nach der Berufstätigkeit. Die Frau von heute ist berufstätig und deswegen behaupte ich einfach mal, eine Sitzung, die abends um 19 Uhr stattfindet, kommt uns allen entgegen - egal, ob man ein berufstätiger Mann oder eine berufstätige Frau ist, oder eben eine Mutter. Und darauf wird schon vielerorts Acht gegeben.

Das ist vielleicht auch nur ein Image der Politik, genauso wie dass man sich durchboxen muss und dass es nur mit Macht und Streben nach Ämtern zu tun hat. Daran müssen wir arbeiten. Denn tatsächlich möchten die, die sich engagieren, an der Gestaltung der eigenen Kommune mitwirken, ein bestimmtes Thema vertreten und sich dafür einsetzen.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Frau es auch ohne Quote in die Politik schafft.

Wäre eine politische Imagepflege denn auch Teil einer bewussten Frauenpolitik?

Poleschner: Der Weg ist definitiv ein Weg der Imagepflege und auch der Themensetzung. Das hängt eng miteinander zusammen. Es geht darum, ein bewusstes Signal zu setzen und zu sagen, ihr seid gewünscht, wir kämpfen um euch. Das setzen wir im nächsten Jahr um. Dann wird die CSU das Jahr der Frauen ausrufen. Wir wollen bewusst zeigen, dass wir schon viele tolle Frauen bei uns haben.

Dazu werden wir unter anderem einen Preis ausloben, den eine besonders engagierte Frau kriegt oder vielleicht sogar ein besonders engagierter Mann, der sich für Frauen einsetzt - und zwar unabhängig davon, ob in Politik, Wirtschaft oder Kultur. Wir wollen zeigen, dass wir gar nicht so männerstrukturiert und männerdominiert sind, wie es vielleicht aussehen mag. Im Gegenteil: Ich habe eine total tolle Truppe an jungen Frauen gefunden, die mit mir zusammen Politik machen. Alle sind superengagiert. Das muss man kommunizieren.

Was sagen eigentlich Ihre männlichen Kollegen in der Politik zu dieser Diskussion?

Poleschner: (lacht) Also die jüngeren Männer sagen alle: Wir brauchen euch doch sowieso, das ist doch ganz normal. Jeder, der mit mir spricht, sagt, an dir speziell sieht man, dass es auch ohne Quote funktioniert. Die möchte aus meinem engeren Kreis niemand, auch von den Männern nicht.

Man will also Frauen in der Politik, man braucht Frauen in der Politik. Was würde sich denn mit mehr politisch engagierten Frauen ändern?

Poleschner: Politik hat die Aufgabe, die Bevölkerung und ihre Interessen zu vertreten. Und es sind nunmal 53 Prozent der Bevölkerung in Deutschland Frauen. Das heißt, durch die vermehrte Repräsentanz von weiblichen Entscheidungsträgern ist die Identifikation sehr wahrscheinlich höher. Speziell auf meine Partei bezogen, glaube ich, dass mit mehr Frauen die Themen auch mit einem weiblichen Aspekt diskutiert werden würden und dass die Politik insgesamt etwas sensibler wird. Weil Frauen einfach ein bisschen emotionaler und sensibler sind, sie gehen anders an Themen heran.

Und vor allem - das hören die Männer sehr ungern - glaube ich, wir sind weitaus fachorientierter und pragmatischer veranlagt. Diese Erfahrung mache ich, wenn ich mit Frauen spreche, die sich in meiner nächsten politischen Umgebung engagieren. Dann unterhalten sie sich meistens über Themen, und zwar sach- und sehr lösungsorientiert. Während Männer viel über Personal sprechen und über Machtwirkungen und eigene Imagepflege.

Warum Sie eine Frauenquote in der Politik ablehnen, wissen wir jetzt. Und Sie würden sich wahrscheinlich bei einer erneuten Abstimmung wieder dagegen entscheiden...

Poleschner: Ja.

...was halten Sie dann von einer Frauenquote in der Wirtschaft?

