Terrorwarnungen
Keine Macht der Angst

Er lauert hinter jeder Ecke, könnte man meinen. Der Terror scheint dieser Tage allgegenwärtig. Und die Terrorangst auch. Aber nicht jeder macht mit beim Spiel mit der Angst. Im Internet formiert sich sogar eine Anti-Angst-Community.

Im Blog wirhabenkeineangst.de ist der Name Programm: Zahlreiche User widersetzen sich in Text und Bild der Terrorhysterie. Bild: news.de (Screenshot)

«Ich habe keine Angst vor Terror. Ich habe ihn in diesem und anderen Ländern gesehen und ich beuge mich ihm nicht. Angst zu schüren ist sein Ziel und ich verweigere es ihm», schreibt ein User auf wirhabenkeineangst.de. Der Blog des Düsseldorfer Journalisten Mario Sixtus ging am Montag online und hat seitdem über 300 Beiträge generiert. Beiträge von Familienvätern, Schwangeren und «kettenrauchenden, unrasierten Cyber-Wikingern».

Sie alle ärgern die steten Terrorwarnungen der Politiker, die zu Vorsicht und Wachsamkeit aufrufen, die die Sicherheit in Deutschland neu organisieren wollen und dafür sogar den Einsatz der Bundeswehr im Inland erwägen, allen voran die CDU. Was ihnen derzeit notwendig erscheint, halten viele Bürger für eine Zumutung. Auf wirhabenkeineangst.de machen einige von ihnen ihrem Ärger Luft – mal ironisch, mal zynisch, mal sachlich direkt.

FOTOS: Erhöhte Wachsamkeit Terrorwarnung in Deutschland

Auch beim Erfinder des Blogs stand am Anfang ein großer Ärger. «Ich war in Berlin unterwegs und habe gesehen, wie die Stadt von mit Maschinengewehren bewaffneten Ordnungskräften besetzt wurde. Zeitgleich war in den Medien nur noch von Terror und Bomben die Rede, obwohl es um irgendein Paket ging, was im tiefsten Afrika gefunden wurde», erklärt Sixtus gegenüber news.de. Er habe sich vor allem darüber geärgert, dass auch seriöse Medien an der «Hysteriespirale» gedreht haben.

Zum Beispiel in einem Kommentar der Tagesthemen, in dem auf die Dringlichkeit hingewiesen wird, mit der die strengen Sicherheitsgesetze der USA auch in Deutschland zum Tragen kommen müssten. «Da dachte ich mir: Sind die Leute jetzt besoffen vor Angst oder nehmen die irgendwelche anderen billigen Drogen, die ich nicht kenne», so Sixtus. Wirhabenkeineangst.de solle einen Kontrapunkt zum Aktionismus der Politik und Medien bilden. Denn gefährlicher als ein Terroranschlag seien überaktive Politiker, schreibt der Journalist in seinem Blog. Man wolle den Terroristen die Angst vor ihnen nicht gönnen und rufe den politischen Entscheidern deshalb zu: «Wir haben keine Angst».

VIDEO: Wer Angst hat, ist schon ein Opfer
Video: news.de

Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Angst zu haben oder nicht, ist etwas höchst Individuelles. «Es hängt von sehr vielen Faktoren ab, ob sich der Einzelne im Zuge der Terrorwarnung Sorgen macht», sagt Prof. Dr. Werner Greve vom Institut für Psychologie an der Universität Hildesheim. Ganz entscheidend sei die Wahrscheinlichkeit, die man einem Ereignis in Bezug auf sich selbst beimisst. «Ein Landwirt in Mecklenburg-Vorpommern wird sich denken, dass sein Acker kein Anschlagsziel sein wird. Das kann für eine Schreibkraft im Bundesaußenministerium natürlich ganz anders sein.» Aber selbst in Berlin oder München, den Städten also, deren Bahnhöfe und Weihnachtsmärkte für die Politik als am gefährdetsten gelten, werde es Leute geben, die sich nicht bedroht fühlen.

Ein User, der sich auf wirhabenkeineangst.de als Freiheitsliebender bezeichnet, nennt das, was Greve hier umreißt, «Angst vor Unwahrscheinlichkeiten». Faktisch ist es wahrscheinlicher von einem Hund gebissen oder in einen Autounfall verwickelt zu werden, als bei einem Terroranschlag zu sterben. «In den letzten zehn Jahren sind 60.000 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen und null bei Terroranschlägen. Und selbst wenn jetzt fünf Terroranschläge in Deutschland gleichzeitig passieren würden, dann würde die Statistik noch lange nicht kippen», sagt Sixtus. Wieso aber haben manche Menschen dann trotzdem Angst vor Terror?

«Eine akute Warnung, wenn sie denn ausgesprochen und dann durch die Medien auch jeden Tag in Erinnerung gerufen wird, alarmiert erstmal», erklärt Greve. Die Spezies Mensch habe Angst, um auf Gefahren reagieren zu können. Deshalb habe die Natur diese überhaupt erst erfunden. «Das ist positiv. Also Angst ist eigentlich ein gutes Gefühl, weil sie uns gegen Gefahren schützt und wir entsprechend vorsichtiger sind.» Mit der Zeit finde jedoch eine Art Gewöhnung statt, tritt eine bestimmte Gefahr nicht dauernd ein. Das sei mit der allgemeinen Terrorwarnung auch nicht anders als mit dem Autofahren oder dem Nachbarhund, so der Psychologe. «Die Angst von heute verdrängt die Angst von gestern, und die von morgen kann eine ganz andere sein.»

