Flucht aus Bagdad Der Muster-Migrant

Leipzig (Foto)
Die Familie al-Haideri in ihrem Wohnzimmer in Leipzig. Da sie bis heute nicht wissen, wer sie im Irak umbringen wollte, schauen sie lieber nicht in die Kamera. Bild: news.de

Von news.de-Redakteur Timo Nowack, Leipzig
«Wir sind hier in Deutschland, da müssen wir die Sprache lernen»: Der Iraker Osama al-Haideri zeigt mit seiner Familie, wie Integration trotz Problemen funktionieren kann. Und wie wichtig es dafür ist, dass der Staat Migranten in Deutschland einen guten Start ermöglicht.

Osama al-Haideri liebt Fußball. Als die Deutschen 2006 das WM-Sommermärchen im eigenen Land feierten, schaute er sich die Spiele auf dem Fernseher in seiner Wohnung in Bagdad an. Am Tag der WM-Eröffnung wurde seine Tochter Yasmeen geboren - in einer der gefährlichsten Städte der Welt. «Damals hätte ich nie gedacht, dass ich mal nach Deutschland komme», sagt al-Haideri.

Vier Jahre später sitzt der heute 31-Jährige wieder in seinem Wohnzimmer vor dem Fernseher - in Leipzig. Er trägt eine beige Cargohose, einen weiß-gelb-braun gestreifen Pulli, eine dünne Brille und kurze dunkle Haare mit hohem Ansatz. Neben ihm auf der rosa Eckcouch seine Frau Rand und die kleine Yasmeen. Im TV läuft der Kinderkanal. Eine braune Schrankwand, ein Couchtisch, auf dem eine Packung Ferrero Rocher steht, Plastikblumen - wäre niemand zu Hause, würde man nicht merken, ob hier eine deutsche oder eine irakische Familie lebt.

«In Bagdad kann man getötet werden, wenn man auf die Straße geht», sagt al-Haideri. In der Stadt herrsche die Angst. «Woanders wird man von der Polizei beschützt, bei uns kann man der Polizei nicht vertrauen. Das ist eine Katastrophe.» Er erzählt das alles in fehlerfreiem Deutsch, auch wenn er die Sprache erst seit anderthalb Jahren lernt. Nur bei langen, anstrengenden Gesprächen wechselt er ins Englische, wenn es möglich ist. Doch selbst dann vertut er sich manchmal, sagt «aber» statt dem englischen «but» und «mit» statt «with».

«Wenn du weiter arbeitest, töten wir dich.»

Al-Haideri war schon immer ein Sprachtalent. Im Irak arbeitete er als Dolmetscher im Ministerium für Wasserressourcen, seine Frau war beim Innenministerium beschäftigt. Eines Tages bekam er einen Anruf. Ein Mann sagte: «Wenn du weiter für das Ministerium arbeitest, töten wir dich.» Wer ihn bedrohte und warum, weiß er bis heute nicht. Vielleicht wegen seines Jobs im Ministerium. Vielleicht hatte es auch etwas damit zu tun, dass er und seine Familie Mandäer sind, eine im Irak verfolgte religiöse Minderheit, genau wie Christen.

«Drei Monate war ich zuhause», sagt al-Haideri. Dann flohen er mit seiner Frau, seiner Tochter und seinen Eltern aus dem Irak. Erst nach Syrien, dann nach Deutschland. Sie hatten Glück im Unglück: Als Mandäer nahm das Uno-Flüchtlingshilfswerk sie in ein Programm auf, das 10.000 Flüchtlingen eine dauerhafte Perspektive in Europa geben sollte - 2500 davon in Deutschland. Zusammen mit 119 anderen Irakern landeten sie im März 2009 im Grenzdurchgangslager Friedland, nahe Göttingen. Osama al-Haideri übersetzte die Fragen der wartenden Journalisten den anderen Flüchtlingen aus dem Englischen ins Arabische. 

Dreieinhalb Monate später holten Christine Mewes und ihre Kollegen von der evangelischen Migrationsberatung Naomi die al-Haideris nach Leipzig. Erst kamen sie in einem Flüchtlingswohnheim unter, dann konnten sie ihre kleine Wohnung beziehen. Die Eltern leben nur einige Häuser entfernt.

«Das ist unsere Vorzeigefamilie», sagt Mewes heute. «Sie sind sehr integrationswillig und auch integrationsfähig.» Für die kleine Tochter hat Naomi einen Kindergartenplatz organisiert und nachdem der Osama einen Integrationskurs und einen Sprachkurs absolviert hatte, haben sie ihm einen Tipp gegeben für ein Praktikumsstelle. «Da hat er sich dann aber selber drum gekümmert, das klappt gut», sagt Mewes. Jetzt ist er Praktikant bei der Deutschen Angestellten-Akademie und macht einen Sprachkurs für kaufmännisches Deutsch.

