Mo., 13.02.12
Integration

Sarrazin-Debatte Deutschland hat viel nachzuholen

Von news.de-Redakteur Christoph Heinlein

Artikel vom 06.09.2010

Die SPD will Thilo Sarrazin ausschließen, die Kanzlerin plädiert für seinen Rauswurf aus der Bundesbank. Viele Deutsche aber applaudieren dem Provokateur und wittern Zensur hinter der Kritik an seinen Thesen. Müssen wir mehr auf die Stammtische hören?

Die Zensur hat Deutschland im Griff und bedroht die Meinungsfreiheit: Es ist die Diktatur der «politisch Korrekten». Diesen Eindruck kann zumindest bekommen, wer sich dieser Tage durch die Medienlandschaft blättert, zappt, klickt. In zahllosen Leserbriefen und User-Kommentaren wird die vermeintliche Zensur der «Gutmenschen» angeprangert, in Blogs und Meinungsbeiträgen der Mainstream-Medien wird die Klage zur Theorie aufgebläht. Und auch vor den Talkshows machen die Mahner und Warner des bedrängten freien Wortes nicht halt.

 Am Sonntagabend war es der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, der bei Anne Will einmal mehr aus der Mottenkiste holte, was schon so oft zu hören war: Die «neuen Jakobiner» in Politik und Medien verbieten dem Volk den Mund. Kritik am Islam und den Muslimen ist tabu, von Migranten darf nichts gefordert, Sanktionen nicht verhängt werden. Deswegen, so Bolz, sei die leidend-schweigende Mehrheit dem Krawallmacher Thilo Sarrazin dankbar, dass er mit seinem Buch «Deutschland schafft sich ab» und seinen steilen Thesen am Rande nun endlich diese Tabus breche. Und dafür soll er nun mundtot gemacht werden?

Diese Theorie ist, sooft sie auch wiederholt wird, vor allem eins: hahnebüchener Unsinn. Selbstverständlich dürfen in Deutschland der Islam und Integrationsdefizite mancher seiner Anhänger kritisiert werden. Von diesem Recht machen viele seit langem ausgiebig Gebrauch, keineswegs nur Sarrazin. Ob Spiegel-Kolumnist Henryk M. Broder oder Publizist Ralph Giordano, ob Orientalist Hans-Peter Raddatz oder die Soziologin Necla Kelek, an lauten und breit wahrgenommenen Warnungen vor der Religion der Muslime fehlt es nicht. Und gerade in der «Islamkritik» ist eine Tonlage salonfähig geworden, die tatsächlich zu einem – berechtigten – öffentlichen Aufschrei führen würde, richtete sie sich etwa gegen Juden oder auch gegen deutsche Arbeitslose.

Thilo Sarrazin spitzt seine Thesen in einer Weise zu, die man durchaus für rassistisch halten kann. Er pöbelt ja nicht zum ersten Mal gegen Zuwanderer. Wenn er, wie im September 2009 in einem Interview, von «den Türken» fabuliert, die dank höherer Geburtenrate Berlin übernähmen, die «ständig neue kleine Kopftuchmädchen» produzierten und sonst keine produktive Funktion hätten, dann ist das eben kein seriöser Debattenbeitrag mehr, sondern zumindest grenzwertige Polemik. Mit seinem Gefasel von einem allen Juden gemeinsamen Gen hat er diesmal den Bogen überspannt.

17 Prozent würden eine Sarrazin-Partei wählen

Man kann darüber diskutieren, ob Bundesregierung und Bundespräsident, ob Sarrazins Arbeitgeber in der Bundesbank und seine Parteikollegen in der SPD die richtige Vorgehensweise gewählt haben, indem sie seinen Rauswurf betreiben, bevor eine eingehende Untersuchung sich mit seinem Buch und seinen Äußerungen beschäftigt hat. Und auch, ob seine Thesen tatsächlich so schlimm sind, dass er für Bundesbank und SPD nicht länger tragbar ist, darüber kann man diskutieren. Man darf aber eben auch die Meinung äußern, dass es so ist, und man darf Konsequenzen fordern – es ist billig, das als Meinungsdiktatur abzutun.

Nicht abtun darf man allerdings auch etwas anderes: Die Tatsache, dass viele Deutsche Sarrazin applaudieren, ohne sich die Frage überhaupt zu stellen, ob da Rassismus mitschwingt. Eine merkwürdige Kluft tut sich auf in der öffentlichen Debatte: Während die Parteispitzen und ein Großteil der Journalisten zumindest den Stil des Noch-Bundesbankers ablehnen, ist die Bevölkerung in dieser Frage tief gespalten. In Internetforen und auf Leserbriefseiten fast aller deutschen Medien überwiegen die Sarrazin-Unterstützer. Umfragen ergeben ein Patt, und immerhin 17 Prozent der Deutschen erklärten in einer aktuellen Studie, sie könnten sich vorstellen, eine Sarrazin-Protestpartei zu wählen.

