Arbeitslose in der CDU «Ich erinnere mich nur an Gel├Ąchter»

Katrin Jona war arbeitslos, als sie in die CDU eintrat. Ungew├Âhnlich. Denn Hartz-IV-Empf├Ąnger haben kaum eine Lobby in der Union. Wie f├╝hlt man sich in einer Partei, die sich beim Parteitag ums soziale Profil streitet?

Auf deutschen Stra├čen w├Ąchst der Unmut ├╝ber die Bundesregierung. In den Parteien organisieren sich die Arbeitslosen derweil nicht mehr. Bild: dpa

Es war ihr gro├čer Auftritt, doch der Erfolg hielt sich in Grenzen. So sieht das Katrin Jona im Nachhinein. Vor drei Wochen beim Mitgliederabend stand die Berlinerin, 43, seit 2008 in der CDU, in der voll besetzten Messehalle auf. Entschlossen ging sie zum Mikrofon und sagte Angela Merkel, dass sie ihre Freude ├╝ber den Fortschritt im Land leider nicht teilen k├Ânne. Schlie├člich gebe es in Deutschland noch gen├╝gend Menschen, die keine echte Chance im Leben h├Ątten. Und dann? «Ich erinnere mich eigentlich nur noch an Gel├Ąchter», sagt Katrin Jona.

Sie nimmt es nicht pers├Ânlich. Von 2004 bis Mitte des vergangenen Jahres war sie arbeitslos. Seit dieser Zeit wei├č sie, dass man bei diesem Thema keine breite Mehrheit im R├╝cken hat. Vielleicht war es auch weniger der Inhalt ihrer Rede, der die Heiterkeit im Saal ausl├Âste. Vielleicht war es ja einfach nur die Art und Weise, wie sie ihr Anliegen vortrug. Bewusst hatte sie mit Worten wie «Dauermatrazentester» jongliert. «Ich habe mir das vorher gut ├╝berlegt», sagt sie. Denn nur so sei es m├Âglich gewesen, die volle Aufmerksamkeit der versammelten Parteifreunde zu wecken.

FOTOS: Hartz IV Was den Empf├Ąngern zusteht

Doch wie lange das Thema die Mitglieder an diesem Abend wirklich gefesselt hat, ist unklar. Fest steht nur: Eine gro├če Sozialdebatte gab es nicht – was auch daran liegt, dass Arbeitslose nur eine geringe Lobby haben. Nicht nur in der Union, sondern in allen Parteien.

Blick auf Mitgliederstruktur: Arbeitslose haben keine Lobby

Genaue Zahlen gibt es nicht. Denn in der Union werden sie nicht erfasst. Zwar k├Ânnen Neumitglieder im Aufnahmeantrag ihre Erwerbslosigkeit kundtun. Doch dabei handelt es sich um eine einmalige freiwillige Angabe, die statistisch kaum verwertbar ist. Arbeitslosigkeit sei nicht unbedingt ein Dauerzustand, hei├čt es dazu aus der Parteizentrale auf news.de-Anfrage. Wer vor 10 Jahren als Erwerbsloser eingetreten sei, m├╝sse es heute nicht auch noch sein. Und umgekehrt gelte das gleiche.

«Die Wahrscheinlichkeit aber, dass es viele Arbeitslose in den Parteien gibt, ist sehr gering», sagt Viola Neu zu news.de. F├╝r die Konrad-Adenauer-Stiftung hat sie 2007 die Mitgliederstruktur der Union untersucht. Zwar hat auch die Wissenschaftlerin kein belastbares Zahlenmaterial. Sie sagt aber: «Aufgrund von verschiedenen Partizipationsstudien wissen wir, dass allgemein der Organisationsgrad von Menschen ohne Arbeit nicht besonders hoch ist.» Statt Hartz-IV-Empf├Ąnger seien in allen Parteien vor allem «ressourcenstarke B├╝rger» aktiv.

