«Langsam reicht's» Castor-Einsatz macht Polizisten fertig

Teils 24 Stunden ohne Essen sind die Polizisten während des Castor-Transports im Einsatz. Die Blockaden und das ständige Katz-und-Maus-Spiel im Wald zermürben. Gewerkschaften sehen die Polizisten als Opfer politischer Fehlentscheidungen.

Castor (Foto)
Stundenlanges Katz-und-Maus-Spiel mit Demonstranten im Wald - die Polizisten gelangen an ihre Grenzen. Bild: dpa

Der Polizist am Verladebahnhof Dannenberg ist ahnungslos. «Ich weiß nicht, was hier abgeht, wir erfahren es doch eh immer als Letzte.» Seit fünf Stunden parkt der Castor knapp 30 Kilometer entfernt auf freier Fläche bei Dahlenburg. Die Polizei braucht schließlich sechs Stunden, um Tausende Blockierer bis morgens aus dem Gleisbett zu räumen.

Polizisten sprechen von abgeschnittenen Nachschublinien, Traktorblockaden meuternder Wendländer hätten zudem den Austausch von Einheiten verhindert. Hunderte Beamte sind am Ende der Kräfte - dabei teilen viele das Anliegen der Atomgegner.

«Die Einsatzbelastung ist sehr hoch», betont Polizeimeister André Fischer aus Sankt Augustin am Verladebahnhof der Castoren. «Aber es ist meine Pflicht, hier meinen Job zu machen.» Die Kälte, das Leute-Wegtragen, die Leuchtraketen, das sorgt alles für eine psychische Belastung, erläutert Polizeioberkommissar Herbert Kreykenbohm.

Castor-Transport: Massive Proteste gegen Atommüll

«Kollegen kommen nicht mehr aus ihren Einsatzanzügen»

Wie chaotisch dieser zwölfte Castor-Transport nach Gorleben zum Teil verläuft, zeigt sich am eigentlich stark gesicherten Verladebahnhof Dannenberg, wo die hoch radioaktive Fracht heute dann nach rund zwölf Stunden Stillstand doch noch einläuft, um stundenlang für die letzte Straßenetappe ins Zwischenlager Gorleben vorbereitet zu werden. Rund zehn Aktivisten gelingt es beinahe, zum Castor-Zug vorzudringen, bevor sie abgefangen werden können.

Der Gewerkschaft der Polizei (GdP) platzt angesichts der Zustände beim Castor 2010 der Kragen. «Ob in Stuttgart oder heute im Wendland, meine Kolleginnen und Kollegen kommen wegen politischer Fehlentscheidungen nicht mehr aus ihren Einsatzanzügen», klagt Bundesvize Bernhard Witthaut. Es könne nicht sein, dass die Polizei dafür den Kopf hinhalten müsse. Bis zu 24 Stunden hätten Kollegen draußen in der Kälte mit knurrendem Magen gestanden, heißt es.

Noch nicht einmal eine heiße Suppe oder einen Tee habe es für viele der im weitläufigen Wendland eingesetzten Kollegen gegeben, moniert der niedersächsische GdP-Vize Dietmar Schilff. Es sei oft nicht einmal bekannt gewesen, wo Polizisten mit Essen versorgt werden mussten. Der Chef der Deutschen Polizei-Gewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, sieht die Polizisten «absolut am Ende ihrer Kräfte».

«Langsam reicht's, ich brauch mal was zu essen»

Bis zu 20.000 Beamte mussten diesen beispiellosen Einsatz stemmen, es gab bundesweit so gut wie keine Reserven mehr, die zum Austausch der Einheiten angefordert werden konnten. Die Polizei sei für diesen Einsatz viel zu schwach aufgestellt gewesen, wird kritisiert. Der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Stefan Paris, sieht jedoch keine Überforderung der Polizei. «Das Ereignis war absehbar und ist sehr, sehr gut vorbereitet worden», sagt er in Berlin.

Die Polizei-Gewerkschafter warnen gerne mit schrillen Tönen vor unzumutbaren Personalkürzungen und einer Überforderung, doch diesmal bestätigen dutzende Beamte, dass der Einsatz schwer zu ertragende Zustände angenommen habe.

Seit 20 Stunden steht zum Beispiel die Einheit aus Bochum in der Kälte. «Langsam reicht's», sagt ein Polizist, «ich brauch mal was zu essen». Seit 1996 düst der DPolG-Gewerkschafter Hans-Joachim Zastrow während der Castor-Transporte an die Frontlinien und erkundigt sich, wo der Schuh drückt. Aus seiner mobilen Cappuccino-Station kann er zumindest einigen Kollegen etwas Heißes anbieten.

Vier Mann auf zwölf Quadratmetern in der Jugendherberge

Auch wenn das heiße Wasser leer ist, als er bei der Einheit aus Nordrhein-Westfalen eintrifft, werden die Hanutas Zastrow und seinen Begleitern Jochen Anbergen (54) und Heiko Teggatz (37) aus den Händen gerissen. «Ich bin der Kümmerer», sagt der 56-jährige Polizist, der in seiner Gewerkschaft der Chef für den Bereich Bundespolizei ist.

«Wenn vier Kollegen im Einsatz in einer Jugendherberge auf zwölf Quadratmetern untergebracht sind, geht das natürlich nicht», berichtet Zastrow auch von vereinzelten Unterbringungsproblemen. Wie viele Millionen am Ende der Chaos-Castor kosten wird, ist noch unklar - von bis zu 50 Millionen Euro ist die Rede.

Die Polizei-Gewerkschaften finden, das Maß sei voll, zumal die Atomkonzerne den Transport nicht zahlten, sondern der Steuerzahler. Die Castor-Gegner hingegen haben ihr Ziel erreicht. Mit friedlichen Blockaden, aber auch gewaltsamen Auseinandersetzungen an den Gleisen, werden die Kosten so in die Höhe getrieben, dass eine Debatte über den Sinn der Castor-Transporte nach Gorleben losbrechen dürfte.

Gegen die Erschöpfung durch den zähen Einsatz in diesem Jahr können auch «Kümmerer» wie Zastrow nichts machen. Mit seinen Kollegen besucht er auch eine Bundespolizei-Einheit aus Pirna, die eine Straße absichern muss. Ebenfalls seit über 20 Stunden sind die Polizisten im Einsatz. Zumindest bekamen sie was zu essen, sagt einer: «Um 23 Uhr gab's mal ein lauwarmes Bami Goreng.»

tno/ivb/news.de/dpa

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Porfi
  • Kommentar 3
  • 10.11.2010 09:20
Antwort auf Kommentar 2

Sag mal wie kommst du eigentlich dazu mayday zu beschimpfen? Bevor du so etwas sagst bitte das nächstemal den Kopf einschalten! Hätten nämlich diese Polizisten nicht diese (übrigens nur eingesetzten) Machthaber durch Ihre Macht unterstützt,dann hätten wir heute gar nicht so viele HartzIV Empfänger. Diese Machthaber und ihre Erfüllungsgehilfen (wozu jeder gehört der sich ihnen unterwirft)haben es doch erst soweit kommen lassen. Und nochmal zu deiner Ausdrucksweise:Wer Andere mit solchen Begriffen wie du sie benutzt beschimpft,sollte einmal über seine Eigene oberflächliche Einstellung nachdenken

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  • spielt keine Rolle
  • Kommentar 2
  • 09.11.2010 14:08

Jau, alles klar. Polizisten legen am besten die Uniform nieder und verprügeln Zecken (verdient hätten sie es ja!!!). Dann wird das Beamtenverhältnis aufgelöst und sie können alle von Hartz IV leben... Wer in diesem Land kann es sich leisten, sich gegen seinen Arbeitgeber zu stellen, du Vollbirne? Du hast wohl mayday im Kopf...!

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  • mayday
  • Kommentar 1
  • 09.11.2010 13:02

Die ständige Angst, seinen Job zu verlieren, bedroht nicht nur Polizisten, die als Berufs-Täter stets Handlanger der Machthaber sind. Das ändert sich nicht, wenn sie angemessen versorgt würden. Vielleicht ist für sie nun die Zeit gekommen, sich stärker zur eignen Überzeugung zu bekennen. In der Geschichte gibt es Vorbilder: da wurde in Uniform gegen Befehle gehandelt, Uniformen ausgezogen, Waffen 'umgedreht' und selbst Militärs verweigerten den Schießbefehl (der unserer Polizei droht: s. EU-Gesetzgebung). Jeder Polizist ist Mensch und Bürger und kann sich rechtzeitig besinnen.

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