Migranten Der Arzt muss Taxi fahren

Von der Uni hinters Lenkrad: 300.000 hochausgebildete Migranten müssen sich mit niederen Jobs durchschlagen, weil ihre Zeugnisse in Deutschland nicht anerkannt werden. Dabei könnte die Industrie ihr Fachwissen gut gebrauchen.

Taxifahrer demonstrieren in Berlin (Foto)
Als in Berlin die Taxifahrer für eine bessere Bezahlung demonstrierten, waren auch viele Migranten dabei. Nicht alle machen den Job freiwillig. Bild: dpa

Er hat Physik und Mathe studiert und arbeitet jetzt als Elektriker bei einem Verkehrsbetrieb. Sie hat Grundschulpädagogik studiert und arbeitet jetzt als Betriebswirtin. Ardalan Ameen und Larissa Nies haben sich ihre Jobs nicht selbst ausgesucht. Er stammt aus dem Irak und sie aus Russland. Beide leben aber seit ein paar Jahren in Leipzig - und genau das ist das Problem. Denn die Berufsausbildung der beiden Migranten wurde in Deutschland nicht anerkannt. Ihre Geschichte ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Larissa Nies spricht fast perfekt Deutsch und hält eine blaues Heft in der Hand. Das ist ihr Diplom, erworben in Russland. In Deutschland ist es nichts wert. «Meine Ausbildung entspricht nicht den Voraussetzungen für das deutsche Diplom», sagt sie. So wurde es der Pädagogin jedenfalls nach einem Behördenmarathon mitgeteilt. Sie könne weder als Erzieherin noch als Betreuerin arbeiten. «Ich hatte mit meinem russischen Diplom keine Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt», sagt sie. Ihr blieb nur eine Umschulung zur Betriebswirtin.

Migration: Deutsche Politiker mit dem Exoten-Bonus

Ähnlich erging es dem Iraker Ardalan Ameen, als er als politisch Verfolgter nach Deutschland kam. Es führte kein Weg zur Anerkennung seines Diploms. Zwei Jahre lang schulte er um, ist nun Elektrotechniker. «Schade, dass wissenschaftliche Fähigkeiten in Deutschland nicht gebraucht werden», sagt er. Larissa und Ardalan sind noch zwei positive Beispiele, immerhin haben sie einen Job in Deutschland. Es ist nicht ungewöhnlich, dass der ausgebildete ausländische Arzt in Deutschland als Taxifahrer endet.

300.000 Fachkräfte warten auf einen politischen Urknall

Doch ausländische Fachleute werden gebraucht. Das hat auch die Politik erkannt, nicht erst in der aktuellen Migrationsdebatte. Bereits die Große Koalition wollte einen Rechtsanspruch für ein Anerkennungsverfahren von ausländischen Bildungsabschlüssen auf den Weg bringen. Allein: Geklappt hat es nicht. «Dass hundertausende Zuwanderer gar nicht oder nur weit unter ihrer Qualifikation arbeiten, ist eine untragbare Verschwendung von Ressourcen», sagt Serkan Tören zu news.de. Den integrationspolitischen Sprecher der FDP ärgert die Situation schon seit geraumer Zeit.

Immerhin: Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat einen neuen gesetzgeberischen Anlauf gestartet. Entsprechend der Verpflichtung im Koalitionsvertrag haben die Fachpolitiker zwei Monate nach ihrem Amtsantritt ein Eckpunktepapier vorgelegt. Demnach sollen Migranten einen Rechtsanspruch auf ein Anerkennungsverfahren bekommen. Die Prüfung soll maximal sechs Monate dauern. Um die Eingliederung in den Arbeitsmarkt zügig zu gewährleisten, müssten nach Ansicht der Koalitionäre aber noch in den Bundesländern Erstberatungsstellen eingerichtet und die Angebote für Anpassungsqualifizierungen und berufsbezogene Sprachförderungen ausgebaut werden. 2011 soll dann endgültig ein Gesetzentwurf vorliegen.

Die Notwendigkeit ist jedenfalls gegeben. Schätzungsweise 300.000 Migranten haben ein Interesse an einem vereinfachten Verfahren. Das weiß Bundestagsmitglied Daniela Kolbe (SPD) zu berichten. Sie sitzt im Innenausschuss und befasst sich für ihre Partei mit dem Thema. «Migranten haben es auf dem deutschen Arbeitsmarkt sehr schwer», sagt sie zu news.de. Arbeitgeber würden generell verhaltener auf Migranten-Bewerbungen reagieren, außerdem gebe es rechtliche Beschränkungen. Zum Beispiel sind einige Menschen in Deutschland nur geduldet oder in ein Asylverfahren involviert. Hinzu komme die Problematik mit der Anerkennung der Abschlüsse.