Als Katrin Jona vor zwei Jahren in die Partei eintrat, war sie also eine Ausnahme. Eigentlich h├Ątte sie damals auch ressourcenstark sein k├Ânnen. Immerhin hatte sie Philosophie studiert, anschlie├čend promoviert und in New York und Jerusalem gelebt. Doch trotz ihrer Qualifikation fand sie erst einmal keinen keinen festen Job. F├╝nf Jahre lebte sie insgesamt von Hartz-IV und bewarb sich vergeblich auf alles M├Âgliche. «Von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin bis zur Putzfrau», sagt sie.

Ist die Union die Partei der sozialen K├Ąlte?

Trotzdem versp├╝rte sie in dieser Zeit die Lust, sich zu engagieren und «einfach mal neue Menschen kennenzulernen», wie sie sagt. Also trat sie in die CDU ein – was f├╝r viele wie ein unlogischer Schritt wirkt. Wieso sollte man als Arbeitslose gerade zur Union gehen? Wieso zog es sie ausgerechnet in die Partei, die f├╝r viele der Inbegriff der sozialen K├Ąlte ist?

F├╝r Katrin Jona sind diese Fragen ein halber Affront. «Wieso nicht?», fragt sie angriffslustig zur├╝ck. «Sollte ich in die Linkspartei eintreten, blo├č weil ich arbeitslos war?» Man k├Ânne es ja nicht von der jeweiligen Lebenssituation abh├Ąngig machen, in welcher Partei man sich engagiere. Generell habe ihr der christlich gepr├Ągte Grundwertekanon der Union und das Bild von der Eigenverantwortung des Menschen besser zugesagt. Und ├╝berhaupt nervt es sie, dass man sie bis heute st├Ąndig auf das Thema Arbeitslosigkeit reduziert. «Ich hatte ja nicht vor, mein ganzes Leben als Bettler zu f├╝hren.» Eigentlich wollte sie, als sie in die Partei eintrat, viel lieber ├╝ber Au├čen- und Bildungspolitik als ├╝ber Hartz-IV diskutieren.

Soweit die Theorie. In der Praxis sieht das Parteileben mitunter anders aus. «Zwischen Idealismus und Realit├Ąt liegt nat├╝rlich immer ein Unterschied», sagt Katrin Jona. Nach zwei Jahren muss sie erkennen: So einfach wie gedacht, l├Ąsst sich das Thema Hartz-IV nicht absch├╝tteln. Zwar hat sie seit einem Jahr einen B├╝rojob in der Volkshochschule. Doch der ist befristet. F├╝r zwei Jahre. Was ihr bleibt, ist die Angst, im Sommer 2011 wieder zum Arbeitsamt gehen zu m├╝ssen.

Einmal Hartz-IV, immer Hartz-IV?

Auch deshalb mischt sich Katrin Jona weiter zu dem Thema ein. «Mir geht es dabei nicht nur um mich», sagt sie. Denn in der Zeit der Arbeitslosigkeit hat sie viele Menschen kennengelernt, die ihr Schicksal geteilt haben. Einziger Unterschied: «Viele hatten schon resigniert». Und genau deshalb dr├Ąngen sich f├╝r Katrin Jona immer wieder dieselben Fragen auf: Wie soll das Zusammenleben in der Gesellschaft k├╝nftig noch funktionieren? Wer k├╝mmert sich um die sozial Schwachen?

Katrin Jona kommt nicht drumherum, Antworten zu suchen und sich in der Partei als F├╝rsprecherin f├╝r die schweigende Minderheit zu positionieren - ob sie nun will, oder nicht. Doch kann eine vereinzelte Stimme eine gesamte Partei aufr├╝tteln?

Beim Mitgliederabend in der Berliner Messehalle f├╝hlte sich Katrin Jona jedenfalls von Merkel & Co. weitgehend ignoriert. «Meine Meinung hat die Dame nicht so wirklich interessiert.» Doch die Berlinerin gibt nicht auf. Sie hat ihre Meinung zu Papier gebracht und an verschiedene Stellen in der Partei verschickt. Auch ans Konrad-Adenauer-Haus. Die Antworten fallen f├╝r ihren Geschmack noch d├╝rftig aus. «Wahrscheinlich ist Frau Merkel selber noch ratlos», sagt Jona.

Die CDU und die Suche nach dem Profil

Tats├Ąchlich steht Merkel in den eigenen Reihen schwer unter Beschuss. F├╝r Konservative und Wirtschaftsliberale steht ein Plus an Sozialpolitik au├čerhalb jeder Debatte. Seit Monaten gei├čeln sie deshalb ├Âffentlich die Kanzlerin. Sie verw├Ąssere das klare Profil und r├╝cke die Partei zu weit nach links, lautet ihr Vorwurf. In den kommenden Tagen, wenn die Unionsleute sich in Karlsruhe zum Bundesparteitag treffen, wird deshalb ein hitziger Richtungsstreit erwartet.

Die Kanzlerin selber ist das Gezerre um Positionen und ihre Person allm├Ąhlich leid. «Die einen sagen Linksrutsch, die anderen behaupten das Gegenteil», blaffte sie schlecht gelaunt beim Mitgliederabend in das Mikrofon. Alle w├╝rden erwarten, dass sie Position beziehe. Doch das ginge in einer Volkspartei nicht. Und erst recht k├Ânne das nicht die Vorsitzende tun. «Ob linker oder rechter Fl├╝gel», sagte Merkel. «Ich muss daf├╝r sorgen, dass sich alle in der Partei wohlf├╝hlen.»

cvd/news.de

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21 Kommentare
  • RAGNAROEKR

    17.11.2010 15:37

    Antwort auf Kommentar 19

    ER macht sich nur einmal die M├╝he, einem Gefalls├╝chtigen nachzugeben. Zun├Ąchst ist ER nicht dazu da, Ihnen und dem linken Scherbenhaufen einen Gefallen zu tun. Denn ER kl├Ąrt auf und hier zwar in der zynischen Form gegen├╝ber einer Anma├čung, auf einer Parteiveranstaltung sein eigenes Problem ausbreiten zu wollen. Das kann die Dame bei den Sozis o. der Gewerkschaft (ist das etwa keine Lobby?) machen, aber nicht im Rahmen von Veranstaltunge ernst zu nehmender Parteien. Die betreiben n├Ąmlich Politik und behandeln nicht Einzelfallschicksale. Daher ist der tr├Ąnenreiche Kommentar v├Âllig verfehlt.

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  • Michel1966

    16.11.2010 11:42

    Antwort auf Kommentar 19

    Mit dem Satz: "Gerade dieses zusammenhanglose Gequatsche zeigt, dass das Volk zu dumm ist,einen politischen Willen zu formulieren." hat er teilweise schon Recht. Wenn man viele Kommentare hier liest, erkennt man schnell die Kurzsichtigkeit vieler Leute. Es werden teilweise nicht die Zusammenh├Ąnge und die Altlasten gesehen. Man kann nicht einfach so alles umkrempeln und neu anfangen. Deswegen ist die Demokratie auch das z├Ąheste und langsamste System. Bis die sich einig sind, sind die n├Ąchsten am regieren.

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  • gehtnicht

    15.11.2010 19:10

    Antwort auf Kommentar 17

    stimmt Ihr Kommentar ist wie viele andere auch vorher, total ├╝berfl├╝ssig,d├╝mmlich,arrogant ,unqualifiziert! Tunen Sie mir und vielen Usern hier einen gro├čen Gefallen, bleiben Sie diesem Forum fern! Gehen Sie lieber auf Gelb/Schwarze Parteitage,melden Sie sich doch zu Wort da sind Sie unter Ihres Gleichen mit dem selben Stuss zuverbreiten!

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