Deutschlernen mit dem Kinderkanal

Die al-Haideris haben sich ihre Sprachkenntnisse hart erarbeitet - auch Frau Rand besucht gerade einen Sprachkurs und kann sich schon verständigen. Dabei half auch das Fernsehen. «Am Anfang hatten wir keine Satellitenschüssel», sagt Osama. «Das war gut für uns, denn so hatten wir nur deutsches Fernsehen. Wir haben Nachrichten und Kindersendungen angeguckt. Wenn wir ein Wort nicht wussten, haben wir im Internet nachgeschaut.»

Fernsehen, Internet, Sprachkurse, eine eigene Wohnung - die al-Haideris haben es gut dafür, dass sie Flüchtlinge sind. Und sie sind ein Beispiel dafür, wie wichtig staatliche Unterstützung für eine gelungene Integration ist. Weil sie mit dem Uno-Programm nach Deutschland gekommen sind, haben sie eine Aufenhaltsgenehmigung, müssen keine Ausweisung fürchten und beziehen mit Hartz IV ein kleines Einkommen. «Das ist überhaupt kein Vergleich zu Asylbewerbern», sagt Mewes. «Die müssen jahrelang kämpfen, um hier bleiben zu dürfen, bekommen wenig Geld, keinen Sprachkurs, haben keine Bewegungsfreiheit und sind zentral untergebracht.»

Trotz aller Vorteile: «Einfach ist es nicht, gerade am Anfang», sagt al-Haideri. Selbst für ihn war es zu Beginn schwierig, die Sprachbarriere zu überwinden und in Kontakt mit Deutschen zu kommen und nicht nur mit anderen Irakern. Dabei sei genau das nötig. «Manche arabischen Leute reden nur mit anderen arabischen», sagt er. Aber so könne man die Sprache nicht lernen. «Es geht um Integration», sagt der Flüchtling. «Wir sind hier in Deutschland und da müssen wir die Sprache lernen.» Sonst könne man sich ja nicht mal am Bahnhof ohne Probleme ein Straßenbahnticket kaufen.

«Er sagt immer freundlich Guten Tag»

Viele regelmäßige private Kontakte zu Deutschen haben auch die al-Haideris noch nicht. Aber sie reden mit den Leuten bei Naomi, Osama auf seiner Praktikumsstelle, Rand, wenn sie Yasmeen in den Kindergarten bringt. Und auch den Nachbar hat Osamah am Anfang direkt eingeladen.

«Er hat mich gleich mit reingenommen und mir seine Schrankwand gezeigt», sagt der 85-jährige Herr Angermann von nebenan. «Ich war ganz erstaunt, weil die meisten Multikultibürger ja Abstand halten.» Sie kämen gut miteinander aus, auch wenn sie sich nur ab und zu zufällig im Hausflur begegneten. Osama habe ihm erzählt, dass er eine Fortbildung mache. «Er spricht relativ gut Deutsch und sagt immer freundlich Guten Tag», lobt Angermann.

Al-Haideri denkt indes viel an seine Heimat. Er erzählt von amerikanischen Besatzern, der irakischen Geschichte, dem Einfluss der Iraner - und davon, dass er gerne irgendwann einmal zurückkehren würde. Doch das wäre zurzeit viel zu gefährlich. Ein Umzug in Deutschland kommt ebenfalls nicht infrage. Zwar hat er gehört, dass man im Westen einfacher Arbeit finde, doch aus Sachsen wegziehen dürfen sie nicht ohne weiteres. Außerdem lebt sich Yasmeen gerade im Kindergarten ein.

Während seine Tochter in einem Nachthemd mit Lego-Aufdruck über die Couch springt und ihm dann einen Gute-Nacht-Kuss gibt, sagt Osama: «Ich glaube, wir bleiben die nächsten Jahre hier in Leipzig.»

che/news.de

Leserkommentare (11) Jetzt Artikel kommentieren
  • hector
  • Kommentar 11
  • 11.10.2010 11:57

Wir können doch nicht jeden einfach in Deutschland aufnehmen, bloß weil der erzählt, er sei in seinem Heimatland verfolgt. Es hat sich doch in der ganzen Welt bis in die Urwälder herumgesprochen, was man erzählen muss, um in Deutschland Asyl zu erhalten.

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  • NRW
  • Kommentar 10
  • 09.10.2010 13:39
Antwort auf Kommentar 7

Also alle in die fdp-Finanzmatratzen-Partei! Ein leben nach dem Motto:"Wenn jeder für sich sorgt,ist auch für alle gesorgt!" Und nun etwas Bürgerkunde für "debakel-bürgerdumm". Artikel 20. 1.Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Staat.

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  • ART
  • Kommentar 9
  • 09.10.2010 13:31
Antwort auf Kommentar 5

"Bei uns"!? Uns und die,wir und ihr!Stereotypes Abwerten,Vorurteile pflegen und neue Mauern bauen.Ergüsse von Halbbildung mit dem kleingeitigen Wunsch,sich selbst zu erhöhen und sich somit besser zu fühlen.Unter der Maske steckt noch immer die "Fabel vom Herrenmenschen und Untermenschen!"Armer Hund,platz!

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