Stillstand seit elf Jahren: SPD und FDP schieben sich Schuld zu

Bereits ihr Parteifreund Olaf Scholz (SPD) hatte als schwarz-roter Arbeitsminister in einer Studie feststellen lassen müssen, dass durch diese Einflüsse viel Wissen verloren geht. Die SPD fordert daher eine schnelle Lösung, auch wenn sie selbst in der vergangenen Legislatur in der Regierung saß und keine Einigung erzielen konnte. «Wir haben vor zwei Wochen den Stand der Dinge nachgefragt», sagt Kolbe. Die Antwort von Schwarz-Gelb: Das Gesetz sei in Arbeit.

Eine Antwort, die die Sozialdemokraten alles andere als zufriedenstellt. Mit einem eigenen Antrag zu dem Thema soll die Debatte weiter befeuert werden. So fordert die SPD ebenfalls, dass ein Anerkennungsverfahren nicht länger als sechs Monate dauern soll. Außerdem verlangen sie, dass beruflich und formal erworbene Qualifikationen mit anerkannt werden sollen. Zudem sollen Migranten finanziell unterstützt werden, sofern Nachqualifizierungen nötig seien.

In der FDP kann man über die plötzliche Aktivität nur müde lächeln, ebenso über die Ungeduld. Bei der Anerkennung handele es sich schließlich um eine «komplizierte Rechtsmaterie», sagt Tören. Bei der Ausarbeitung des Gesetzes müssten EU-Regelungen und einzelne Vorschriften in Berufsgesetzen beachtet und mit den Ländern abgestimmt werden. Diese «Feinheiten» bräuchten Zeit. «Niemand hat etwas davon, wenn später ständig nachgebessert werden muss», wehrt sich Tören.

Den Vorwurf der Untätigkeit findet der Integrationsexperte ohnehin verfehlt. Das Problem des «Anerkennungsdschungels» sei lange bekannt und die SPD habe in elf Regierungsjahren keinerlei Lösungen herbeigeführt. Im Gegensatz zur Vorgängerregierung habe man nun ein Gesetz auf den Weg gebracht. Tören: «Ich kann die Initiative der SPD daher nicht wirklich ernst nehmen.»

news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (20) Jetzt Artikel kommentieren
  • debema
  • Kommentar 20
  • 26.04.2011 16:14

Es praktitieren viele Ärzte mit Migrationshintergrund in Deutschland. Deshalb sollte der TaxiFahrer sich bei den berufstätigen Migranten erkundigen, wie es geht, statt anderen auf der Tasche liegen.

Kommentar melden
  • alfgarfield
  • Kommentar 19
  • 17.12.2010 22:10

Als Arbeitgeber bin ich auf der Suche nach Leuten, die meine Arbeit erledigen können. Dafür zahle ich den marktüblichen Lohn. Bei Mangel an Arbeitskräften etwas mehr, bei Überangebot nehme ich das sich mir bietende billigste Angebot. Dabei kann es mir egal sein, wer was an Qualifikation nachweisen kann. Hauptsache für mich ist dabei nur eins: Schafft er/sie die gestellte Arbeitsaufgabe? Folglich ist die Diskussion um Anerkennung von Abschlüssen nur blödes Palaver von Politikern, die sonst zu nix taugen. Diese Politiker gehören schnellst möglichst abgewählt.

Kommentar melden
  • jonikasch
  • Kommentar 18
  • 17.11.2010 20:37

Am Ende bleibt alles nur Image-Pflege-Geschwätz der "Politischen Klasse".Gestern waren meine Frau und ich auf der AA Pirmasens,um uns sagen zu lassen,daß "in Pirmasens (Akademiker-)Förderung in diesem Umfang" möglich ist."So was hatten wir hier noch NIE...Es muss auch noch etwas für die (Arbeitslosen) übrig bleiben, die im Dezember zu uns kommen." Meine Frage:"Sie wollen also sagen,IN PIRMASENS(50.000 Einw.,ca.10%Russl.-Deutsche) HAT seit 1990 NIE 1 ÄRZTIN finanzielle Wiedereingliederungsförderung ("Bildungsgutschein") erhalten?" AA-Sachbearbeiterin:"JA..." Merke:russ.Akad. = dt.Putzfrau

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig