Renate Künast Straßenkämpferin auf dem Weg ins Rathaus?

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier, Berlin
Eine Grüne kann Geschichte schreiben: Renate Künast könnte die erste Regierende Bürgermeisterin der Ökopartei werden. Die Berliner trauen ihr das Kunststück im Umfragehoch zu. Doch der Weg ist steinig für die Frau, die früher auf den Straßen den Aufstand probte.

Die einen halten sie für eine spröde und unnahbare Person. Für andere ist sie eine schlaue und knallharte Verhandlerin. Die Meinungen über Renate Elly Künast gehen weit auseinander. Um das zu erfahren, muss man dieser Tage nur in die Zeitungen schauen. Viel wird über die Fraktionsvorsitzende der Grünen geschrieben. Kein Wunder, schließlich will die Realo-Frau, die früher vor dem Brandenburger Tor mit einer zwölfstündigen Sitzblockade für Tempo 30 demonstrierte, Berlins neue Regierende Bürgermeisterin werden.
 

Von der Straßenkämpferin zur Regierungschefin - das ist der Stoff, aus dem Legenden und Schlagzeilen gestrickt werden. Künast allerdings sieht das auf ihre Art viel nüchterner: Sie will sich eigentlich nur Spitzenkandidatin nennen. Noch hat sie diesen Titel nicht. Doch am heutigen Freitagabend soll ihre Kandidatur offiziell verkündet werden.

Unter der Überschrift «Erweiterter Mitgliederabend mit Renate Künast» haben die Hauptstadt-Grünen 600 Gäste ins Museum für Kommunikation eingeladen. Kaum einer in der Partei bezweifelt noch ernsthaft, dass sich Künast zur Herausforderin von Amtsinhaber Klaus Wowereit (SPD) küren lassen will. Seit Monaten ist diese Absicht das offenste Geheimnis von ganz Berlin.

Die Wahlchancen stehen für Künast nicht schlecht. Mittlerweile sehen die Meinungsforscher die Grünen in der Stadt als stärkste Partei. In der aktuellsten Umfrage liegen sie mit 29 Prozent bereits zwei Prozentpunkte vor der SPD – ein Trend, der sich seit Jahren angedeutet hatte. Von Wahl zu Wahl wurde Berlin immer grüner, weswegen die Gedankenspiele über einen eigenen Bürgermeisterkandidaten nun nicht mehr überraschend kommen.

In der Berliner Gerüchteküche brodelte es schon lange

Bereits vor der vergangenen Bundestagswahl dachten die Parteispitzen über diese Möglichkeit nach. Beim TV-Duell zwischen Merkel und Steinmeier tauchte Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke im Berliner Sendezentrum auf. Im Gepäck hatte sie die neuesten Umfragezahlen. «Wenn die sich so in Berlin bestätigen», raunte sie damals, «dann muss man wohl bald über einen eigenen Kandidaten nachdenken.»

So sah man das auch im Landesverband, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits eine interne Sondierungsphase verordnet hatte. Schnell tauchte in der Gerüchteküche der Name von Künast auf. Zuletzt hielt er sich so hartnäckig, dass er an der Basis nicht mehr weg zu bekommen war.

Bei einer Sitzung des Berliner Ortsverbandes in Schöneberg diskutierten die Mitglieder kürzlich die Zukunft ihrer Partei. Zu Gast war auch Steffi Lemke. In jeder Wortmeldung tauchte mit einer Selbstverständlichkeit die «Renate» auf, sodass sich die Bundesgeschäftsführerin schon gezwungen sah, die Erwartungen herunterzupegeln. «Na, sie muss sich ja erst mal entscheiden», sagte Lemke damals.

Künast bringt den wichtigen Stallgeruch mit

Doch offenbar hat sich Künast nun entschieden. Die Aussicht, erste Grüne im Amt des Regierenden Bürgermeisters zu werden, ist dann doch zu verlockend. Möglicherweise wird sie damit sogar die erste grüne Ministerpräsidentin in der Geschichte. Das hängt davon ab, ob ihren Parteifreunden in Baden-Württemberg im März 2011 ein ähnliches Kunststück gelingt. In Berlin wird im Herbst gewählt.

Für die 54-Jährige wäre ein Wahlsieg zweifelsfrei die Krönung der Karriere. Geboren in Recklinghausen, absolvierte sie erst die Fachhochschule für Sozialarbeit und arbeitete anschließend in der Haftanstalt Berlin-Tegel. Es folgte ein Jurastudium. Schon damals nahm die Politik einen Großteil ihres Lebens ein. Seit 1979 machte sie die Ochsentour durch die Parteigremien und erwarb sich den bei Politikern so geliebten Stallgeruch. 14 Jahre saß sie bereits im Berliner Abgeordnetenhaus, bis 2001 sogar als Fraktionsvorsitzende. Dann holte sie Gerhard Schröder (SPD) als Landwirtschaftsministerin in sein Kabinett.

Auf den ersten Blick wirkt ihre Karriere damit wie ein Selbstläufer. Doch die Frontfrau mit der kurzen Mähne hat nicht nur Fans. Ihre Spötter halten sie für überschätzt.

Lesen Sie auf Seite 2 über Feind und Freund von Renate Künast und ihre wahren Talente

Die Künast-Kritiker stören sich besonders an ihrem mangelnden Redetalent. Wenn die Fraktionsvorsitzende ans Mikrofon tritt, dann wirkt sie spröde und angriffslustig zugleich. Beides vermischt sich in ihren Reden oftmals zu verqueren Sätzen. Böse Zungen unterstellten ihr in einem Bericht der Wochenzeitung Die Zeit sogar «intellektuelle Defizite».

Gegen böse Nachrede von Kollegen war noch nie ein Politiker gefeit. Doch bei den Künast-Kritikern handelt es sich eher um Hinterbänkler. In der ersten Reihe der Regierungsgarde genießt sie derweil viel Respekt. Laut Zeit soll Gerhard Schröder sie «Granate Renate» getauft haben. Der große Joschka Fischer traute ihr derweil sämtliche Posten zu – von der EU-Kommissarin bis zur UN-Botschafterin.

Die Anerkennung kommt nicht von ungefähr, darauf verweisen die Künast-Freunde gerne. Schließlich polte sie in ihrer Amtszeit das Landwirtschaftsministerium von einem Lobbyausführungsorgan der Agrarindustrie zu einem echten Verbraucherschutzministerium um und drückte in Brüssel wichtige Deals durch. «Davon können Großdenker nur träumen», lässt sich Parteifreundin Katrin Göring Eckardt zitieren. «Das schaffen sie nicht, wenn sie nur ein loses Mundwerk haben.»

Vor diesem Hintergrund trauen ihr viele auch die Aufgabe in Berlin zu. 47 Prozent der Berliner können sich die Grüne als Regierungschefin vorstellen. Doch auch wenn alle Umfragen auf dem Papier Künast einen Erdrutschsieg prophezeien – einen Freifahrtschein hat sie noch lange nicht. Tatsächlich steht sie vor einer Mammutaufgabe.

Einem grünen Wahlsieger fehlt der Partner

Das größte Problem: Mit wem sollte sie im Falle eines Wahlsieges regieren? Mögliche Koalitionspartner sind rar: Für die SPD mit Klaus Wowereit grenzt der Angriff auf den Chefsessel an Majestätsbeleidigung. Man werde sich keineswegs mit der Kellnerrolle abgeben, heißt es. Bleiben nur Linkspartei oder CDU. Doch bevor mit den beiden ein Bündnis geschlossen werden kann, müssten sich alle Partner inhaltlich und mental mächtig um sich selbst drehen.
 

Noch sind das aber Gedankenspiele im luftleeren Raum. Denn vor alledem müssen die Umfragewerte in zählbare Stimmen umgemünzt werden. Noch glaubt niemand daran, dass man am Ende genauso dasteht, wie es prophezeit wird. Nicht wenige Grüne fürchten ein Platzen der großen Umfrageblase.

Darauf setzt man auch in der SPD. Dort verweist man darauf, dass der Wahlkampf noch gar nicht richtig angefangen hat. Zwar können sie im Moment nicht verhindern, dass ihrem Spitzenkandidaten schon lange Amtsmüdigkeit nachgesagt wird, weil er lieber lustlos den Berliner Marathon startet, als sich auf dem Parteitag der Integrationsdebatte zu stellen. Aber es gibt auch Stimmen, die sagen: Man sollte einen Klaus Wowereit nie zu früh abschreiben.

Insofern steht Künast dem Herausgeforderten in nichts nach. Bei beiden gilt: eine Person, zwei Meinungen. Doch welche stimmt? Über diese Frage werden sich alle Beteiligten in den kommenden Monaten noch heftig die Köpfe heiß diskutieren. Entscheiden können es aber am Ende nur die Wähler.

che/reu/news.de

Leserkommentare (15) Jetzt Artikel kommentieren
  • hellboy
  • Kommentar 15
  • 19.11.2010 13:07

Die gute Frau sollte sich besser bei den Schildbürgern als OB bemühen. Dort passt sie mit ihren grünen Kumpeln wohl besser hin...

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  • hpklimbim
  • Kommentar 14
  • 06.11.2010 11:22
Antwort auf Kommentar 4

Hat es sich bei dieser Beschreibung da nicht um einen Krampfadler Marke grüner Beamtenpleitegeier im Bruchgeschwader Bundestagspleitegeier handeln sollen???

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  • berniboy
  • Kommentar 13
  • 06.11.2010 09:43

Asseroo, das siehst du falsch, sie ist katastrophaler als Wowereit. Schon allein mit der Ausländerpolitik, da ist Wowereit schon Krass mit seinem Multi-Kulti,nur Künast ist ein Zacken schärfer. Rate mal wer diese Partei die Stimmen gibt? Meine Zustimmung haben auch JRS und hpklimbim! Atommüll und S21 aber was können die Grünen noch außer anderen für ihren shit zu gewinnen Nichts!

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