So., 12.02.12

Atomstreit Ein Gutachten, zwei Meinungen

Von Tim Braune und Georg Ismar

Artikel vom 30.08.2010

Kaum liegt das Atomgutachten auf dem Tisch, ist es mit der schwarz-gelben Gemeinsamkeit vorbei. Der Wirtschaftsminister empfiehlt lange AKW-Laufzeiten, der Umweltminister winkt ab. Und die Kanzlerin hat sich sowieso noch nicht festgelegt.

Die Inszenierung der schwarz-gelben Energiekompetenz stand unter keinem guten Stern: Als FDP-Mann Rainer Brüderle die Vorzüge längerer Atom-Laufzeiten für Verbraucher und Industrie pries, ging plötzlich das Licht aus. Jemand hatte im Foyer des Wirtschaftsministeriums das Licht ausgeknipst.

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) konnte sich da ein schelmisches Lächeln nicht verkneifen. Zwar ließen Brüderle und Röttgen bei ihrem Stehempfang eine gemeinsame Pressemitteilung zu den von der Regierung bestellten Rechenmodellen verteilen. Doch bei der zentralen Frage, wie lange in Deutschland noch Atomstrom produziert werden soll, liegen die Minister unverändert weit auseinander.

Phasenweise drängte sich bei dem gut 20-minütigen Auftritt der Eindruck auf, Röttgen und Brüderle hätten zwei unterschiedliche Gutachten gelesen. Wo der Wirtschaftsminister bis 2030 mit Einsparungen beim Strompreis von bis zu acht Milliarden kalkuliert, sieht Röttgen durch längere Nutzung von Atomstrom nur einen marginalen Kostenvorteil im Cent-Bereich je Kilowattstunde.

«Kein Sommerspaziergang durchs Siebengebirge»

Einig sind sich beide, dass auf die Regierung in der Energiepolitik noch viel Arbeit wartet: «Der mit den Szenarien beschrittene Weg ist kein Sommerspaziergang durchs Siebengebirge», sagt Brüderle. «Bei dem, was wir vorhaben, geht es eher um die Eiger-Nordwand.»

Die Wissenschaftler selbst schränkten ihre über 250 Seiten starke Analyse mit entwaffnender Offenheit ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass jedes der beschriebenen Ereignisse - vom Strompreis über die Häuserdämmung bis zum Elektroauto - so eintrete wie kalkuliert, lasse sich über einen Zeitraum von 40 Jahren nicht belastbar einschätzen. «In verschärfter Form gilt dies für die Eintrittswahrscheinlichkeit der Szenarien insgesamt.»

Erstaunlich ist auch, dass die von der Regierung beauftragten Experten der drei Institute Prognos, EWI und GWS mit einem um fünf Prozentpunkte geringeren Ökostromanteil bis 2020 rechnen als die Koalition selbst.

Während aus den Gutachten kein klares Atom-Votum hervorgeht, schaffte es auch die Kanzlerin, nach ihrer vermeintlich klaren Aussage vom Wochenende («Fachlich 10 bis 15 Jahre ist vernünftig») - die vom Vize-Kanzler Guido Westerwelle voll gestützt wurde - neuen Raum für Spekulationen zu öffnen.

Regierung bloß nicht auf Jahreszahlen festnageln

Angela Merkel ließ nun erklären, man solle die Regierung noch nicht auf Jahreszahlen festnageln. Sie habe am Wochenende nur die Analyse der vorliegenden Szenarien und Empfehlungen der Gutachter wiedergegeben - politisch sei alles offen. Und überhaupt werde beim Energiekonzept alles der Sicherheit der Atomkraftwerke untergeordnet.

An diesem Punkt hält der Atomkraft-Skeptiker Röttgen, der vom Wirtschaftsflügel seiner Partei seit Monaten hart angegangen wird, einen Trumpf in der Hand. Er will den Atomkonzernen vorschreiben, dass alle Kernkraftwerke gegen Flugzeugabstürze und Terrorangriffe besser geschützt werden müssen. Das würde ins Geld gehen.

Die Gutachter haben errechnet, dass bei einer zwölfjährigen Laufzeitverlängerung die 17 deutschen Meiler für insgesamt 20,3 Milliarden Euro nachgerüstet werden müssten. Bei älteren Reaktoren könnten die Konzerne gezwungen sein, den Stecker zu ziehen - weil sich der Betrieb nicht mehr lohnen würde. Das wäre ein Weg für die Regierung, um in der atomkritischen Öffentlichkeit zu demonstrieren, dass den Stromkonzernen nichts geschenkt werde.

Schwarz-Gelb hat jetzt noch vier Wochen Zeit, um eine juristisch wasserdichte Laufzeitverlängerung hinzubekommen, die den Klagen von SPD, Grünen und Ländern vor dem Bundesverfassungsgericht standhält. Zuvor soll an diesem Mittwoch die umstrittene BrennelementesteuerDie Steuer ist Teil des schwarz-gelben Sparpakets. Die Atomkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW? sollen künftig eine neue Brennelementesteuer von jährlich 2,3 Milliarden Euro zahlen. Damit soll ein Teil der Zusatzgewinne der Konzerne bei längeren Atomlaufzeiten abgeschöpft werden. im Kabinett auf den Weg gebracht werden.

Brüderle und Röttgen müssen nun einen gemeinsamen Nenner finden und plausibel machen, warum das Land überhaupt noch länger Atomstrom braucht, und wie die Probleme beim Ausbau der Stromnetze gelöst werden sollen. Röttgen kündigte an, wenn das Konzept unter Dach und Fach sei, werde er den «Kollegen Brüderle» zu einer Wanderung ins Siebengebirge einladen. Das wäre deutlich entspannter als die Eiger-Nordwand.

hav/news.de/dpa
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Atomstreit: Ein Gutachten, zwei Meinungen » Politik » Nachrichten

