Vorbild USA Locken Ballerspiele bald die Rekruten?

Ob an der Uni oder vor dem Shopping-Center: Die US-Armee sucht überall nach Soldaten - und greift dabei zu krassen Werbemaßnahmen. Das könnte für die Bundeswehr zum Vorbild werden, denn wird die Wehrpflicht ausgesetzt, müssen Freiwillige her.

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US-Soldaten packen ihre Habseligkeiten zusammen, bevor sie von Kuweit in die USA zurückfliegen. Dort ist die Armee permanent auf der Suche nach Nachwuchs. Bild: ap

Sie sitzen in einem HummerDer Hummer ein Geländewagen der US-amerikanischen Automarke Hummer. Der Hummer wurde vor allem durch den Einsatz seines militärischen Vorbilds HMMWV während des Golfkriegs weltbekannt (Quelle: Wikipedia). , die Waffe im Anschlag, den Feind im Blick. Und Schuss. Doch nicht der schwere Wagen bewegt sich, sondern die vermeintlichen Gegner auf der Leinwand. Außerhalb des dunklen Raums: das Klischee des «American way of life» - ein riesiges Shopping-Center. Die Kampfsimulation ist Teil des «Army Experience Center», das zwei Jahre lang im Einkaufspark in der Nähe von Philadelphia zu finden war. Dort konnten Jugendliche ab 13 Jahren Kriegsspiele am Computer und in Simulationen ausprobieren. Und wer mehr über die Armee erfahren wollte, bekam die kostenlose Werbetour gleich noch dazu.

Bundeswehreinsätze: Sanitäter und Kampftruppen

Vor knapp einem Monat hat das US-Militär das «Army Experience Center» wieder geschlossen. Aber nicht etwa, weil es ein Misserfolg gewesen ist oder der durchaus vorhandene Protest gegen diese Art der Eigenwerbung riesig gewesen wäre. Es war von vorneherein nur ein zeitlich begrenzter Test, um eine neue Marketingstrategie auszuprobieren. Und er war erfolgreich: Seit das Center und fünf weitere Rekrutierungsstationen im August 2008 in Philadelphia eröffnet worden waren, hatten sich 15 Prozent mehr Männer und Frauen für eine Militärkarriere entschieden.

«Wir werden sehen, ob wir es (Anmerkung der Red: die Videospiele und Simulationen) überall im Land einsetzen können», zitierte die Philadelphia Weekly Brian Lepley, einen Sprecher der US-Armee. Der sich aber natürlich auch beeilte, zu betonen, dass das Zentrum nicht zum Ziel hatte, junge Leute für den Dienst an der Waffe zu gewinnen - sondern eben nur ein Marketingexperiment. Ein 12 Millionen Dollar teures Experiment, das nach offiziellen Angaben mehr als 40.000 Besucher anzog. 236 von ihnen meldeten sich zur Armee.

Armee-Rekrutierung: Schlechtes Vorbild Amerika
Video: news.de

Derzeit jedoch muss die Armee nicht mehr ganz so tief in die Tasche greifen, um zu Rekrutieren. Dank der Wirtschaftskrise verzeichnet das Militär einen einmaligen Zulauf. In unsicheren Zeiten scheint die Sicherheit der US-Armee verlockend – trotz gefährlicher Auslandseinsätze.

Wahre Helden gesucht

Das «Army Experience Center»  ist nur ein Beispiel für den hohen Grad an Professionalität, den die USA an den Tag legen, um Nachwuchs für ihre Freiwilligenarmee zu sichern. Mehr als 1,4 Millionen Amerikaner arbeiten nach Angaben des Verteidigungsministeriums für die US-Armee. Um diese Truppenstärke aufrecht zu erhalten, bedarf es einer professionellen Eigenwerbung. Nach Angaben des Pentagon rekrutierte das Heer im Haushaltsjahr 2009 etwa 70.000 neue Soldaten, die Marine 35.500, die Marine-Infanterie 31.400 und die Luftwaffe knapp 32.000.

Darum kümmern sich beim «United States Army Recruting Command» etwa 9000 Soldaten und Zivilisten. Ihre einzige Aufgabe, wie es auf der Homepage heißt: «Die Stärke der Armee zu beschaffen.» Dafür wird auf diversen Internetseiten mit dem Image des starken Mannes geworben, Interessierte können etwas über «wahre Helden» erfahren oder die Familienfreundlichkeit der Armee beworben.

Landesweit gibt es mehr als 1600 Büros, in denen sich Interessierte für den Militärdienst melden können. Und natürlich wird auf der Straße um neue Soldaten geworben. In den vergangenen Jahren wurde immer wieder Kritik an der US-Armee laut, die auf der Suche nach neuen Soldaten für die Irak- und Afghanistan-Feldzüge auch gezielt Menschen mit einer schlechten Schulbildung und kriminellem Hintergrund ansprachen.

Drohen in Deutschland ähnliche Verhältnisse?

Drohen in Deutschland nun ähnliche Verhältnisse? Die Sorge, dass der Bundeswehr der hochqualifizierte Nachwuchs ausgehen könnte, ist in den vergangenen Monaten im Berliner Regierungsviertel nicht geringer geworden. Schuld ist der Vorstoß von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), die Armee radikal zu verkleinern und die Wehrpflicht auszusetzen. Letzteres war jahrzehntelang der Garant dafür, dass junge Männer und Frauen aus allen Bevölkerungsschichten in der Truppe präsent waren.

Doch seit sich die Bundeswehr immer öfter in internationale Krisenabenteuer stürzen muss, könnten immer mehr gebildete Schulabgänger von einem freiwilligen Dienst an der Waffe zurückschrecken. So warnte der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold unlängst im Gespräch mit news.de vor dem Verlust einer «gewissen Intelligenz» innerhalb der Bundeswehr und bezeichnete diese Entwicklung als «fatal».

Bei der Bundeswehr teilt man diese Sorge – weshalb seit Jahren verstärkt Imagepflege betrieben wird. Um nicht in Personalnot zu geraten und später die Soldaten wie in den USA vor Supermärkten zu rekrutieren, lässt die Armeeführung bereits jetzt mit geschätzten 1000 Reklame-Einsätzen pro Jahr den Soldatenberuf in Schulen, auf Marktplätzen oder auf Volksfesten im richtigen Licht erscheinen. Hinzu kommen rund 700 Patenschaften, die zwischen Einheiten und Verbänden der Bundeswehr mit Städten und Kommunen geschlossen werden. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei hervor, die news.de vorliegt.

Bundeswehr bald auch in Schulen präsent?

Seit Monaten schon ist die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr der Linkspartei ein Dorn im Auge. Auch die Patenschaften, bei der eine Fregatte nach einer Stadt benannt wird oder die Truppe bei der Durchführung eines Volksfestes hilft, stößt auf Kritik. «Unzweifelhaft wird angestrebt», schreiben die linken Bundestagsabgeordneten, «dass in der Bevölkerung ein Verständnis und eine Akzeptanz der Bundeswehr und ihrer Ziele entsteht.» Dass die Partei die aktuellen Ziele der Bundeswehr nicht teilt, ist kein Geheimnis. Seit Jahren wettern die Linken gegen die Beteiligung an internationalen Einsätzen und eine aus ihrer Sicht schleichenden Militarisierung der Gesellschaft.

Die Bundesregierung kann bei all diesen Tätigkeiten aber nichts Anrüchiges finden. Die Initiative gehe von den Kommunen aus und könne jederzeit aufgelöst werden, heißt es in der Antwort. Und auch SPD-Experte Arnold sieht in der Imagepflege kein Problem. Natürlich bestehe das Risiko der Schönfärberei durch externe Werbebüros, sagte er im Interview. Doch umgekehrt verankere das öffentliche Auftreten die Truppe in der demokratischen Gesellschaft und mache eine Kontrolle einfacher. Insofern könne sich die Bundeswehr auch «in Schulen präsentieren».

jek/hav/news.de

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Leserkommentare (7) Jetzt Artikel kommentieren
  • Auge
  • Kommentar 7
  • 28.06.2011 19:25

Ich frage mich,müssen wir im "alten Europa" den Amis alles nachmachen? Was tun wir in Afghanistan, unsere Freiheit verteidigen?Das ist doch lachhaft. Unsere Soldaten, Frauen und Männer, sterben für nichts.Da ich sehr hohen Respekt für die Einsatzkräfte habe und nicht begreifen kann, dass wir nur aus "panamerikanischen Gründen" unsere sogenannte Freiheit verteidigen, kann ich gut verstehen, dass sich sehr wenige Bundesbürger für ein Abenteuer dieser Art einlassen.

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  • Fenris
  • Kommentar 6
  • 27.06.2011 19:50

Dachdecker werben nicht mit Unfallrisiken und Krankenpfleger nicht mit dem Infektionrisiko und Altenpfleger nicht mit dem Traumata, wenn man längjährig gepflegte Menschen verliert. Die Bundeswehr hat, im Gegensatz zu der amerikanischen Armee keine Ziele, sondern einen Auftrag und versucht diesem nach zu kommen. Die Polizei (selber Polizist) wirbt auch für Nachwuchs, und die Bundeswehr benötigt tatsächlich alle Bildungsschichten und wirklich charakterstarkes Pesonal. Wie der Auftrag erfüllt wird, liegt doch im Engagement eines jeden Einzelnen. Also selber hin und besser machen!!!

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  • ohnename
  • Kommentar 5
  • 10.09.2010 20:37

"Um nicht in Personalnot zu geraten und später die Soldaten wie in den USA vor Supermärkten zu rekrutieren, lässt die Armeeführung bereits jetzt mit geschätzten 1000 Reklame-Einsätzen pro Jahr den Soldatenberuf in Schulen, auf Marktplätzen oder auf Volksfesten im richtigen Licht erscheinen." WO LIEGT DER UNTERSCHIED? P.s.: Bundeswehr in der Schule ist echt böse Propaganda. Wirklich alle möglichen negativen Folgen für den Einzelnen werden verschwiegen.

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