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Sarrazin-Debatte: Deutschland hat viel nachzuholen » Politik » Nachrichten

URL : http://www.news.de/politik/855072222/deutschland-hat-viel-nachzuholen/1/
Schlagworte:
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Leserkommentare (9)
  • Kommentar: 9
  • 12.09.2010 16:28
von
Marti

Wer an einer deutschen Uni Dinge sagt, die den Islam in keinem guten Licht erscheinen lassen, hat seine Karriere bereits hinter sich, wenn er Geisteswissenschaftler ist. Das gilt auch, wenn es sich dabei um unumstrittene Fakten handelt. Ein Professor der Islamkunde in Tübingen meinte zu mir, die von mir vorgetragenen Dinge seien zwar Fakten, es handle sich aber um "polemische Fakten" und deshalb dürfe man sie nicht nennen. Mittlerweile habe ich das Studienfach gewechselt. Diese Art von Tabuwissenschaft macht das Problem mit dem Islam unlösbar. Schuld daran sind die polit-korrekten Eliten.

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  • Kommentar: 8
  • 09.09.2010 07:51
von
Hironymus

Nun dieser Norbert Bolz hat ja noch gefehlt im Reigen der Volksbesudler u es scheint, dass aus jeder zum Superlativ gebrachten Meinung zu einer Wissenschaft sublimiert wird! Was gibts über Medien schon zu forschen, über Tendenzen die jeder Mensch mit Spürsinn und Instinkt artikulieren kann! Aber Norbert Bolzer hat ja genug Vorläufer u die Chance gewittert, dass, wenn man sich im "Politicel Correctness" sich bewegt, sehr sehr lukrativ für sein eigenes Konto sein kann u auch ist! Armes Deutschland !!!!!

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  • Kommentar: 7
  • 07.09.2010 20:49
von
Ole
Antwort auf Kommentar 5

Noch nicht gemerkt,du Ideot?Deutschland hat gewählt!Beim Nichtwahlkrampf hat das"wählerdumme Bürgerdumm"die fdp zur Partei gemacht und Merkel sollte eigentlich"durchregieren"!Hatte doch vorher 4Jahre üben können.Dirk N ebel wollte sich abschaffen!?Adam Ries Brüderle(minus+minus=plus)neuer Atom-Minister und nun die fdj-Prinzessin(noch Stammtisch-Kanzlerin)mit einer Revolution!?!Ja ist denn so ne Art"Marx-Zeit"für Brennstäbe?!?Was willst du "Wurzel-Ei"mit deinem"Sarrazenen-Genen",Atom ist angesagt,da braucht es weder Sprache noch Bildung!Und sag deinen Stammtischen,für den Nutzer keinen Cent.

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  • Kommentar: 6
  • 07.09.2010 20:22
von
Ole
Antwort auf Kommentar 4

Habe bei einer 10-tägigen Rundfahrt im gemieteten Ford vom Iriesee nach New York und weiter bis Chikago wiel erlebt.Was bis heute als irrsinnig erscheint ist an einem Sonntag ein Einkauf in einem Meiers-Einkaufszentrum mit Salbenapotheke.Die Möglichkeit für 16-jährige vom Einkauf von Kleinkaliberwaffen und Munition.Für mich als Offizier a.D.ein Unding.Dagegen wurde an der Kasse unser Kauf einer Flasche Wein nicht genemigt,da Sonntag sei!?!Alle USA-Filmlegenden auf die sie so stolz sind,haben geraucht und Whisky gesoffen,das zu den Unsitten!Ware US-Christen.

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  • Kommentar: 5
  • 07.09.2010 16:53
von
wurzelei

Wann ist ein Stammtisch kein Stammtisch? Wenn er am Wahltag "richtig" wählt! Die Politik lebt in einer Parallelwelt, nicht nur bestimmte "Migranten". Dieses Volk hat die Regierung nicht verdient. Je nach Betonung kann man sich seinen Sinn herauslesen. Die Zustimmung zu Sarrazins Thesen sind jedenfalls umwerfend. Ein Deutscher ist nur dann ein guter Deutscher, wenn er zahlt, was sogar unsere Oberen glauben, das Volk aber nicht mehr. Ein Aufstand wird unweigerlich kommen! Das ist so sicher wie die Ebbe im Geldbeutel. Deutschland ist nicht das Sozialamt der Welt!

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  • Kommentar: 4
  • 07.09.2010 13:31
von
Radi Radenkovich

Sehr schöner Kommentar, sehr sachlich. Ich habe keine Angst vor einer neuen rechten Partei. Die Italiener sind uns immer voraus. Erst mit ihrem Duce, seit längerem mit Berlusconi. Es wird kommen. Ich will sehen, wer mitmacht! Die Methode sich über "Gutmenschen" und "Meinungsjakobiner" zu beschweren, kommt aus USA, wie so viele Unsitten. Dort werden auf diese Art Umweltschützer oder jegliche Bürgerinitiative, die entsprechende Syndikate beim Profit machen stören, teils heftigst bearbeitet. Und Moslems sind die neuen Juden. Das ist auch klar.

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  • Kommentar: 3
  • 07.09.2010 10:23
von
Wächterrat

Endlich ! Der kange erwartete Kommentar des Erlanger Islamwissenschaftlers ist da. Jetzt fehlt nur noch der von Herman Huber.

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  • Kommentar: 2
  • 07.09.2010 07:27
von
Anne Hagen

Bitte Herr Heinlein, wachen Sie auf.

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  • Kommentar: 1
  • 06.09.2010 21:43
von
frei

freie Meinungsäusserung,kritik ist nirgens gefragt, es wird gleich mit missbraucch oder netiqutte abgetan, das ist ein grosser Fehler.Jetzt kommt einiges angestautes auf uns zu.

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