URL : http://www.news.de/politik/855071290/ein-gutachten-mehrere-meinungen/1/
Schlagworte:
Akw-Laufzeiten, Analyse, Angela Merkel, Arbeit, Atom-Laufzeiten, Atomkonzerne, Atomkonzernen, Atomkraftwerke, Atomlaufzeiten, Atomstrom, Auftritt, Ausbau, Aussage, Beauftragten, Betrieb, Brennelementesteuer, Brüderle, Bundesverfassungsgericht, Carola Stern, CDU, Dach, Deutschland, Dirk Lange, Eiger-Nordwand, Eindruck, Einsparungen, Elektroauto, Empfehlungen, Energiekonzept, Energiepolitik, Entspannter, Ereignisse, Erklären, Erstaunlich, Euro Eon, Euro Jährlich, Euro Mittwoch, Euro Pressemitteilung, Euro Spekulationen, Euro Zahlen, Euro Zuvor, EWI, Experten, Fach, Fachlich, FDP-Mann, Flugzeugabstürze, Form, Foyer, Frage, Geld, Gemeinsame, Georg Behlau, Georg Fleischhauer, Georg Friedrich, Georg Glueck, Georg Heygster, Georg Kaiser, Georg Meier, Georg Peters, Georg Ratzinger, Georg Ringsgwandel, Georg Rosenthal, Georg Sterzinsky, Gestützt, Grünen, Guido Balmer, Guido Bergmann, Guido Brunetti, Guido Buchwald, Guido Grünheid, Guido Hammesfahr, Guido Hertel, Guido Kambli, Guido Siebenhaar, Guido Westerwelle, Gutachten, Gutachter, GWS, Heinz Georg, Industrie, Institute, Inszenierung, Jahre, Jahren, Jahreszahlen, Joe Hart, Kabinett, Kanzlerin, Kernkraftwerke, Kilowattstunde, Klagen, Koalition, Kollegen, Konzept, Konzerne, Kostenvorteil, Kurt Georg, Lächeln, Land Probleme, Land SPD, Ländern, Lange Geraden, Lange Jahre, Lange Schlangen, Lange Steffen, Lasse Sobiech, Laufzeitverlängerung, León Norbert, Licht, Lucas Licht, Luise Rainer, Meiler, Merkel, Milliarden, Minister, Mittwoch, Monaten, Nadja Pries, Nenner, Norbert Barthle, Norbert Meier, Norbert MicheliszUngarnBMW, Norbert MicheliszUngarnSunred, Norbert Oberhaus, Norbert Röttgen, Norbert Tadeusz, Norbert Trelle, Norbert Vettel, Norbert Walter-Borjans, Offenheit, Öffentlichkeit, Ökostromanteil, Oliver Lange, Partei, Phasenweise, Pressemitteilung, Pries, Probleme, Prognos, Prozentpunkte, Punkt, Rainer Bock, Rainer Bonk, Rainer Brüderle, Rainer Gallus, Rainer Hanke, Rainer Höfer, Rainer Holmer, Rainer Jensen, Rainer Köttstorfer, Rainer Mendel, Rainer Thumann, Rainer Werner, Raum Athen, Raum Cleveland, Raum Danzig, Raum Halle, Raum LEL, Raum Sicherheit, Raum Strategien, Raum Vechta, Raum Zugesagt, Raum Zuvor, Reaktoren, Regierung, Röttgen, Rudi Georg, Sabrina Lange, Sascha Lange, Schaffte, Schwarz-Gelb, Schwarz-Gelben, Sicherheit, Sowieso, Sparpakets, SPD, Spekulationen, Stecker, Stern, Stromkonzernen, Stromnetze, Strompreis, Szenarien, Terrorangriffe, Tim Bendzko, Tim BendzkoColumbia, Tim BendzkoColumbia55ZazZazSony, Tim BendzkoSony75ZazZazSony8NeuThees, Tim Dodson, Tim Fehlbaum, Tim Grohmann, Tim Hollingsworth, Tim Jürgens, Tim Knol, Tim Kring, Tim Kruse, Tim Lippe, Tim Witthaus, Trumpf, Umweltminister, Unverändert, Verbraucher, Verteilen, Vize-Kanzler, Volker Lange, Vorzüge, Wahrscheinlichkeit, Wanderung, Westerwelle, Wirtschaftsflügel, Wirtschaftsminister, Wirtschaftsministeriums, Wissenschaftler, Wochen, Wochenende, Zeit, Zeitraum, Zuvor,
Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 03.09.2010 16:34
von
Ole
Antwort auf Kommentar 1

Klar ist,solange die vier Stromanbieter das Monopol haben,und in der Zukunft millionen Euro an den alten und teilweise maroden Atom-Anlagen verdienen,kämpfen sie über Lobbyismus,Erpressung der Regierung und dann wider 30milliarden Freikaufsumme! In der Vergleichenden Rechnung hat der"Rolf"natürlich die Kosten der sich auftürmenden Altlasten und die Endlagerung einfach weggelassen.Unverantwortlich wie die Stromanbieter oder einfach Unwissenheit?Wir brauchen konkurrierende Anbieter in Lande und der ganzen Welt,wozu sonst die Strombörse in Leipzig,die hat übrigens einen Überschuß!

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  • Kommentar: 1
  • 30.08.2010 19:52
von
rolf

Es ist immer wieder nicht nachzuvollziehen, das die Regierung nicht in der Lage ist , Probleme gemeinsam zu beschließen und nicht in der Öffentlichkeit diskutiert. Das zeigt den schlechten Führungsstil.Hü und Hot. Nichts passiert auf allen Ebenen, obwohl allen klar sein sollte, ohne Atomstrom in den nächsten Jahren werden wir vorerst nicht auskommen. Doch warum um uns herum Atommeiler stehen und wir lieber den Strom dann kaufen, versteht keiner mehr.Das die erneuerbare Energie die Strompreise in die Höhe getrieben hat ist leicht zu errechnen und war auch nicht nachzuvollziehen.

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