Poleschner: Ich bin generell gegen Frauenquoten. Aber ich finde es sehr interessant, wenn ein Unternehmen, das das Potential hat, Frauen und Männer gleich zu fordern und zu fördern, sagt: Wir erkennen die Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern an und möchten gezielt mehr Frauen in Führungspositionen bringen. Für ein Unternehmen, das die Voraussetzungen dazu hat, nämlich genügend potentiell gute Frauen, die auch den Wunsch haben, das zu machen, finde ich das gut.

Als Politikerin bin ich allerdings gegen eine staatliche Verordnung der Frauenquote für Unternehmen. Jedes Unternehmen muss selbst so verantwortungsvoll sein, das heißt, ich muss ihm zutrauen können, dass es das selbst entscheiden kann. Ich kann keinem technischen Unternehmen, in dem es zehn Prozent Frauen gibt, plötzlich eine 30-Prozent-Quote für Führungspositionen aufdrücken. Das funktioniert nicht.

Diese Generalität, dass die Politik meint, sie könnte die Frauenquote einfach auf jedes Unternehmen übertragen, halte ich für falsch. Da bin ich für die freie Entfaltung jedes Unternehmens. Und wenn es klug ist, dann braucht es diese Quote nicht, weil dann passiert es ganz automatisch. Weil die Leute, die an den Entscheidungshebeln sitzen, wissen, welches Potential in Frauen steckt, dass sie die besseren Abschlüsse machen und sie eigentlich die Bildungsgewinner sind. Und weil sie wissen, dass sie auf die Frauen wegen des Fachkräftemangels nicht länger verzichten können. Deswegen glaube ich tatsächlich, dass sich so vieles von alleine regeln wird in den nächsten Jahren. Manchmal schafft die Not auch die Konsequenzen.

Sie haben sich auch ohne Quote durchgesetzt. Was braucht man oder besser Frau, um in der Politik erfolgreich zu sein?

Poleschner: Ich glaube, man braucht nichts anderes als Männer auch. Wichtig ist der Wille, etwas zu verändern oder zu bewahren. Politik ist beides: Es geht um Veränderung, aber auch darum das, was gut ist, zu bewahren. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, braucht man auf jeden Fall. Wer sich vor Ämtern drückt, wird nie in entscheidende Positionen kommen. Das heißt, man braucht auch das Selbstbewusstsein, sich solche Ämter und Aufgaben zuzutrauen. Ich glaube, da machen es sich Männer sehr viel leichter. Die fragen sich nicht großartig, traue ich mir das zu, die tun es einfach.

Dieser Arbeitswille und der Wille, etwas zu bewegen, muss einfach da sein. Und dann muss man auch mit den Konsequenzen leben. Ich habe das, glaube ich, immer gezeigt. Wenn mich jemand gefragt hat, ob ich mir dies oder jenes vorstellen könnte, dann habe ich mir das überlegt. Und wenn ich festgestellt habe, ja, ich traue mir das zu, habe ich dafür kandidiert. Gewählt werden muss man dann schon noch (lacht) - aber das muss auch ein Mann.

Was wünschen Sie sich für die politische Zukunft?

Poleschner: Ich wünsche mir, dass wir mehr Frauen werden, dass es mehr von uns gibt. Es wäre schön, wenn wir insgesamt ein besseres Miteinander hätten, eine bessere Kommunikation. Es ist eben einfach toll, wenn man noch eine andere Frau - oder auch zwei oder drei - hat, mit denen man dieses Engagement teilen kann. Da bin ich ein totaler Teamplayer. Also: mehr davon!

Und Sie sehen in zehn Jahren auch noch in der Politik, vielleicht dann mit Kindern?

Poleschner: Schau'n wir mal. In der Politik ist nichts planbar. Man muss klare Ziele haben. Momentan ist mein Ziel weiterzumachen. Aber mein Ziel ist auch, irgendwann Familie zu haben. Und im Zweifel lasse ich es drauf ankommen. Aber das eine oder das andere einfach wegzulassen, weil man glaubt, dass es dem anderen möglicherweise schadet, das lehne ich ab.

 

Katrin Poleschner ist 26 Jahre alt und stammt aus Elchingen im schwäbischen Teil von Bayern. Sie ist stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Union Bayern und arbeitet in der CSU-Landesleitung in München als politische Referentin für Bildung, Kultur, Hochschule und Senioren.

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