Medien und Politik drehen an der Angstspirale

Die Omnipräsenz des Terrors in den Medien spiele dabei eine entscheidende, vor allem aber zweischneidige Rolle. «Natürlich haben die Medien die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu wecken, und das kann bei der Fahndung helfen», sagt Greve. Bei der Sauerland-Gruppe etwa sei es durch öffentliche Hinweise gelungen, die Gruppe zu enttarnen. «Andererseits ist natürlich, wenn alle Leute alarmiert sind, die Gefahr der falschen Alarme sehr groß. Also dass man dann auf alles Mögliche achtet, auf eine harmlose Einkaufstüte oder einen Nachbarn, der dunkle Haut hat und der nicht im Geringsten ein Terrorist ist.»

Einer solchen Terrorhysterie wollen sich die User auf wirhabenkeineangst.de nicht anschließen. Sie gehören zu jenen, die Greve als Leute beschreibt, die der Angst trotzen und sagen: «Ich werde mir doch von Terroristen nicht den Alltag abkaufen lassen. Dann hätten sie ja schon erreicht, was sie wollten, ohne eine Bombe zu werfen.» Sie ignorierten die Problematik nicht, sondern näherten sich ihr nur anders an. Das betont auch Sixtus. Es gehe ihm mit seinem Blog nicht gegen Sicherheitspolitik oder Ordnungskräfte im Generellen, sondern darum einen kühlen Kopf zu bewahren. Und um eine gewisse Verhältnismäßigkeit der Reaktionen auf eine vermeintliche oder reale Terrorbedrohung.

Diese verliere sich jedoch in aktuellen Forderungen der Politik nach Vorratsdatenspeicherung und eingeschränkter Pressefreiheit. «Was da passiert, ist, dass in der Realität Rechte - Freiheitsrechte, Bürgerrechte - beschnitten werden, und zwar im Tausch gegen ein virtuelles, ein gefühltes, ein erhofftes Stück mehr an Sicherheit. Und das ist für die Bürger ein sehr schlechter Tausch», so der Journalist und Blogger. Angst sei eben ein schlechter Ratgeber.

Mit Hip-Hop gegen die Angst

Damit scheint Sixtus bei vielen einen Nerv getroffen zu haben, wie er selbst bemerkt. 250.000 Mal wurde sein Blog in den ersten beiden Tagen aufgerufen - mit dieser Resonanz habe er nicht gerechnet. «Es geht ganz offensichtlich vielen so, dass ihnen diese Angstmacherei auf den Zeiger geht.» Mitbloggen kann jeder, der will. Auf die Form komme es nicht an. Die Beiträge werden an eine bekannte Mailadresse geschickt und von Sixtus zwei Mal am Tag freigeschaltet. «Spinner- oder Naziparolen fallen raus. Aber das sind erstaunlich wenig», sagt er.

Am meisten begeistert habe ihn bisher ein eigens zum Thema produziertes Video eines Users. «Da hat sich wirklich jemand hingesetzt und einen Hip-Hop-Song getextet auf die Idee ‹Ich habe keine Angst›. Das ist einfach großartig.» Für sein Projekt wünsche er sich natürlich weiter reichlich Beiträge, und dass sich der ein oder andere Politiker oder Journalist auf wirhabenkeineangst.de verirrt. Denn auf sie ziele die Botschaft der Seite ab - «Calm down, immer mit der Ruhe und bitte abwägen, was ihr jetzt macht.»

Auch Psychologe Greve rät zu Besonnenheit. Im Blog von Sixtus hat er sich zwar noch nicht verewigt, sein Vorschlag würde aber zum Gusto der Seite passen: «Fahren Sie morgen vorsichtig zur Arbeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas passiert, ist viel, viel größer.»

che/news.de

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15 Kommentare
  • David Duchrow

    28.11.2010 21:16

    Ich sehe auch, dass hier unnötig Angst geschürt wird. Information ist sicher gut und wertvoll, aber auf der anderen Seite kann sich jeder, der über ein Bisschen gesunden Menschenverstand verfügt, selbst denken, dass wir hier in einer Kriegsführenden Nation gefährdet sind. Solange wir im Ausland menschen töten, dürfen wir davon ausgehen, dass die das Selbe bei uns versuchen. Angst hilft hier allerdings keinem weiter. Würde man uns einfach mal tatsächlich informieren, wäre das sehr zu begrüßen. Leider ist aber unheimlich viel Panikmache zu lesen, die mit unheimlich wenig Information gewürzt ist.

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  • hpklimbim

    28.11.2010 17:56

    Der größte Terror in diesem Land geht von einem Gebäude in Berlin aus, dessen Dach eine Glaskuppel ziert. Dort sind regelmäßig die Vertreter von max. 5 % der Bevölkerung damit beschäftigt, den Rest zu plündern, zu unterdrücken, mundtot zu machen und seiner demokratischen Rechte zu berauben. Ich habe das hier schon mal in einem anderen Beitrag geschrieben - ich gäbe was dafür, wenn der Laden abheben würde - aber nur mit voller Besetzung.

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  • juergen menges

    28.11.2010 13:50

    Für mich ist das ganze Terrorgehabe nur der Versuch die Bevölkerung zu verängstigen und damit die Überwachung des einzelnen ausweiten zu können. Natürlich darf man nicht blind durch die Welt rennen,aber eine Angsthysterie ist meiner Meinung fehl am Platze und nützt nur dem Überwachungsstaat.Soweit sollten wir es nicht kommen lassen.

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